Kultur : Der Präsident des Goethe-Instituts hat seine Lebenserinnerungen aufgeschrieben

Iring Fetscher

Hilmar Hoffmanns Erinnerungen sind eine perfekte Anleitung für erfolgreiche Kulturpolitik. Angefangen von seiner Tätigkeit als Organisator der Oberhausener Filmtage über die Leitung einer Volkshochschule, die ungemein nachhaltige Tätigkeit als Frankfurter Kulturdezernent und die Arbeit als Vorsitzender der "Stiftung Lesen", hat Hoffmann als Präsident des Goethe-Instituts schließlich die Vollendung seiner glänzenden Laufbahn erreicht. Das Kino aber war sein Schicksal.

Der 1925 in Bremen Geborene wird als Schüler einer "Horst-Wessel-Schule" und als Hitlerjunge mit den eindrucksvollen Propagandafilmen des Nationalsozialismus konfrontiert. Sie wurden im Rahmen von Feierstunden vorgeführt und sollten den sonntäglichen Gottesdienst überbieten und ersetzen. Wie sehr sie das Fühlen und Denken des Jungen beeinflusst haben, braucht Hoffmann nicht zu betonen. Jedenfalls meldet der junge Mann sich 1942 freiwillig als Fallschirmjäger zur Wehrmacht. Als Alternative stand nur die SS bereit, die heftig um den Nachwuchs warb und die Notabiturienten bedrängte. Hilmar Hoffmann hatte Glück und kann schon wenig später in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Anfangs sogar in ein besonders komfortables Lager, dessen Insassen freilich in der Mehrheit unverbesserliche Nazis waren.

Am 20. April 1945 feierten seine Kameraden den "Geburtstag des Führers", indem sie eine selbstgefertigte Hakenkreuzfahne anstelle des Sternenbanners aufzogen. Die naiven amerikanischen Kommandanten mussten erkennen, dass durch gute Versorgung allein überzeugte Nazis nicht gewonnen werden konnten. Das Lager, das aus "Elitesoldaten" bestand, wurde aufgelöst. Hoffmann hatte wiederum Glück und konnte an dem neuen Standort als Gehilfe im Militärladen arbeiten.

Am 8. Mai prosteten ihm amerikanische Kunden freundlich zu. Von entscheidender Bedeutung für ihn wurden aber die Dokumentarfilme über befreite deutsche Konzentrationslager, die den Soldaten vorgeführt wurden.

So entwickelte sich Hoffmann schon früh zum Kenner der wichtigen Wirkung des Films auf Mentalitäten und politische Orientierung vor allem auch junger Menschen. Mit guten Kenntnissen der englischen Sprache und einem "richtigen" Abitur in der Tasche kehrte er im September 1947 in die Heimat zurück.

Bald beginnt seine ungewöhnlich rasche Karriere als Kulturpolitiker. Sie wird von ihm so spannend erzählt wie ein Roman. Ganz abgesehen davon, dass Hoffmann Glück gehabt hat, kommt ihm auch sein starkes Selbstbewusstsein und die ständig erweiterte Sachkompetenz als Kenner auf dem Gebiet der Dokumentar - wie der Spielfilme zugute. In Oberhausen und Frankfurt lernt er - der gelassene Sozialdemokrat - den Umgang mit Politikern aller Parteien und mit Sponsoren. Er weiß, was er will, und er setzt es in der Regel auch durch.

Zwanzig Jahre lang verhilft er als Kulturdezernent Frankfurt zu kulturellem Ansehen, beruft kreative Theaterleute und Dirigenten und baut das Museumsufer, das die Attraktivität der Bankenstadt ungemein erhöht. Nicht nur für Kenner der Frankfurter Szene sind die zahlreichen Anekdoten reizvoll, mit denen Hoffmann seinen Erfolgsbericht würzt: wie es ihm gelingt, Hermann Josef Abs, den "Allgewaltigen", durch Festigkeit und Selbstbewusstsein zu "zähmen," auch wenn er nicht die Schikanen abwenden kann, denen der Städeldirektor Klaus Gallwitz ausgesetzt ist.

Nicht immer gewinnt Hoffmann freilich selbst Freunde. Am wenigsten kommt er mit Helmut Schmidt zurecht. Freundschaft verbindet ihn - von allen Politikern - allein mit Hans-Dietrich Genscher. Von dem Sozialdemokraten Walter Möller ins Amt geholt, kommt er gleichwohl mit dessen christdemokratischem Nachfolger Walter Wallmann gut aus. In seiner Amtszeit erreicht der Frankfurter Kulturetat seinen Höhepunkt.

Nach einem "Zwischenspiel" bei der "Stiftung Lesen" (1991-1993) folgt 1993 die Berufung zum Präsidenten des Goethe-Instituts. Peter Wapnewski hatte den guten Einfall und half ihn durchzusetzen. Hoffmann übernimmt die wichtige Aufgabe in schwieriger Zeit. Einerseits verlangt der Wandel im europäischen Osten dringend nach Unterstützung durch die Einrichtung deutscher Kulturinstitute - andererseits hat die Vereinigung der beiden deutschen Staaten den Bundeshaushalt so sehr belastet, dass gespart werden muss. Wenn ein Zeitgenosse wirklich imstande ist, der kulturellen Ausstrahlung der Goethe Institute Nachdruck zu verleihen und die unabdingbar notwendigen Mittel für sie zu beschaffen - dann Hilmar Hoffmann. Helmut Kohl und Klaus Kinkel signalisiertem zwar Verständnis, aber schon unter der alten Bundesregierung erlitt das Goethe Institut erhebliche finanzielle Einbußen. Eine Wende zum Besseren ist noch immer nicht in Sicht und doch wäre es mehr als kurzsichtig, wenn ausgerechnet am vergleichsweise kleinen Etat der Goethe-Institute gespart werden sollte - und ebensowenig an anderen für den Kulturaustausch zwischen Deutschland und der Welt so wichtigen Einrichtungen wie Inter Nationes. Hilmar Hoffmann sieht hier seine wichtigste Aufgabe für die Gegenwart und nahe Zukunft.

Seine Erinnerungen sind ein Erfolgsbuch. Es wäre nicht nur für ihn schmerzlich, wenn das bevorstehende Kapitel einen Misserfolg enthalten würde.

Nicht nur seine Leser wollten ihn beim Kampf um den Erhalt möglichst aller - noch bestehenden - Goethe-Institute und ihres Budgets unterstützen!Hilmar Hoffmann, "Ihr naht Euch wieder, schwankende Gestalten." Erinnerungen. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1999, 469 Seiten, DM 48.

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