Kultur : Der praktizierte Surrealismus

NICOLA KUHN

Ein Bild des Friedens und der freudigen Erwartung: Der Flieder blüht, Handwerker rauchen ihr Pausen-Zigarettchen, ein Klasse giggelnder Schülerinnen auf Berlin-Besuch zieht weiter zur nächsten Hauptstadt-Attraktion, während als neuestes Ausstellungsstück ein Messerschmitt-Dreiradroller abgeladen wird.Der Countdown läuft für die Wiedereröffnung des Martin-Gropius-Baus am 23.Mai mit der großen Jubiläumsschau "50 Jahre Bundesrepublik".Und alles könnte so schön sein, wie der äußere Eindruck rund um das monumentale Ausstellungshaus glauben machen will.Doch dem ist nicht so.Umso näher der Eröffnungstermin rückt, umso mehr macht sich Unruhe breit um die weitere Zukunft des 1877-81 von Martin Gropius und Heino Schmieden ursprünglich als Königliches Kunstgewerbemuseum errichteten Backstein-Baus.

Da hat man für 33 Millionen Mark das Ausstellungshaus aufwendig saniert (allein der Bund schoß 20 Millionen Mark aus dem Hauptstadt-Kulturfonds hinzu), es klima- und sicherheitstechnisch auf internationalen Standard gebracht und weiß am Ende doch nicht recht wofür.Sicher, der Gropius-Bau soll das Grand Palais Berlins werden; die schöne Hülle steht schließlich schon.Doch das ist auch alles.Über Inhalte, Leitung, Programm hätte man sich lange vorher Gedanken machen und entsprechende Entscheidungen treffen müssen.Doch die werden seit Jahr und Tag in der Senatskulturverwaltung ausgesessen; Skeptiker prognostizieren bereits, daß auch diesmal wieder vor der Wahl vom Kultursenator keine Lösung präsentiert wird.

Schließlich ist es in all den Jahren seit Wiedereröffnung der einstigen Kriegsruine 1986 passabel gelaufen.Warum also nicht noch ein Weilchen weiter so? Dabei wird nur übersehen, daß sich der Gropius-Bau mit Publikumsmagneten wie der großen "Preußen"-Ausstellung, "Zeitgeist" oder "Berlin-Moskau" zwar international einen Ruf als Ausstellungshaus erworben hat, nun aber - als edelster Schaukasten am neuen Regierungssitz - im Begriff ist, ihn mangels Konzept wieder zu verspielen.Das Ausstellungsprogramm wird beim Referat für Kulturaustausch wie eh und je auf Zuruf weiter fortgeschrieben.Entsprechend zufällig liest sich die bis ins Jahr 2002 reichende Ausstellungsliste, obwohl das Haus mit dem neuen Start ein eigenes Profil entwickeln haben müßte.Nach der BRD-Schau von Deutschen Historischem Museum, Haus der Geschichte in Bonn und Bundeskunsthalle präsentiert der Duisburger Baulöwe Hans Grothe seine Sammlung, die Festspiele GmbH zieht zum Jahr 2000 mit "Sieben Hügeln" ein.Als nächstes hat sich die Zeitgeist-Gesellschaft des Berliner Ausstellungskurator Christos Joachimides unter dem Titel "Outlook" ein Plätzchen gesichert, was vermutlich eher ein Rückblick wird, da seine jüngst vorgestellten Pläne byzantinische Ikonen zum Thema hatten.Darauf folgen Retrospektiven für Wolf Vostell und Christo und Jeanne Claude, eine Ausstellung des Deutschen Altertums-Verbandes und schließlich die staatlichen Museen mit dem Arbeitstitel "Klassik 2001".Ingo Weber, der für den Gropius-Bau den Kalender führt, kommentiert diese Liste mit einem Achselzucken: "Die meisten Ausstellungen sind nicht einmal finanziell gesichert.Was, wenn die Klassenlotterie einmal nicht die Kosten übernimmt?"

Für eine Lösung der Leitungs- und Finanzierungsfrage ist es also höchste Zeit.Bei der Schlüsselübergabe Anfang März machte Kultursenator Radunski einen Vorstoß: "eine von Bund und Land getragene Betreibergesellschaft nach Art der Berliner Festspiele GmbH", die "das Haus verwaltet und das Management der wechselnden Nutzungen übernimmt, ohne aber eine konzeptionelle Intendanz für das Ausstellungsprogramm selbst auszuüben".Als möglichen Kandidaten schlug er sogleich die noch zu reformierende Festspiele GmbH vor.In Bonn hält man sich zu solchen Modellen noch bedeckt.Von dort war nur zu hören, daß dies alles Gegenstand der gegenwärtigen Haushaltsberatungen ist: Wie künftig die Förderung der Hauptstadtkultur funktionieren solle, und ob man nicht solche Objekte in Form einer Stiftung besser gleich unter Bundesfittiche nehme?

Auch Ulrich Eckhardt, Intendant der Festspiele GmbH und mit Radunskis Vorschlag neu ins Gespräch gekommen, weiß nicht, wie er es mit dem Gropius-Bau halten soll."Eine reine Hausmeister-Trägerschaft macht keinen Sinn", so viel ist sicher."Sonst kriegt das Haus kein Profil." Und: "Der Intendant der Festspiele GmbH müßte zugleich Intendant des Gropius-Baus sein." Schließlich sei seine Organisation am besten geeignet für diese Aufgabe; sie wären die ersten und meisten Nutzer des Hauses gewesen, das sich eher für die stets von den Festspielen ausgerichteten Themen-Präsentationen eignet als für die reine Kunst.Joachimides, der in den Gropius-Bau Ausstellungen wie "Epoche der Moderne" und "Metropolis" holte und deshalb ebenfalls als möglicher Intendant gehandelt wird, dürfte dazu seine eigene Meinung haben.

Doch seit dem Umbau des Backstein-Bau durch das Architekturbüro Hilmer + Sattler + Albrecht weiß Eckert nicht mehr, "ob ich dieses Danaer-Geschenk annehmen soll".Die Rechnung wurde ohne den Wirt, den künftigen Hausherrn gemacht.Die Bau- und Kulturverwaltung als Bauherr habe sich von den Architekten eine benutzerfeindliche Planung aufdrücken lassen: ungünstige Durchwegung, der Verlust eines Ausstellungssaal zugunsten eines fensterlosen Cafés, ein Anlieferungsdepot, das nicht klimatisiert wurde, überhöhte Fußleisten, falsche Belichtung.Das Haus sei für Bilder hergerichtet worden.Was eigentlich kaum verwundern kann, denn Hilmer + Sattler waren schließlich auch die Architekten der neuen Gemäldegalerie am Kulturforum.

Auch funktional nähert sich der Gropius-Bau damit dem immer wieder als Vorbild genannten Münchner Haus der Kunst an, das Christoph Vitali zu einer international gefragten Ausstellungsadresse gemacht hat.Der empfiehlt den Berlinern dringend einen eigenständigen Direktor und rät vom Modell Hausverwalter ab, da ansonsten das Haus zur "Gemischtwarenhandlung" verkommt.Ohne werde es irrwitzig teuer, wenn jeder neue Nutzer die von seinem Vorgänger entwickelte Ausstellungsarchitektur immer wieder über den Haufen werfe (So soll sich allein diesmal die Gestaltung des Lichthofes für die BRD-Jubiläumsschau in Millionenhöhe bewegen).Das Haus der Kunst verfügt über einen Gesamtetat von zwölf Millionen Mark, von denen die eine Hälfte aus festen Zuschüssen besteht, die andere sich Vitali selber verdienen muß.Für den Gropius-Bau würde er ein ähnliches Budget anzusetzen: sechs Millionen Mark für die Produktion von (im Haus der Kunst) zwölf Ausstellungen im Jahr, sechs Millionen für Infrastruktur und ein kleines, effizientes Team.

Vitali selbst ist der beste Beweis für die Durchsetzungskraft des Intendantenmodells, doch einen zweiten wie ihn wird man lange suchen müssen.So hat man sich auch in der Bonner Bundeskunsthalle mit der Verabschiedung von Gründungsdirektor Pontus Hultén von dieser Konstruktion getrennt.Seitdem leitet Geschäftsführer Wenzel Jacob alleine die Geschicke.Und Berlin? Ein Umzug auch seiner Einrichtung in die Hauptstadt, in den Gropius-Bau also, kommt nicht in Frage, betont er: Als Bundeseinrichtung mit 16 Ländern als Gesellschaftern muß er föderalistisch denken.Dennoch will auch Jacob "gelegentlich" in Berlin vertreten zu sein: etwa alle zwei Jahre mit einer guten Ausstellung als "Kulturbrücke".Warum sich dafür nicht mit anderen verbünden?

Auf diese Idee ist Christoph Stölzl vom Deutschen Historischen Museum längst gekommen.Der von I.M.Pei geplante Zeughaus-Anbau sieht ohnehin zu geringe Flächen für Wechselausstellungen vor.Im Verein mit Bundeskunsthalle, Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Leihgaben-Magnet und Festpiele GmbH als Koordinator müsse es doch gehen.Die verschiedenen Betreiber würden einen Programmrat bilden, aus dem dann eine Person als Intendant herauswächst, stellt sich Stölzl idealiter vor.

Da hat sich der designierte Generaldirektor der Staatlichen Museen überraschend selbst für die Stiftung in die Diskussion eingeschaltet und Alleinansprüche auf das ehemalige Kunstgewerbemuseum angemeldet, das laut Grundbuch noch immer dem Preußischen Kulturbesitz gehört.Die zur Verfügung stehenden Wechselausstellungsräume am Kulturforum sind allerdings auch zu kümmerlich, und ein nun mit allen Vollmachten ausgestatteter Peter-Klaus Schuster wird gewiß die ihm anvertrauten Museen erst richtig ins Rotieren und dann im schönsten Schaukasten Berlins zum Glänzen bringen wollen.

Derweil klappern im Innern der begehrten Backstein-Schönheit die Aufseher der Berlinischen Galerie streng mit dem Schlüssel, sobald sich Neugierige zu früh in die Räume wagen.Ironie der Geschichte: Die Berlinische Galerie hat noch immer die Schlüsselgewalt, auch wenn sie mittlerweile in die ehemalige Brauerei an der Kreuzberger Methfesselstraße umgezogen ist."Ein weiteres Kapitel für das noch zu schreibende Buch über den praktizierten Surrealismus Berlins", kommentiert Direktor Jörn Merkert lakonisch.Und spätestens an diesem Punkt sollte man sich ernsthaft Sorgen um die Zukunft des Martin-Gropius-Baus machen, so friedlich und erwartungsvoll er auch dastehen mag.

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