Kultur : Der Playmobil-Putsch

RALPH GEISENHANSLÜKE

Ist es ein Zufall, daß es gerade Kinderfilme sind, die mit modernstem und teuerstem Equipment das ultimativ Machbare demonstrieren? Ist es ein Wunder, wenn die lieben Kleinen hinterher auch so ein Hyper-Mega-Spielzeug haben wollen? So gesehen, muß es für Eltern schon perfide wirken, daß "Small Soldiers" passend zum Weihnachtsgeschäft in die deutschen Kinos kommt.Aber zugegeben: Politisch korrektes Spielzeug ist langweilig.

Das findet auch Alan (Gregory Smith).Wenn Alan die handgefertigten Holzschiffe im Spielwarenladen seines Vaters ansieht, kann er nur mitleidig die Schultern zucken.In seinem Zimmer steht längst ein Computer mit Internet-Anschluß.Was soll er da noch mit Puppen und Modelleisenbahnen? Für den bläßlichen Jungen, der einer trüben Pubertät in einem Provinzkaff in Ohio entgegensieht, kommt bald Abwechslung: Die "Commando Elite", eine Truppe von Spielzeugsoldaten, ausgestattet mit ultramodernen Chips, die nicht nur sprech-, sondern auch lernfähig sind.

Entwickelt wurden die Puppen, die aussehen wie Marines mit dreifachem Chromosomensatz und vierfachem Bizepsumfang, bei einem Spielzeughersteller, der von einem Rüstungskonzern geschluckt wurde.Aus Angst um ihre Arbeitsplätze haben die Angestellten, die zuvor sympathische kleine Rülps-Monster produzierten, sich nach den Wünschen ihres neuen Herrn gerichtet und ihren Puppen den Auftrag eingebrannt, die Gorgonen zu vernichten.Diese mit dem gleichen Chip versehenen Figuren sind sanfte, nette Freaks - aber leider ab Werk auf Niederlage programmiert.

Die wildgewordenen Marines sind nicht nur in der Lage, sich selbst zu reparieren und aus Haushaltsgegenständen gefährliche Waffen zu bauen, sie stellen auch problemlos eine Armee zusammen, die Alans Elternhaus belagert und in Brand schießt.Der Playmobil-Putsch kann schließlich nur mit Gewalt niedergeschlagen werden.Käme das in den USA oftmals sehr rigide ausgelegte Produkthaftungsrecht zur Anwendung - der Konzern könnte dichtmachen.Anders als bei seinem "Gremlins" siedelt Regisseur Joe Dante den Ursprung der Katastrophe nicht in der Fabelwelt an, sondern in Profitstreben und blindem Glauben an den technischen Fortschritt.Doch zumindest von letzterem ist auch "Small Soldiers" beseelt.Die Trickfirma Industrial Lights & Magic bietet wieder einmal ihren gesamten Arbeitsspeicher auf, um die Spielzeugpuppen lebendig wirken zu lassen.

Für "Jurassic Parc" mußten weiland noch Rechenkapazitäten via Satellit hinzugeschaltet werden, man maß die Leistung eines Computers spaßeshalber an der Zahl von Sauriern, die er zu animieren imstande war.Dann gab es "Toy Story", den ersten vollständig im Rechner animierten Spielfilm, und mittlerweile werden Hard- und Software mit exponential steigender Geschwindigkeit weiterentwickelt."Small Soldiers" verläßt sich überwiegend auf die Technik.Sarkastische, auch für Kinder hochkomische Persiflagen und Seitenhiebe wie bei den "Gremlins" gibt es hier nicht - mit Ausnahme einer Szene, in der Barbie-Puppen zu militanten Punk-Frettchen umgebaut werden.Dafür steht am Ende die gutgemeinte Aussage, daß die Friedfertigen die Besseren sind.Aber gerade angesichts der Faszination des Technischen, der "Small Soldiers" erliegt, wirkt die pädagogische Absicht eher wie ein Alibi, um mit Effekten und Kampfszenen doppelt hinzulangen.Starten Sie den Computer neu, um Änderungen zu übernehmen.

"Small Soldiers" ist in 15 Berliner Kinos zu sehen; Originalfassung in der Kurbel

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