Kultur : Der Patient Bach: Seine Handschriften zerfallen - Tintenfraß!

Anne Strodtmann

Am 28. Juli jährt sich zum 250. Mal der Todestag von Johann Sebastian Bach. Die Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, die rund 80 Prozent der Werkautographen besitzt, hat ihre Aktivitäten zu diesem Ereignis auf die Restaurierung vom Zerfall bedrohter Notenhandschriften des großen Komponisten konzentriert. Gestern präsentierte sie einige der am schwersten betroffenen Blätter wie das Sanctus aus der h-Moll und die ersten mit dem Papierspaltverfahren geretteten Autographen.

Die Schäden wurden durch den so genannten Tintenfraß verursacht, den Fachleute seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts mit wachsender Sorge beobachteten. Die Eisen-Gallus-Tinten, die auch Bach benutzt hatte, tragen den Keim der Zerstörung in sich: Früher oder später "wandern" im Verlauf komplizierter chemischer Prozesse Eisen-Ionen aus der Verbindung heraus und bilden mit dem Luftsauerstoff Eisenoxid.

Gleichzeitig entstehen Säuren, die das Papier allmählich zerfressen. Was sollen, was können die Verantwortlichen in Museen und Bibliotheken dagegen tun? Immerhin weisen 1468 der 8000 Bach-Autographen im Besitz der Staatsbibliothek bereits schwerste Schäden auf. "Zuklappen, weglegen und abwarten" - diesen Rat gab im Oktober 1997 Rudolf Elvers, als in einer öffentlichen Veranstaltung darüber diskutiert wurde, wie man mit den durch Tintenfraß schwer geschädigten Notenhandschriften von Johann Sebastian Bach umgehen sollte. Elvers war von 1968 bis 1988 Leiter der Musikabteilung in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in West-Berlin. Anlässlich Bachs 300. Geburtstag 1985 hatte er bereits auf das Problem aufmerksam gemacht.

Aber auch zwölf Jahre danach hatte er nur die Hoffnung anzubieten, der Zerfall der kostbaren Autographen ließe sich mit konservatorischen Mitteln zumindest so lange aufhalten, bis der Stein der Weisen für die Restaurierung gefunden wäre. Dass für die Erhaltung der kostbaren Notenhandschriften mehr als bisher getan werden müsse, sei den Verantwortlichen in der Staatsbibliothek bereits in den 80er Jahren bewusst gewesen, betonte in diesen Tagen der Generaldirektor der Stabi, Antonius Jammers. Der Leiter der Abteilung Bucherhaltung, Hartmut Böhrenz erklärte: Die Wende und die Wiedervereinigung hätten den glücklichen Umstand mit sich gebracht, dass der bereits bestehende Kontakt zu Wolfgang Wächter vertieft werden konnte. Wächter war damals als Papierrestaurator der Deutschen Bücherei in Leipzig tätig. Er hatte das Papierspaltverfahren, das der Chefrestaurator der Universität Jena, Günter Müller, in den 60er Jahren erfunden hatte, perfektioniert und darüber hinaus eine Methoden zum maschinellen Spalten entwickelt.

Vom Saulus zum Paulus

Wenn man heute die Ausführungen der beiden Verantwortlichen, Jammers und Böhrenz, hört und die leidige Kontroversen um das Papierspaltverfahren kennt, dann klingt das so, als sei aus einem Saulus ein Paulus geworden. Das Papierspalten galt zwar bereits im Jahr 1990 als die beste Methode, schwer geschädigte Handschriften zu retten, aber es war in der DDR entwickelt worden und daher im Westen umstritten. Bei diesem Verfahren werden Vorder- und Rückseite eines Blatts Papier bis auf ein "Gelenk" voneinander getrennt. Mit hauchdünnem Stützpapier, das kaum mehr als drei Gramm pro Quadratmeter wiegt, wird das Dokument von innen her gefestigt. Zusätzlich wird die Tinte so stabilisiert, dass der Tintenfraß gestoppt wird.

In den mehr als zwei Jahrzehnten der Erprobung des Spaltverfahrens waren bei den so restaurierten Autographen keine neuen Schäden beobachtet worden. Die Staatsbibliothek zu Berlin verlangte jedoch mehr Sicherheit. Noch vor zwei Jahren wurde die Parole "Keine Notoperation am Patienten Bach" ausgegeben. Im vergangenen Frühjahr haben nun die jüngsten Forschungsergebnisse von Professor Gerhard Banik von der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart die Erfahrungswerte bestätigt, dass mit dem Spaltverfahren das geschädigte Papier dauerhaft restauriert werden kann. Im Januar diesen Jahres hatte die Staatsbibliothek eine Vereinbarung mit Wolfgang Wächter getroffen. Sie besagt, dass die 1468 am schwersten geschädigten Autographen in Leipzig restauriert werden sollten. Jene, die einen längeren Transport nicht überstehen, wird Wächter in der Berliner Werkstatt spalten, die erst im Dezember 1999 eingerichtet worden ist.

Der Vertrag mit Wächter sieht vor, dass die Restaurierung der schwer geschädigten Blätter Ende des Jahres 2002 abgeschlossen sein soll. Man liege sehr gut in der Zeit, erklärte Generaldirektor Jammers gestern. Bis jetzt seien 300 Notenblätter - etwa 20 Prozent der schwer geschädigten Bach-Autographen - gespalten worden. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der auch die Staatsbibliothek gehört, sagte: "Sie sehen heute einen strahlenden Präsidenten." Die Staatsbibliothek habe die beste Lösung dadurch erreicht, dass sie "den Guru" des Papierspaltverfahrens für diese Aufgabe gewonnen habe. Denn wie Hartmut Böhrenz es formuliert, seien nicht nur eine gute Ausbildung und handwerkliches Können für diese Aufgabe notwendig, sondern vor allem auch jahrelange Erfahrung mit dem Papierspalten. Wächter selbst wies darauf hin, dass das Verfahren in den vergangenen Jahren weiter optimiert worden sei. Das bedeutet, dass auch die Risiken minimiert worden seien.

Die Kosten für die Papierspaltung liegen bei durchschnittlich 700 Mark pro Blatt. Insgesamt muss die Staatsbibliothek rund 2,6 Millionen Mark für die Restaurierung aufbringen. Dieser Kostenrahmen schließt auch jene Blätter ein, die nicht gespalten, aber in jedem Fall restauriert werden müssen, damit ein Werk im Ganzen der Forschung wieder zur Verfügung steht.

65 000 Mark für eine Messe

In welchem Ausmaß der Tintenfraß die kostbarsten Partituren bereits zerstört hat, hatte die Staatsbibliothek in den vergangenen Jahren nicht bekannt gegeben. Die Kosten, die jetzt für einzelne Werke veranschlagt werden, lassen ahnen, wie weit der Tintenfraß vorangeschritten ist: Allein für die Restaurierung der h-moll-Messe werden 65 000 Mark benötigt, für die Matthäus-Passion 103 000 Mark und für die Johannes-Passion sogar 222 000 Mark. Mit dem laufenden Etat sind diese Summen nicht zu bewältigen. Der Verein der Freunde der Staatsbibliothek hat daher im November 1999 das "Bach-Patronat" ins Leben gerufen, um die Kosten für die Restaurierung einzuwerben.

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