Kultur : Der Postindustrialist

Wissen ist Macht und Leidenschaft: Zum Tod des amerikanischen Soziologen Daniel Bell

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Foto: akg-images/Armin Pongs
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Der amerikanische Soziologe Daniel Bell, Jahrgang 1919, der am Dienstag mit 91 Jahren in Cambridge, Massachusetts gestorben ist, war eine intellektuelle Jahrhundertgestalt, vergleichbar mit dem britischen Historiker Eric Hobsbawm, Jahrgang 1917. Beide durchlebten und durchdachten das 20. Jahrhundert als „Zeitalter der Extreme“ (Hobsbawm) und als Epoche des Übergangs vom Industriekapitalismus zur „postindustriellen Gesellschaft“ (Bell). Beide stammten aus jüdischen Familien, Hobsbawm aus „gutem Hause“, Bell aus „einfachen Verhältnissen“. Beide waren zugleich Universitätsgelehrte und öffentliche Intellektuelle. Und beider Schriften waren und sind umstritten.

Hobsbawm wird gewöhnlich als Marxist auf die linke Seite des diskursiven Kampfplatzes gestellt, Daniel Bell als kulturkonservativer Liberaler auf die rechte Seite. Aber ein Streit der Theorien ist kein Tauziehen, wo die eine Seite nur den Boden gewinnen kann, den die andere verliert. Bell selbst hat gern betont, dass er in der Ökonomie Sozialist sei, in der Politik ein Liberaler und in der Kultur ein Konservativer. Wenn sich in den USA jemand „Sozialist“ nennt, meint er wohl eher „Sozialdemokrat“, und wenn dort jemand als „Liberaler“ bezeichnet wird, kann das einer Beschimpfung als Linksradikaler gleichkommen. So unübersichtlich ist das Gelände. Bell selbst hat sich wiederholt dagegen gewehrt, als Tau- und Strippenzieher der Neocons qualifiziert und abqualifiziert zu werden.

Wollte man sein Lebensthema zusammenfassen, müsste die Schlagzeile heißen: Wissen ist Macht. Das gilt für seine eigene wissenschaftliche Machtpolitik, für die wachsende Bedeutung von Wissenschaft und Technik in der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Welt und für seine Versuche, diesen dramatischen Wandlungsprozess wissenschaftlich zu begreifen und zu erfassen. Wobei Bells Begreifen und Erfassen immer recht handgreiflich und zupackend ist.

Auch deshalb wurden einige seiner Begriffe zu Schlagworten im öffentlichen Machtkampf um die Deutungshoheit über die Zukunft der Gesellschaft. Viele dieser Begriffe musste er nicht einmal selbst prägen. Beispielsweise stammt das „postindustriell“ in seinem 1973 erschienenen Buch „The Coming of Post-Industrial Society“ aus dem 1958 veröffentlichten Bestseller „Die einsame Masse“ von David Riesman.

„Die nachindustrielle Gesellschaft“, wie Bells einflussreiches Buch auf Deutsch heißt, sollte nicht als systematisch strukturierte Theorie verstanden werden. Bell nennt sie „science fiction“: eine wissenschaftliche Fiktion, die aufgrund detaillierter Beschreibung neuer Tendenzen in der Gegenwart eine in sich stimmige Konstruktion der Zukunft einer Gesellschaft ermöglicht. Dabei scheut er auch vor der historischen Vogelperspektive nicht zurück: In den Agrargesellschaften war der Mensch Gegenspieler der Natur, in den Industriegesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts war der Mensch Gegenspieler der von ihm selbst hervorgebrachten Technik, in den postindustriellen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts wird der Mensch zum Gegenspieler des Menschen. Das Soziale und Politische rücken in den Vordergrund.

Diese Diagnose war damals insofern erstaunlich, als westeuropäische Intellektuelle wie Jürgen Habermas von „Technik und Wissenschaft als Ideologie“ sprachen. In der postnatalen Depression des kulturellen Neugeburtsversuchs von 68 schien ausgemacht, dass nicht die Fantasie, sondern die Technokratie an die Macht gekommen war. Die Experten, so wurde befürchtet, würden politische Entscheidungen treffen, die von den Politikern selbst dann nur noch medial „verkauft“ würden, bei der Selbstvermarktung wiederum beraten von Experten.

Auch Bell, der 1960 das „Ende der Ideologie“ ausgerufen hatte, sah diese Gefahr. Doch glaubte er zugleich an die Wiederkehr vermeintlich „irrationaler“, in Wahrheit lebenspraktischer Kräfte, an die Macht von Erfahrungen, Interessen und Leidenschaften. Man könnte versucht sein, die Bürgerproteste um Stuttgart 21, deren Vehemenz viele Politiker überrascht hat, in diesem Sinne zu deuten. Aber das muss man nicht an die große Glocke hängen, wenn der Kalauer mit Bells Name gestattet ist, der ursprünglich Daniel Bolotsky lautete.

Bell hat wie viele Intellektuelle vom „Ende der großen Erzählungen“ erzählt – und doch selbst eine solche hervorgebracht: die Geschichte vom Lösen der alten Fesseln und vom „Schwinden der Zwänge der Vergangenheit“.

Wie immer man Bells Diagnose auch einschätzen mag: In der Rolle, die er dem Staat zuwies, täuschte er sich. Die von ihm vorhergesagte Zukunft des Staates als Schiedsrichter war von heute aus gesehen dessen Vergangenheit in den sozialdemokratischen 70er Jahren. Aber kehrt dieser vom Platz gestellte Schiedsrichter nicht im Zuge der Finanzkrise als Retter des ganzen globalen Spiels aufs Feld zurück? In jedem Fall gilt, was Bell vor gut 15 Jahren in einem Artikel schrieb: „Was jedoch bleibt, sind die Ängste der Mittelschicht.“

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