Kultur : Der Po des Diderot

Günther Grack

Eine Situation, die man früher, in altmodisch prüden Zeiten, "pikant" genannt hätte, mag im Boulevardtheater auch heute noch als avantgardistisch gewagt gelten. Ein Mann soll sich einer Frau, die ein Bildnis von ihm malen will, nackt zeigen, traut sich aber nicht - aus Angst vor einer männlichen Regung. Der französische Autor Eric-Emmanuel Schmitt hat diese Szene an den Anfang seines Lustspiels "Le Libertin" gestellt, zu Deutsch "Der Freigeist": Denis Diderot, der große Aufklärer des 18. Jahrhunderts, posiert zunächst in der Manier eines antiken Philosophen, die Stirn mit einem Lorbeerkranz geschmückt, den Leib in eine Toga gehüllt. Die Malerin Madame Therbouche, entschlossen, den Denker in seiner nackten Wahrheit, als Akt, zu erfassen, muss erst Hand an ihn legen und den Mann aus seinem faltenreichen Gewand umständlich herauswickeln - sorgsam, dass niemandes Scham verletzt werde. Selbst den Po von Monsieur Diderot weiß sie schließlich mit einem Stückchen geschickt geballter Toga vor unseren Augen zu schützen ...

Gudrun Landgrebe, Film- und Fernsehstar, kehrt mit der Rolle der Anna Dorothea Therbouche, die übrigens ein historisches Vorbild aus dem Berlin jenes tintenklecksenden Saekulums hat, nach zehnjähriger Theaterabstinenz auf die Bühne zurück. Der Mann, an dem sie da, in der Komödie am Kurfürstendamm, Maß nimmt, ist ein Kollege französisch-deutscher Herkunft: Georges Claisse - er pustet mit seinem charmanten Akzent gleichsam einen Hauch des Originals in die Berliner Luft. Das Haar über der hohen Denkerstirn ein wenig gelichtet, gibt er gewiss eine stattliche Erscheinung ab. Aber hat er die persönliche Aura, die es braucht, die Last der zentralen Rolle des Abends zu schultern? Diderot ist als Herausgeber der "Enzyklopädie" nicht nur genötigt, für den säumigen Rousseau einzuspringen und in aller Eile einen Beitrag zum Stichwort "Moral" zu verfassen; er ist auch als männliches Wesen doppelt und dreifach gefragt: von der Gemahlin, die sich ihm als "die am meisten betrogene Frau von ganz Paris" in Erinnerung bringt, von dem Fräulein Tochter, das auf die "Freiheit des Individuums" auf eine Weise pocht, die dem Philosophen gefallen müsste, dem Vater jedoch gar nicht gefallen will, und vor allem von der verführerischen Künstlerin, die mit Lug und Trug und Tollerei ihre Macht an ihm ausprobiert.

Gudrun Landgrebe spielt in der bezaubernd weiblichen Mode des Rokoko (Ausstattung: Ruth Faltin-Lesotho) ihre körperlichen Reize aus, lässt ein hübsches Dekolleté hüpfen, ein schlankes Bein blitzen und weiß sich auch als intellektuelle Diskussionspartnerin, eine spöttische Lippe riskierend, zu behaupten. Für das Resümee ihrer Lebenserfahrung, die triumphale Feier der Gewalt des Eros, setzt der junge, aus Polen stammende Regisseur Marek Gierszal die zwielichtige Madame Therbouche auf eine Schaukel, die aus nachtschwarzer Umgebung von einem blutroten Spotlight herausgeleuchtet wird. Sind wir plötzlich ins Rotlichtmilieu geraten?

Ein Farbwechsel, der in seiner Symbolhaftigkeit umso befremdlicher wirkt, als Gierszals Inszenierung bis dahin eher platt klamottig dahergekommen ist (und jedenfalls derber als ihr Vorläufer an der Berliner Schaubühne, Fred Berndts "Libertin" von 1999 mit Manfred Zapatka und Tatja Seibt in den Hauptrollen). Der Regisseur lässt die eifersüchtige Frau Diderot, Beatrice Murmann, mal schnattern wie eine Gans, mal wiehern wie ein Pferd, und wenn die Damenwelt um Herrn Diderot streitet, gehen sich Landgrebe und ihre Kolleginnen Wicki Kalaitzi und Karola Niederhuber an die Haare, an die Gurgel und zu Boden, dass man nur noch die strampelnden Beine aus den Röcken ragen sieht. Ist der Mann diese Aufregung wert? "Der Zweifel", so er selbst, "ist hundertmal pikanter als die Wahrheit." Auch Georges Claisses Diderot agiert, von der Regie ungebremst, hyperaktiv - eher ein netter Hampelmann als ein souveränes Subjekt des Geistes und der Sinne.

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