Kultur : Der Philosoph Birnbacher sieht in der Diskussion das "Ende der linken Dominanz"

Die umstrittene Rede von Peter Sloterdijk zur Menschenzüchtung hat nach Ansicht des Philosophen Dieter Birnbacher endgültig die Vorherrschaft der Kritischen Theorie in Deutschland beendet. "Die Sloterdijk-Debatte ist ein Krisensymptom der übrig gebliebenen deutschen Linken und der Todesstoß für den Traditionszusammenhang der Frankfurter Schule", sagte Birnbacher der . Bei dem Philosophie-Kongress in Konstanz leitet Professor Birnbacher am Donnerstag ein Forum zur Bio- und Medizinethik. Der 53-Jährige gilt als einer der profiliertesten Umwelt- und Medizin-Ethiker in Deutschland und lehrt an der Universität Düsseldorf.

Die Äußerungen seines Karlsruher Kollegen Sloterdijk seien inhaltlich zwar nicht akzeptabel, doch zu begrüßen sei das Zerbrechen der philosophischen Dominanz von Denkern wie Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas, erklärte Birnbacher.

"Wir haben den Pluralismus. Wir weigern uns nur, ihn anzuerkennen in seiner Radikalität", betonte Birnbacher am Rande des 18. Kongresses für Philosophie in Konstanz. Die jüngere Generation befasse sich unbefangen mit bisher tabuisierten Themen. Jeder Philosoph trage dabei eine hohe moralische Verantwortung für seine Theorie.

Zugleich warnte Birnbacher jedoch davor, der Philosophie zu viel gesellschaftliche Verantwortung aufzubürden. Die philosophische Ethik werde oft überfordert. "Es ist vermessen, von ihr eine Kontrolle der Gentechnik zu verlangen. Die Ethik kann nur Hilfestellungen leisten. Sie kann als Frühwarnsystem ethische Probleme aufweisen, die mit der Entwicklung bestimmter Techniken verbunden sind." Auf die politische Meinungsbildung habe das philosophische Denken nur begrenzten Einfluss.

Birnbacher wandte sich gegen eine radikale Ablehnung der Gentechnologie. Ein Eingriff in die Keimbahn des Menschen, also in Samen- oder Eizellen, sei sicher nicht zu rechtfertigen. Doch die somatische Gentherapie könne als ethisch unbedenklich gelten. Mit dieser seit etwa fünf Jahren in Deutschland erprobten Therapie könnten Krebs- und Kreislaufkrankheiten besser bekämpft werden. In die Stammzellen der Patienten würden dabei künstlich hergestellte Gene eingeschleust, die den Einfluss der krebsbefallenen Zellen mindern sollen.

Die Ergebnisse ethischer Reflexion seien allerdings niemals endgültig, räumte Birnbacher ein. Auch die Philosophen "kommen aus dem Schwebezustand des Vorläufigen und Relativen nicht heraus. Wir müssen uns auf den demokratischen Prozess des ständigen Abstimmens zwischen alten Wahrheiten und neuem Wissen einlassen. Ethik ist kein Bollwerk gegen die Unberechenbarkeiten des Zeitgeistes."

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