Kultur : Der Pilotgalerist

Eine Begegnung mit dem Münchner Kunsthändler Otto van de Loo

Eva Karcher

Als die Moderne noch jung und rebellisch war, gab es ihretwegen hin und wieder eine Keilerei. So wild und neu schienen kurz nach Kriegsende die Gemälde des Dänen Asger Jorn und die der Holländer Karel Appel und Constant, dass Menschen 1949 bei einer Ausstellung im Amsterdamer Stedelijk Museum mit Worten und Fäusten aufeinander losgingen. „Ein Gemälde ist nicht ein Bauwerk aus Farben und Linien, sondern ein Tier, eine Nacht, ein Schrei, ein Mensch oder dies alles zusammen“, hatte Constant im September 1948 in einem Manifest geschrieben, und zwei Monate später schlossen sich die drei Künstler mit den Belgiern Christian Dotremont und Joseph Noiret sowie dem Holländer Corneille zur Gruppe Cobra zusammen.

Wenige ertrugen die Ausbrüche der Malerei aus dem Korsett der Tradition, doch einen berührten sie wie eine Offenbarung. „Damals entdeckte ich völlig neue Bildwelten“, erzählt Otto van de Loo im Wohnzimmer seines verschneiten Apartments am Englischen Garten. Schon in der Schulzeit hatte sich der Arztsohn, geboren 1924 in Witten an der Ruhr, dank seines Englischlehrers Peter Emil Noelle für Kunst begeistert.

Seinem Traumberuf kam er zunächst allerdings weder auf der Schauspielschule in Bonn noch der Hotelfachschule in Luzern näher, weder als Kellner noch als Kundenberater bei BMW. Erst in den Räumen der Münchner Händler Otto Stangl und Günther Franke, wo er Gemälde von Max Beckmann, Alfred Kubin und der École de Paris sah, zeichnete sich so etwas wie eine vage Idee ab. „Damals konnte man Galerien an fünf Fingern einer Hand aufzählen“, lächelt van de Loo, „und trotzdem fürchteten meine Münchner Kollegen Konkurrenz!“

Kein Traum, eher Sisyphosarbeit für Pioniere war der Job des Galeristen in den Fünfzigererjahren, doch van de Loo erlebte im Mai 1957 in Paris „in einem mit Büchern, Leinwänden, Bierflaschen und Zigarrenstummeln übersäten Atelier“ seinen Augenblick der Wahrheit. Er blickt auf ein Gemälde von Asger Jorn an der gegenüberliegenden Wand: „Kein Künstler konnte so wie Jorn mit Farben umgehen, keiner besaß diesen reichen Fundus an inneren Bildern und poetischen Ausdrucksmöglichkeiten“.

Im September 1957 eröffnete er die Galerie mit einem Startkapital von 20000 Mark, im Dezember kam Jorn nach München, malte manische Mengen von Bildern und entdeckte in einem Schwabinger „Kunstzelt“ die Künstler der im Januar 1958 gegründeten „Gruppe Spur“: Helmut Sturm, HP Zimmer, Heimrad Prem und Lothar Fischer. Er stellte sie seinem Galeristen vor, und der nahm sie wie die großen Einzelgängern Jean Dubuffet, Henri Michaux, Emil Schumacher, Arnulf Rainer und Antonio Saurain in sein Programm auf.

Van de Loos’ Mut zu Neuem stieß auf Ablehnung, gravierender noch, polemische Texte der „Spur“-Künstler führten zum Skandal. Anders als heute brachte die öffentliche Erregung kommerziell keinen Erfolg. „Echte Sammler kauften weiter“, erzählt van de Loo, „aber einige Kunden zogen sich zurück. Es war nicht erheiternd, vor allem in München als notorisches schwarzes Schaf zu gelten“.

Immerhin eine frühe Anerkennung gab es 1963 mit der Auszeichnung zum „Pilotgaleristen“ auf dem ersten Kunstsalon in Lausanne, und in den folgenden Jahren konnte sich Otto van de Loo allmählich international etablieren. Regelmäßig nahm er am Kölner Kunstmarkt und der Art Basel teil. Langsam, aber stetig stiegen auch die Preise für Werke seiner Künstler. Großformatige Bilder von Jorn zum Beispiel, die in den Sechzigerjahren rund 20000 Mark kosteten, sind inzwischen bis zu einer Million Euro teuer.

Umso ungewöhnlicher erscheint es heute, wie großzügig van de Loo mit seiner privaten Sammlung umging. 55 Gemälde schenkte er 1992 der Berliner Neuen Nationalgalerie, 1997, im Jahr, in dem seine Tochter die Galerie übernahm, folgte eine zweite umfangreiche Schenkung an die Kunsthalle Emden. „Mir ging es darum, meinen Künstlern die gebührende Öffentlichkeit zu sichern“, begründet er seine Entscheidung. Nach der großen Berliner Ausstellung im letzten Jahr würdigt endlich auch München seinen „Pilotgaleristen“ mit einer Hommage, parallel dazu erscheint ein Buch über sein Leben. Für Otto van de Loo hat sich so ein Kreis geschlossen. Heute leistet er sich den Luxus, „nicht mehr am Kunstbetrieb teilzunehmen. Lieber segle ich an der Ostküste Kanadas“.

„Leidenschaft für die Kunst“,

2. Februar bis 3. April, Pinakothek der

Moderne. Katalog (DuMont) 17,90 Euro.

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