Kultur : Der Plan hinter dem Stadtplan

Hans-Werner Kroesinger folgt mit seinem Dokumentartheater den Spuren der Macht. Mit „Beirut Report“ nimmt er im Hebbel am Ufer die Mythen einer Metropole auseinander

Christine Wahl

Es gibt Wissenslücken, die können unser politisches Bewusstsein erschüttern. Hans-Werner Kroesinger sucht solche schwarzen Löcher, um Fragen zu beantworten wie: Was gab es in der „Feldküche der Ordnungspolizei“ zu essen, in der Dresdner Beamte laut kriminalpolizeilicher Verordnung von 1943 nach Fliegerangriffen ihre „Verpflegung entgegennehmen“ sollten? Wie läuft eine Anhörung der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission ab? Welche Rückschlüsse zogen Ärzte im Kosovokrieg aus den Wundrändern tödlich Verletzter? Das Theater von Hans-Werner Kroesinger kennt die Antwort. Er legt politische Themen – vom Völkermord an den Armeniern 1915/16 bis zum Deutschen Herbst ’77 – gleichsam unters Mikroskop, um sie so lange hin- und herzuwenden, bis auch der letzte Hoffnungsträger entzaubert und klar ist: Jede (politische) Wahrheit ist lediglich eine zweckgebundene Perspektive aufs Geschehen.

Hans-Werner Kroesinger liest täglich mindestens fünf Zeitungen, scheint für jede Weltregion mindestens einen investigativen Spezialisten zu kennen, und man würde sofort einen Hunderter darauf verwetten, dass er spontan zitieren kann, mit welchen Worten, sagen wir, der finnische Feldmarschall Carl Gustav Mannerheim 1942 Adolf Hitler zum Gespräch empfing.

Übermorgen hat nun Kroesingers „Beirut Report“ im HAU 3 Premiere. „Die Fälschung“, Nicolas Borns Roman über einen dem „Stern“-Reporter Kai Hermann nachempfundenen Libanonkriegsberichterstatter, habe ihn schon in der Schule fasziniert, erzählt Kroesinger. Seit im Oktober 2005 der Report des Berliner Staatsanwalts und UN-Sonderermittlers Detlev Mehlis zum Autobombenattentat auf den ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri erschien, beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema. Und schlägt, wie immer, große Bögen: zum Mehlis-Report als „offener Frage“, weil über die Gründe, warum der Jurist Ende 2005 tatsächlich als Ermittlungschef abgelöst wurde, nach wie vor spekuliert wird. Aber auch zu einem Exkurs über die Geschichte der Autobombe und Drehberichten von Volker Schlöndorff, der „Die Fälschung“ 1981 mit Bruno Ganz und Hanna Schygulla am Originalschauplatz verfilmte.

Dass im Schnitt eineinhalb bis zwei Jahre von der Idee und Recherche bis zur Realisierung eines Projekts vergehen, ist für ihn eher die Regel als die Ausnahme. Abgesehen davon, dass Kroesinger zwischendurch andere Inszenierungsverpflichtungen hat, gönnt er sich (und seinen Schauspielern) den geistigen Luxus, Arbeitshypothesen so lange zu modifizieren, bis sich aus dem komplexen Material wirklich eine aufschlussreiche Bühnenanordnung ergibt. Jeder, der ab und zu politisch motivierte Theaterabende besucht, weiß, dass das durchaus keine Selbstverständlichkeit ist.

Hans-Werner Kroesinger, Jahrgang 1962, war Anfang der neunziger Jahre sowohl Assistent bei Robert Wilson als auch Mitarbeiter Heiner Müllers, zum Beispiel bei dessen legendärer Inszenierung „Hamlet/Hamletmaschine“ am Deutschen Theater, und hätte gewiss größer einsteigen können mit seinen enormen Kenntnissen. Er inszeniert zwar auch an A-Klasse-Häusern wie dem Staatstheater Stuttgart. Aber langfristig ist Kroesingers Arbeitsweise mit den Stadttheater-Abläufen, wo die Schauspieler von der morgendlichen Weihnachtsmärchen- zur nachmittäglichen Schiller-Probe springen und abends Repertoire spielen, schwer vereinbar. Die Darsteller im „Beirut Report“ etwa bekamen drei Wochen vor der ersten Probe zusätzlich zu Borns Roman 150 Seiten Pflichtfachlektüre in die Hand gedrückt. Logisch, dass das nicht jeder Schauspieler als Privileg empfindet. „Das muss man schon wollen“, sagt Kroesinger.

Auch wenn seine Materialwut ihn finanziell zu Abstrichen nötigt, kann er nicht anders. Dokumentartheater machte er schon lange, bevor das Genre durch Künstler wie etwa die Truppe Rimini Protokoll in den letzten Jahren eine enorme Renaissancewelle erlebte. Als er 1988 das Studium der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen abschloss, saß das im Schnitt zehn Jahre jüngere Rimini-Trio, von dessen Arbeit Kroesinger übrigens ein großer Fan ist, noch nicht mal in der Abiprüfung.

Auch sollten Assoziationen an ein Pädagogentheater vermieden werden! Kroesinger agitiert sein Publikum mitnichten. Er verbreitet nicht vermeintliche Wahrheiten, sondern fragt, ganz im Gegenteil, wer solche Wahrheiten proklamiert – und in wessen Interesse. Die Stadtpläne aus verschiedenen historischen Entwicklungsstadien – ein grundlegendes Bühnenelement im „Beirut Report“ – verdeutlichen Kroesingers Arbeitsprinzip: „Kaum hast du dich zurechtgefunden“, erklärt er, „wird der Plan schon wieder von einem früheren oder späteren überschrieben, so dass du erstens die Zeitschichtungen siehst und dir zweitens bewusst wird, dass du dich immer nur in einer konkreten Situation verortest; unter bestimmten Gegebenheiten.“

Im „Beirut Report“ wird die Frage nach dem Manipulativen, das jeder noch so klugen Dokumentation strukturell innewohnt, jetzt sogar explizit zum Thema; auf verschiedenen Ebenen. Schlöndorff zum Beispiel, erzählt Kroesinger, habe an diesem realen Kriegsschauplatz einen fiktiven Film gedreht – mit echten Bürgerkriegsopfern als Komparsen. Die erschraken aber bei den Filmexplosionen auf eine produktionstechnisch derart unvorhergesehene Weise, dass das Team ernsthafte Schwierigkeiten bekam und sie nur schwer beruhigen konnte.

Derartige Tiefenreflexionen über die Grenzkonflikte zwischen Realität und Fiktion – und damit der eigenen Arbeitsweise – sowie die extreme Informationsdichte: Das ist die hohe Schule des Dokumentartheaters. „Es ist eben ein Arbeits- und nur sehr beschränkt ein Erlebnisangebot“, sagt Kroesinger in der ihm eigenen unaufgeregten Art, ohne missionieren zu wollen. Vielen ist er zu spröde, zu anspruchsvoll, zu anstrengend. Aber er will es eben genau wissen. Und Politik hat immer mit Wissen zu tun.

„Beirut Report“, Premiere am 15. November. Wieder: 16. bis 19. November im HAU 3 (Tempelhofer Ufer 10, Kreuzberg)

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