Kultur : Der Polemiker

Zum Tod des großen Literaten Walter Boehlich

Marius Meller

Er war einer der letzten genuinen Literatenfiguren der Bundesrepublik. Gleich im Jahr 1948 mischte der 27-Jährige sich mit einem literaturkritischen Paukenschlag in die Debatte über den gerade erschienenen Thomas-Mann-Roman „Doktor Faustus“ ein. In der Zeitschrift „Merkur“ vertrat er – minutiös argumentierend – die These, dass Manns Mephisto- Allegorie eine unzulässig metaphysische Aufladung des Nationalsozialismus sei. 1921 in Breslau geboren, hatte Walter Boehlich Germanistik und Kunstgeschichte studiert und wurde wegen seiner jüdischen Herkunft aus dem Curriculum „entfernt“. Nach dem Krieg nahm er sein Studium beim großen Romanisten Ernst Robert Curtius wieder auf, dessen Assistent er wurde.

Boehlich mischte sich als scharfzüngiger Polemiker in alle Debatten der jungen Bundesrepublik ein und prägte bis 1968 den Suhrkamp Verlag nachhaltig, dessen Cheflektor er war. Als Editor gab er Freud, Proust, Gutzkow und viele andere Autoren heraus, er übersetzte unter anderem Kierkegaard aus dem Dänischen, Marguerite Duras aus dem Französischen, Lope de Vega aus dem Spanischen, Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“ aus dem Englischen und vieles andere Exquisite mehr. Boehlich, der überzeugte Linke, den man in den Sechzigern Pfeife rauchend im Fernsehen mit Adorno über Beckett diskutieren sehen konnte, war bis vor einigen Jahren als politischer Polemiker in der Satirezeitschrift „Titanic“ zu lesen. Am Mittwoch ist Walter Boehlich 84-jährig gestorben.

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