Kultur : Der Pferdeflüsterer

Der Lasso schwingende Gaucho steht für Argentinien, dabei wird er immer weniger gebraucht. Ein Besuch bei Miguel Alvarez, einem der letzten seiner Art

Gerhard Waldherr

Die Hütte von Miguel Alvarez, genannt Tito, steht zwischen Viehweiden und Maisfeldern nahe der Ortschaft Choé in der Provinz Santa Fé, inmitten der Pampa. Es ist eine düstere Behausung ohne Strom und fließendes Wasser. Das Bild über der schiefen Haustür zeigt den Heiligen Gayetano, den Schutzpatron der Armen, wie er Brot verteilt unter den Bedürftigen. Acht Uhr abends. Draußen stockfinstere Nacht, drinnen im trüben Schein der Gaslampe Tito.

„Ach Gott“, sagt er, wenn man ihn fragt, was er an seinem Beruf liebe, „die Arbeit auf dem Land ist nicht so spannend. Man ist in der Natur, arbeitet mit Tieren, ich habe nie etwas anderes gemacht.“ Durch ein silbernes Röhrchen saugt er Mate aus einem hohlen Kürbis. Ob es nicht schrecklich kalt werde im Winter? „Ja, kalt“, sagt Tito, „das Land ist flach, der Wind wird nicht von Hügeln abgefangen.“ Eine Heizung kann er sich nicht vorstellen.

Tito lebt, wie er lebt, tut was er tut. Er hat nie versucht, das zu erklären. Tito ist Gaucho. Bevor er Gaucho wurde, war er das Kind eines Gauchos, der das Kind eines Gauchos war. Auf einem Pferd saß er erstmals im Alter von elf Monaten. Mit drei konnte er reiten, mit 13 fing er an zu arbeiten auf einer Estanzia in der Provinz Entre Rios, wo er aufwuchs, 560 Kilometer entfernt von Choé. Nun ist Tito 55. Er kann mit dem Lasso umgehen, Bullen kastrieren, Rinder impfen, schlachten, ausnehmen, häuten, und er erkennt von weitem, ob ein Kalb krank ist. Doch Tito kann weder lesen noch schreiben, und vielleicht versteht er am wenigsten, warum der Gaucho bis heute ein Mythos ist.

Argentinien ist etwa zehn Mal so groß wie die Bundesrepublik. Vom nördlichsten Punkt, wo Bolivien beginnt, bis zum südlichsten, nahe der Stadt Ushuaia auf Feuerland, sind es etwa 3500 Kilometer. Und im Herzen dieses einsamen Landes, in dem nur 34 Millionen Menschen leben, liegt die Pampa. Pampa heißt so viel wie Ebene ohne Baum. Es ist eine Welt, die nur aus oben und unten besteht. Himmel und Erde. Der Weizen und die Rinder der Pampa haben Argentinien stolz und wohlhabend gemacht, zum sechstreichsten Land der Welt vor dem Zweiten Weltkrieg, und Buenos Aires avancierte zum Paris Lateinamerikas.

Die Pampa ist die Domäne des Gaucho. Dort tauchte er erstmals vor etwa 300 Jahren auf, ein heimatloser, mysteriöser Nachkomme von Konquistadoren, Siedlern und Indios. Er besaß nichts außer Pferd, Sattel und was er am Körper trug, er ritt mehr als er ging, galt als furchtlos und abenteuerlich. Rinder brachte er zu Fall mit Boleadores, drei Eisenkugeln an Lederriemen, die in die Hinterläufe geschleudert wurden. Mit seinem Dolch erwehrte er sich Attacken von Panthern und feindseligen Indianern. Wenn er Hunger hatte, erlegte er einen jungen Bullen; sein Pferd band er an den Hörnern des Kadavers fest. Der argentinische Schriftsteller Ricardo Güiraldes nannte ihn einmal „ein Amalgam aus Mensch und Erde“.

Dieses Zitat findet sich in jedem der schmuckvollen Bildbände, in denen der Gaucho immer noch auf Hochglanzpapier zelebriert wird. Die Fotos zeigen stolze Reiter, gehüllt in prächtige Ponchos, die den silbergeschmückten Rasta tragen, einen breiten beschlagenen Ledergürtel, darin der Facón, das ellenlange, spitz zulaufende Messer. Machoidylle mit einem Hauch Pfadfinderromantik. Doch all die Fotos sind inszeniert; nicht mehr als ein folkloristisches Schauspiel. Denn es gibt in Argentinien zwar immer noch 150 000 Gauchos, die 55 Millionen Rinder, 25 Millionen Schafe und zwei Millionen Pferde betreuen, „doch der klassische Gaucho ist verschwunden, die Wirklichkeit sieht längst anders aus“, sagt der Großgrundbesitzer Angel Fernando Girardi. Mittwoch, morgens um sechs. Tito und sein Sohn Miguel verlassen ihre Hütte. Der Winter steht bevor, und das Wasser aus der rostigen Pumpe, unter der sie sich waschen, ist eisig kalt. Ringsum Nebel wie Milch. In der Ferne kreischen Urakas, große, plumpe Vögel, laut Tito „die hässlichsten Geschöpfe, die Gott erschaffen hat“. Die beiden Männer satteln ihre Pferde, schieben ihre Gummistiefel in die Steigbügel und reiten los.

Einige 100 Meter entfernt erhebt sich ein Pappelwäldchen aus dem Dunst, wo das Herrenhaus und die Wirtschaftsgebäude der Estanzia La Blanqueada stehen. Das letzte Stück führt durch eine erhabene Allee mit Eukalyptusbäumen. Titos Sohn genießt dieses Ritual im Morgengrauen. Aber er ist erst 19 und ein bisschen verträumt. Die Blanqueada umfasst 2400 Hektar. Das ist nicht unbedingt viel in einer Gegend, in der manche Besitztümer die Größe Liechtensteins haben. Aber es ist bestes Weideland, wie Claudio Rafaeli, der Verwalter sagt, „in ganz Argentinien gibt es keinen besseren Boden für die Viehzucht“.

3300 Rinder werden auf dem Campo, wie man eine Estanzia in der Umgangssprache nennt, gehalten, dazu 60 Pferde. Das Herrenhaus ist eine schmale Villa mit einem Türmchen, durch einen Park mit Palmen und Marmorstatuen staksen Pfaue. Als Tito und sein Sohn ankommen, werden sie von Rafaeli, Anibal und Roberto erwartet. Anibal kümmert sich auf der Blanqueada um Maschinen und Trecker, Roberto betreut zusammen mit seiner Frau das Chalet und den Garten. Sie sprechen mit Ehrfurcht von Girardi, dem Besitzer, der nur selten vorbeikommt und den Tito und Miguel erst einmal gesehen haben. Tito: „Mir genügt es, mit dem Verwalter zu sprechen.“ Ein Gaucho spricht mit einem Patrón nur, wenn der Patrón ihn dazu auffordert. Das Vieh soll zusammengetrieben und auf einen Transporter verladen werden. Rafaeli veranschlagt zwei Tage Arbeit für 300 Tiere. Und so machen sie sich an ihr Tagwerk. Sie trennen braune Hereford- von schwarzen Aberdeen Angus-Rindern, sie dirigieren ihre Gäule durch ein brodelndes Wirrwarr blökender Leiber. Galopp, Trab, Drehen, Wenden im steten Wechsel. Sie pfeifen, schreien, schwingen eine Holzkeule mit Lederriemen, begleitet vom Radau der fünf Hunde, die Tito und Miguel ausgebildet haben. So schüchtern, hilflos und ängstlich die beiden Gauchos wirken, wenn man ihnen auf ebener Erde begegnet, so souverän wirken sie in ihren primitiven Sätteln aus vernähten Lederlappen, unter denen sie ein Schaffell und eine Schaumgummimatte gelegt haben.

Erst nach einer Weile erkennt man, wie mühsam es ist, die Tiere in eine Koppel zu treiben. Pferdehufe versinken im Morast. Nieselregen dringt durch die Kleidung und macht Nacken und Glieder steif. Alles wiederholt sich immerfort und irgendwann wirkt es nur noch stupide und langweilig. „Vor zehn Jahren“, sagt Tito, „hätte man für 3300 Rinder sechs, sieben Gauchos beschäftigt, heute sind wir zu zweit und müssen manchmal arbeiten bis spät in die Nacht.“ Als sie die erste Gruppe Kühe auf den Anhänger eines Lkw treiben, wird ein Kalb im Gedränge tot getrampelt. Sie binden ein Hinterbein an einen Traktor, und mit heraushängenden Därmen wird das blutverschmierte Bündel weggeschleift.

Tito war mit seiner Frau Martina und dem Sohn im Dezember 1993 aus der Provinz Entre Rios angekommen. Mit einem Korb voll Hühnern und Truthähnen. Entre Rios ist bekannt für geschickte Gauchos und Armut. Der Patrón der Blanqueada lässt dort bevorzugt nach Personal suchen. Für umgerechnet 400 Euro monatlich, plus Kost und Logis war Tito bereit, sein Heimatdorf, die vom Vater ererbte Hütte zurückzulassen. Tito erhält neben seinem Lohn Reis, Nudeln, Mehl, Zucker, Mate. „Es ist immer genug“, sagt Martina. Und es hört sich so an, als wäre es immer zu wenig. Ohne das Geflügel, das sie im Garten halten, würden sie hungern. Ihr einziger Luxus ist ein Moped, mit dem sie nach Choé einkaufen fahren.

Seit sieben Jahren spart die Familie Alvarez für die Rückkehr in die Heimat. „Dort will ich in Rente gehen“, sagt Tito. Sieht so die Wahrheit hinter dem Mythos aus? Wo ist die Doma, das rituelle Bereiten wilder Pferde? El Baile, das Tanzfest am Wochenende? Der Asado, das Grillen von opulenten Fleischstücken? Wo die Pulpería, die berüchtigte Schnapsbude, in der der Gaucho seine Einsamkeit ertränkte? Tito zuckt mit den Schultern. „Ja“, sagt er, „das alles hat es mal gegeben, jetzt nicht mehr.“ Aber wie sollen sie auch die Tradition aufrecht erhalten? Tänze sind selten geworden, den Asado kann sich die Familie Alvarez nicht leisten, denn es gibt auf der Blanqueada keine Fleischration, und der Metzger in Choé sei ein Halsabschneider, sagt Martina. Titos einziges Vergnügen ist der sonntägliche Ausflug mit Miguel nach Choé. Um sich mit anderen Gauchos zum Taba, dem traditionellen Wurfspiel mit dem Sprungbeinknochen eines Rinds, zu treffen? „Nein“, sagt Tito, „wir spielen mit den Bauern aus dem Dorf Boccia.“

Da ist kein Bild, das zum Klischee aus den Fotobänden passt. Da ist ein schwermütiger Mann mit Oberlippenbart im runden Gesicht, darüber eine fusselige orangefarbene Baskenmütze. Da ist einer, der wie ein Knecht seine Befehle empfängt, der vor kahlen Wänden sitzt, neben einem verrußten Herd, an einem Tisch mit einem Plastiklaken. Auf dem Kühlschrank verdorrte Orangen, neben dem gemauerten Spülbecken ein Dutzend Wassereimer, an der Wand ein Aufkleber der Boca Juniors, dem Fußballklub der Armen in Buenos Aires. Auf die Frage an Miguel, ob er immer Gaucho bleiben wolle, wartet Tito die Antwort gar nicht ab: „Ich sage immer, er kann machen, was er will.“ Der Sohn steht auf und schleicht wortlos davon. Das Moped röhrt. Dann Stille. In das Schweigen murmelt die Mutter: „Wir kommen vom Land, wir gehören aufs Land. Hier haben wir alles, was wir brauchen.“

Einige Tage zuvor in der 120 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Rosario. Dort lebt im fünften Stock eines gediegenen Hauses der Patrón der Blanqueada, Angel Fernando Girardi, mit seiner Frau Margarita. Der Aufzug führt in eine Wohnung mit sieben geräumigen Zimmern. Schweizer Uhren, Biedermeier, Art Deco. Auf Giardis Visitenkarte steht Abogado, Rechtsanwalt, was zu bescheiden klingt für einen Mann, der Richter im Staatsdienst war, Professor an der juristischen Fakultät und Botschafter in Guatemala.

Girardi empfängt uns an seinem 76. Geburtstag, und das Paar lädt ein in sein Lieblingsrestaurant, Casa Uruguaya. Der Patrón trägt ein seidenes Halstuch zu einem Blazer mit goldenen Knöpfen, seine Frau Kaschmir zu dezentem Schmuck. La Blanqueada ist nicht Girardis einzige Estanzia. „Insgesamt sind es etwa 15, jedenfalls mehr als zehn“, sagt er, als die Speisekarte gereicht wurde, denkt nochmal nach, stutzt. Wie viele er besitzt? Er weiß es nicht. Es spielt keine Rolle. „Es müssten ungefähr 15 000 Hektar Land und 15 000 Stück Vieh sein, mas ò menos.“ Mehr oder weniger. Ein Hektar kostet in der Gegend etwa 3000 Euro. Da sitzt er, zigfacher Millionär, Landfürst und erzählt die Geschichte seines Lebens. Dass seine Frau, Tochter eines Getreidehändlers, einen Campo in die Ehe gebracht hätte, dass sie 1956 anfingen, einen nach dem anderen zu kaufen. Ihr liebster Campo sei immer noch der erste, sagte die Frau mit einem verträumten Blick. Senor Girardi: „Wir haben für den Campo gelebt, nie vom Campo.“

Der alte Herr bestellt Locro, einen Eintopf aus Mais, Bohnen und Schweinsfüßen, ein Essen für arme Leute. Girardi war das jüngste von zehn Kindern eines Kleinbauern, sein Studium finanzierte er mit Ferienjobs auf dem Land. Wer also könnte den Niedergang des Gaucho besser erklären als er?

Girardi: „Der Gaucho ist eigentlich schon vor langer Zeit verschwunden. Seine Zeit war zu Ende, als er sein Nomadendasein einbüßte.“ Das war, als die europäischen Einwanderer im 19. Jahrhundert Argentinien bevölkerten und Zäune in die Pampa stellten, und auf den Estanzias organisierte Viehzucht eingeführt wurde. Gauchos, die nicht sesshaft werden wollten, wurden als Landstreicher, Viehdiebe und Vagabunden verunglimpft und häufig zwangsrekrutiert für die Armeen der Befreiungs- und Bürgerkriege. „Der Gaucho“, sagt Girardi, „hat für die Spanier gegen die Indios und gegen die Engländer gekämpft, für die Republik gegen die Spanier und gegen die Anarchie, doch er verstand eigentlich nie warum. Es ist eine Schande, dass ihm am Ende nur die Rolle des Viehtreibers geblieben ist.“

Seit Generationen verklärt Argentiniens Oberschicht, Viehzüchter, Politiker und Generäle, die Legende vom Gaucho, obwohl gerade sie für sein Elend verantwortlich ist. Der Schriftsteller Güireldes, ein reicher, gebildeter Städter, schrieb 1926 den hymnischen Roman Don Segundo Sombro, „gewidmet dem Gaucho, den ich in mir trage, geheiligt wie die Monstranz, die eine Hostie beherbergt“. In fast jedem Bücherregal des Landes findet sich das 2316 Zeilen umfassende Versepos von José Hernández, „El Gaucho Martín Fierro“, veröffentlicht 1872, übersetzt in 19 Sprachen. Es scheint, als würde Argentinien in diesen Büchern immer noch nach einer Identität suchen, die seine Immigranten in Europa zurückgelassen haben.

In der bescheidenen Hütte nahe Choé gibt es keine Ausgabe von Don Segundo Sombra oder El Gaucho Martín Fierro. Und deshalb verirren sich zu Tito auch keine Touristenbusse. Die landen auf den Parkplätzen der Estanzias außerhalb von Buenos Aires. Die Pauschal-Trips kosten 60 Dollar, das mäßige Asado etwa genauso viel. Männer, die Gauchos darstellen, obwohl sie nie als solche gearbeitet haben, unterhalten ihr russisches, japanisches und amerikanisches Publikum mit einer Mixtur aus mexikanischen und kubanischen Volksliedern, Tangotänzen und Boleadoras-Kunststücken, die zu diesem Zweck kreiert wurden. Währenddessen scheppert hinter dem Souvenirshop ein Generator und über die angrenzende Schnellstraße donnern Lkw. Girardi: „Es ist ein peinlicher Zirkus.“

Wenn Männer wie Tito irgendwann den Beruf nicht mehr auf ihre Söhne vererben, „stirbt der Gaucho aus“. Wie soll es dann weitergehen auf den Campos, wo doch die Rindfleischpreise schon jetzt im Keller sind wegen BSE und Hormonskandalen, und das Land wirtschaftlich im Chaos versinkt? Der alte Mann fühlt sich verraten: „Unsere Regierung hat sich nie für die Viehwirtschaft interessiert, für sie zählte nur die Industrie, und jetzt sind wir bankrott.“ Girardi sagt müde: „Bedenken Sie nur: Wir können Autos nur noch mit Weizen bezahlen!“ Miguel Alvarez, genannt Tito, kann mit all dem nicht viel anfangen. Es berührt ihn ebenso wenig wie die Diktatur der Militärs in den 70er Jahren, Argentiniens Rezession in den 80er Jahren, Carlos Menems auf Schulden gebauter Boom in den 90er Jahren, der zum Zusammenbruch des Landes führte. Titos Leben ist geblieben wie es immer war. Und er glaubt, es bleibt wie es ist. „Solange es Tiere gibt“, sagt er, „gibt es den Gaucho.“ Dann schmunzelt er unvermittelt und fängt an zu lachen. Das erste Mal in drei Tagen.

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