Kultur : Der Pop-Manager

Plattenfirmen-Boss Tim Renner verlässt überraschend Universal Music. Eine Bilanz

Christoph Amend

Wie der junge Tim Renner in die Musikbranche geriet? Er wollte sie ausspionieren, um über die fiesen Machenschaften der Plattenbosse eine investigative Reportage zu schreiben. Als Praktikant hatte er sich eingeschleust, doch dann beschloss er, seine Karriere als Musikjournalist zu beenden, bevor sie richtig angefangen hatte. Das war Mitte der Achtzigerjahre. Und es gehört wohl zum Ehrgeiz des Tim Renner, dass er wenige Jahre später selbst ein erfolgreicher Plattenboss wurde, zunächst bei Motor Music, dann bei Universal, dem Marktführer der Branche. Nun sein Abschied. Als Grund wird angegeben, Renner wolle den Sparkurs des Mutterkonzerns nicht mittragen, der vorsieht, mehr auf internationale als auf deutsche Künstler zu setzen. Der Streit spielt vor dem Hintergrund der größten Krise, die die Branche bisher erlebt hat.

Wie müssen wir uns Tim Renner, 39 Jahre alt, vorstellen? Als zynischen Plattenboss, der sich schon lange nicht mehr für Musik und Künstler interessiert? Oder als unbelehrbaren Romantiker?

Tim Renner denkt in Inhalten – dies kommt in der Branche leider nicht allzu häufig vor. Immer wieder hatte er früh Trends aus Deutschland gefördert, ohne nationalistisch zu sein. In den Achtzigern setzte er auf Rockbands wie Element of Crime, Anfang der Neunziger mit Westbams Low-Spirit-Label auf den Techno-Boom. Er nahm so unterschiedliche Musiker wie Rosenstolz, DJ Hell und Helge Schneider unter Vertrag. Renner machte hohe Umsätze, auch mit merkwürdigen Künstlern wie Rammstein, aber damit finanzierte er Projekte, von denen er wusste, dass sie seine Bilanzen nicht verbessern würden. Ein Beispiel unter vielen: Er wollte die Klassikaufnahmen seiner Labels besser vermarkten und bat Prominente wie Iris Berben und Harald Schmidt, für eine CD ihres Lieblingskomponisten zu werben. Berbens Verdi und Schmidts Bach verkauften sich prima. Aber Renner hatte auch den Kritiker Diedrich Diederichsen gebeten, eine CD von dessen Liebling Schönberg zusammenzustellen, eine schöne Platte abseits der großen Zahlen, abseits des Mainstreams.

Man muss sich nur die Bilder aus der RTL-Castingshow vor Augen halten, wenn BMG-Boss Thomas Stein versucht, noch plumpere Pointen zu setzen als Dieter Bohlen – Renner ist eine Art Anti-Stein. Dezent in der Kleidung, zurückhaltend im Auftreten. Ein Mann, der seinen Einfluss auf die Politik für seine Popkultur nutzte. Er beriet Gerhard Schröder und Klaus Wowereit und sorgte mit dafür, dass die Popkomm-Messe 2004 erstmals in Berlin stattfindet.

Mit seinen Strubbelhaaren und Ein-Tages-Bärten wirkt er oft so, als habe er in den letzten Tagen zu wenig Schlaf bekommen. Kurz nach dem Umzug von Universal nach Berlin (auch eine Idee Renners) stand er an einem Sonntag abend im Club WMF, und man verabredete, dass er einen Essay für den Tagesspiegel darüber schreiben würde, was sich ändern muss, damit die Musikindustrie nicht untergeht. Der Text sollte pünktlich zur Popkomm im August erscheinen, doch plötzlich hieß es bei Universal, der Chef sei im Sommerurlaub. Man könne ihm ja eine E-Mail schicken, vielleicht melde er sich. Kurz darauf schickte Renner seine Analyse, am Laptop geschrieben, den er mit an den Pool geschleppt hatte. Er las seinen Kollegen die Leviten, forderte mehr Verantwortung für Künstler, mehr popkulturelle Bildung, und dass man nicht über illegal gebrannte CDs jammern solle, sondern neue Wege finden müsse, um mit Musik Geld zu verdienen.

Am heutigen Tag lässt sich eins mit Sicherheit sagen: Wenn es jemanden gibt, der diese Wege finden kann, dann ist es Tim Renner. Er wird sie nur nicht mehr für Universal suchen.

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