Kultur : Der Praktikant, den jeder kannt’

Steffen Richter

Mehr als zwei Drittel der demonstrierenden Franzosen unter dreißig wollen laut Umfragen Beamte werden. Das klingt absonderlich. Aber vielleicht wächst das Bedürfnis nach Sicherheit in Zeiten realer Unsicherheit besonders stark. Was die französische „Libération“ zur „Wegwerfgeneration“ erklärt, heißt in Italien „Genrazione 1000 Euro“. Das ist der Titel eines Buches von Antonio Incorvaia und Alessandro Rimassa , das (leider bloß auf Italienisch) im Netz kursiert und in nur drei Monaten stolze 23 400 Mal herunter geladen wurde. Es geht um Claudio, der nach dem Studium in einem großen Mailänder Unternehmen arbeitet, in einer WG im Stadtrand wohnt und sich alle Annehmlichkeiten des Lebens versagen muss – bei 1028 Euro netto.

Immerhin, ein hübsches Sümmchen, dürfte sich Nikola Richter denken. Ihre „Lebenspraktikanten“ (S. Fischer) können davon nur träumen. Sie sind, was Politik und Wirtschaft immer fordern: ausgebildete Akademiker mit Auslandserfahrung, mobil und motiviert. Trotzdem hangeln sie sich erfolglos von einem Vorstellungsgespräch zum nächsten, von einem unbezahlten Praktikum zu einem schlecht bezahlten. Und sie hätten – worüber man streiten kann – so gern eine Visitenkarte! Stattdessen müssen sie ihr Leben in der Vorläufigkeit einrichten. Gerade im Berliner Kulturbetrieb halten sich viele mit verschiedensten Mischkalkulationen über Wasser: hier ein bisschen lektorieren, da übersetzen, dort Kinokritiken schreiben – und Fahrradfahren, weil die BVG teuer ist. Eine regelmäßige Kontobewegung und Wunderdinge wie das 13. Monatsgehalt oder Krankengeld hätten etwas ungemein Beruhigendes. Allein: Wer nicht angestellt ist, kann nicht entlassen werden. Damit könnte man sich trösten, wenn Nikola Richter heute (21 Uhr) die tristen Biografien ihrer Lebenspraktikanten im Kaffee Burger vorstellt (Torstr.60, Mitte).

Ob Bücherschreiben aus der finanziellen Misere führt, ist zweifelhaft. Aber ums Geldverdienen dürfte es Romanciers ohnehin nicht in erster Linie gehen. Das werden auch die zahlreichen Journalisten – von Paul Ingendaay bis Moritz von Uslar – wissen, die in diesem Frühjahr ihre Romane vorlegen. Zwei von ihnen kann man am 12.4. (20 Uhr) im Literarischen Colloquium erleben (Am Sandwerder 5, Zehlendorf). Ulrich Schmidt (Auslandskorrespondent der „NZZ“) präsentiert mit „Aschemenschen“ (Eichborn Berlin) eine realitätsgesättigte Entführungs-, Liebes- und Polit-Geschichte aus China. Und Hans-Peter Kunisch (Literaturkritiker für „SZ“ und „Zeit“) lockt mit dem wunderbar realitätsenthobenen Titel: „Die Verlängerung des Markts in den Abend hinein“ (Blumenbar). Der Markt, das ist zunächst ein gewöhnlicher Marktplatz, zugleich aber der Weltmarkt und dazu ein seltsam leeres Zentrum des Lebens unter freiem Himmel. Neben den drei Protagonisten gibt es zwei philosophische Beobachter aus lichter Höhe und die kunstsinnige Kuh Rosa. Kurz, Kunischs Buch ist ein Roman über alles.

Von Sicherheiten ist in den abenteuerlichen Spektakeln bei Kunisch und Schmid wenig die Rede. Aber gute Romane werden selten von Beamten geschrieben.

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