Kultur : Der perfekte Sarkast

P.v.B.

Geboren ist er in Berlin, als Michael Igor Pechkowsky. Die Familie wohnte am Olivaer Platz, und der Vater, ein jüdisch-russischer Arzt, war schon vor der Oktoberrevolution geflohen. 1938, im Jahr der deutschen Novemberpogrome, ging Dr. Pechkowsky in die USA, die Familie folgte ihm nach, entkam. Bald hieß der zehnjährige Michael Mike und mit Nachnamen Nichols. Sein Urggroßvater war der Schriftsteller Gustav Landauer, einer der Führer der Münchner Räterepublik, der erschlagen wurde. Auch Mike Nichols Vater hatte in Amerika kein Glück und starb früh. Doch Mike wollte kein Pechvogel werden. Auch kein Psychiater, wie seine Mutter es wünschte. Er wurde - ein Komiker. Erst im Stundententheater, dann mit seiner langjährigen Bühnenpartnerin und späteren Drehbuchautorin Elaine May.

Mit 32 schon hatte er die erste Meile auf dem Weg zum Ruhm geschafft. Da war er Regisseur geworden, bekam seine erste Chance gleich am Broadway mit der Uraufführung von Neil Simons späterem Welthit "Barfuß im Park", Hauptrolle ein junger Schauspieler namens Robert Redford. Der wirkte schon 1963 nicht wie ein Loser. Also hatte er Pech bei Nichols, der ihm die Hauptrolle für seinen bis heute erfolgreichsten Film entzog und statt Redford einen kleinen, pickligen Nägelkauer engagierte. Der hieß Dustin Hoffman, und für "Die Reifeprüfung" eines schüchternen College-Studenten erhielt Nichols, der Regisseur, 1967 seinen ersten und bisher einzigen Oscar.

Oscar-Nominierungen freilich gab es zuhauf, auch schon 1966, als er Edward Albees Eheschocker "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" mit Elizabeth Taylor und Richard Burton verfilmte. Mike Nichols war da schon ein frühreifer Vituose, der Politik und Gefühle in brillant rabenschwarzen oder auch nur routiniert mittelgrauen Komödien verknüpfte, von der Kriegssatire "Catch 22" (1970) bis zur Clinton-kritischen Persiflage auf eine Präsidentschaftkampagne, den "Primary Colours" (1998 mit John Travolta). Vor fünf Jahren ist er neben seinen Filmarbeiten und der Leidenschaft für schnelle Araber (also Rennpferde) in London auch auf die Bühne zurückgekehrt. In der Uraufführung von Wallace Shawns apokalyptischem Rede-Requiem "The Designated Mourner" erzählte Nichols die Geschichte eines Taliban-Aufstandes der westlichen unteren Mittelklasse: gegen die Welt der Bücher und Intellektuellen. Und Nichols agierte als perfider Minimalist - sein Mund ein Rasiermesser, und jede jovial-brutale Pointe, von barbarischem Grinsen untermalt, ein verbaler Kopfschuss. Salut für diesen perfekten Sarkasten, der heute 70 Jahre alt wird.

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