Kultur : Der Preis ist heiß

Wie die Jury sich um den Regie-Nachwuchs sorgt: Zum Abschluss des Münchner Filmfests

Karl Hafner

In den letzten Tagen wurde heftig debattiert auf dem am Sonnabend zu Ende gegangenen 27. Münchner Filmfest, wo man sich normalerweise lobt und gern hat und feiert. Aber diesmal spielten die Juroren nicht mit. Den renommiertesten Preis des Festivals, den Förderpreis Deutscher Film, hat sie in den wichtigsten Kategorien, Regie und Drehbuch, nicht vergeben. Die Regisseurin Caroline Link, der Schauspieler Maximilian Brückner und der Produzent Uli Aselmann begründeten ihre Entscheidung damit, dass man aus Fairnessgründen allen Kandidaten gegenüber so gehandelt habe. Die zur Auswahl stehenden Filme seien nicht repräsentativ für den jungen deutschen Film, der seine Qualität vielfach bewiesen habe. Dem Filmfest und den Preisstiftern empfahl die Jury, die Regularien zu überdenken – und erntete Schulterklopfen und Kopfschütteln dafür.

Der Förderpreis wird jährlich an junge Filmschaffende bis 35 Jahre für das erste oder zweite Werk vergeben. Zudem muss der Film in der Reihe „Neue deutsche Kinofilme“ uraufgeführt werden. In diesem Jahr erfüllten nur vier Filme die Bedingungen für den Regiepreis: „Blindlings“, ein experimentelles Liebesdrama von Wolfgang Weigl, die Familienstudie „Draußen am See“ von Felix Fuchssteiner, „Armee der Stille“ von Roland Lang – ein Generationenporträt im Thriller-Format – und Michael Kupczyks Krimikomödie „Diamantenhochzeit“. Mit einigem Recht wollte die Jury keinem dieser Filme ausreichende Qualität bescheinigen.

Für „Draußen am See“ wurde Katharina Schöde immerhin mit dem Produzentenpreis und Elisa Schlott als beste Darstellerin ausgezeichnet. Als Darsteller gewann Max Kidd in der Coming-of-AgeGeschichte „Hangtime – Kein leichtes Spiel“ von Wolfgang Groos; Max Fröhlich, der ebenfalls in „Hangtime“ spielt, erhielt eine lobende Erwähnung. Der Förderpreis Deutscher Film, bezahlt von der HypoVereinsbank, der Bavaria Film und dem Bayerischen Rundfunk, sorgt schon seit Jahren für Diskussionen. Das Konstrukt ist unglücklich, da zwei der drei Stifter im Filmgeschäft mitmischen. Schon deshalb wird die Preisvergabe skeptisch beäugt. Und man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, wie die Kritik ausfallen wird, sollte wieder einmal ein vom BR produzierter Film ausgezeichnet werden.

Die Jury-Entscheidung, an der mit Caroline Link eine Oscar-Preisträgerin Anteil hatte, ist aber auch ein Votum gegen die Filmauswahl in der deutschen Reihe. Sie ist das Kernstück des Festivals, hier finden Weltpremieren statt – wie in diesem Jahr von Andreas Dresens Komödie „Whisky mit Wodka“ – , hier soll besonders auf den Nachwuchs geschaut werden. Sollten die preisberechtigten Filme tatsächlich das Interessanteste gewesen sein, was die Branche derzeit zu bieten hat, müsste man sich tatsächlich Sorgen um den jungen deutschen Film machen. Eine unnötige Sorge, wie zuletzt Maren Ade mit ihrer Paar-Psychostudie „Alle Anderen“ bewiesen hat.

Zu beneiden war die Jury allerdings nicht. Sie sollte fünf gut dotierte Preise auf sechs Filme verteilen. Gerne hätte man in der Not wohl zwei Filme ausgezeichnet, deren Regisseure bereits über 40 sind. Eigentlich kein Alter für ein Geschäft, in dem es reichlich Quereinsteiger gibt. Aber die Regularien während des Filmfests ändern, das wollten die Preisstifter nicht. Lieber solle es in manchen Kategorien keinen Gewinner geben, meinten sie – genau das ist nun geschehen.

Ein Debakel für das Filmfest? Nein, das Publikumsinteresse war erneut gewaltig. Und mit der Vergabe des Cine-Merit Awards an den gebürtigen Münchner Michael Haneke für seinen Cannes-Siegerfilm „Das weiße Band“ hatte das Festival am Freitagabend doch noch eine glanzvolle Preisverleihung. Karl Hafner

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