Kultur : Der Philosoph lässt grüßen

Benjamin und die Kunst: eine Ausstellung im Berliner Haus am Waldsee

Knut Ebeling

Gleich am Eingang der Ausstellung empfängt den Besucher das Klingelbrett eines anonymen Berliner Mietshauses, Magdeburger Platz 4. Drei Kolonnen von zehn Namen, einer so gesichtslos wie der andere. Auf dem abfotografierten Klingelbrett, das von dem Berliner Künstlerduo Renata Stih und Frieder Schnock in einem Leuchtkasten am Eingang des Hauses am Waldsee angebracht wurde, klebt eine Notiz: „Soll Sie schön grüßen, von Walter Benjamin!“

Tatsächlich ist nicht mehr als ein ferner Gruß geblieben, denn das ursprüngliche Geburtshaus des 1892 geborenen Berliner Theoretikers am Magdeburger Platz 4 wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Er selbst nahm sich auf der Flucht 1940 an der französisch-spanischen Grenze in Port-Bou das Leben. Berlin und Port-Bou, der alte Berliner Westen und das neue Paris bildeten denn auch die äußeren Koordinaten eines Denkers und Theoretikers, der wie kein Zweiter zum tragischen Heros von Nachkriegsmoderne und Studentenrevolte wurde. Im Gegensatz zu den rechtzeitig emigrierten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer verkörperte Benjamin stets einen Todesengel mit besten Verbindungen, das Scheitern der Utopie und das Hängenbleiben im alten Europa.

Nun kehrt der melancholische Blick an seinen Ausgangsort zurück. Das Berliner Haus am Waldsee ehrt Benjamin mit einer Ausstellung: Über 50 Künstler und ein flankierendes Buch mit 16 Beiträgen versuchen eine erneute Vermessung des Themas „Walter Benjamin und die Kunst der Gegenwart". Der Zeitpunkt ist nicht schlecht gewählt; schließlich fand auch das Benjamin-Archiv, längste Zeit Untermieter im Frankfurter Adorno-Archiv und in Streitigkeiten zwischen Frankfurt, Paris und Berlin verstrickt, wieder an den Ausgangsort des Theoretikers zurück. Seit dem Sommer sind die verschiedenen Teile des Oeuvres aus Frankfurt, Berlin und Paris in der Akademie der Künste wiedervereinigt.

Dabei ist die derzeitige Schau nicht die Erste. Benjamin-Ausstellungen erfreuen sich aufgrund des Anspielungsreichtums seiner Themen großer Beliebtheit. Doch im Gegensatz zu ihren Vorgängern wirft die Berliner Ausstellung keinen Blick durch die Dokumente auf die Persönlichkeit Benjamins. Ausgehend von Person und Theorie versucht sie den Dschungel der Nachkriegskunst zu erschließen. Tatsächlich sind die Themen Benjamins auch die Sujets vieler zeitgenössischer Künstler: von A wie Aura bis Z wie Zitat.

Die viel beschworene „Aktualität“ Benjamins lässt sich also auch an Kunstbeispielen studieren. Doch bei der Komplexität dieser Themen stellt die hier praktizierte monographische Kanalisierung kein leichtes Unterfangen dar. Gerade die Nachkriegskunst lässt sich nicht gern den Stempel eines Namens aufdrücken. So gelingt es kaum, Ordnung in die Gemengelage der Bezüge zu bringen. Dabei bemühen sich die Künstler redlich, der Legende gerecht zu werden: Sie basteln Dokumente nach und zeichnen das Porträt Benjamins in Kohle. Sie fertigen Glasobjekte aus Büchern und fotografieren Benjamins ehemalige Kaiser Friedrich Schule am Berliner Savigny-Platz.

Besser als die Adaptionen gelingen die Arbeiten, die nicht an der Person, sondern an der Ästhetik Benjamins ansetzen und diese weiterdenken. Wie zum Beispiel eine Objekttypologie von Paul Pfarr, der in einem Glaskasten gleichartige Objekte versammelt und auf diese Weise die stumme Sprache der Dinge zum Leben erweckt. Oder eine Installation von Susanne Weirich, die Benjamins Sprachphilosophie der Ähnlichkeit aufnimmt, indem sie zeigt, dass Wörter ebenso konturlos und einander ebenso ähnlich sind wie Wolken – und so Benjamins Gruß aus der Gegenwart erwidert.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 30. Januar; Di.–So. 12–20 Uhr. Katalogbuch 50 Euro.

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