Kultur : Der Preis ist lauwarm

Frederik Hanssen über Absurditäten der Echo-Klassik-Verleihung

Neulich in der Künstlergarderobe eines großen deutschen Konzerthauses: „Na“, sagt der eine Interpret zum anderen, „bekommst du dieses Jahr auch wieder einen Echo?“ – „Aber klar doch!“ Bei kaum einem renommierten Kulturpreis ist die Chance so groß, dass ein Bewerber auch eine Auszeichnung erhält. 340 CDs haben die Plattenlabels für den Echo 2012 eingereicht, der am heutigen Sonntag im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt vergeben wird. 60 Mal wird die sanft gebogene Plexiglastrophäe verliehen, bei der man als Berliner schnell an die Hungerharke vom Tempelhofer Flughafen denkt.

Was für einen Wert aber hat ein (undotierter!) Preis, bei dem fast jeder fünfte Kandidat gewinnt? Für jede und jeden wird hier, so scheint es, die passende Kategorie gebacken: Da gibt es die Chorwerkeinspielung des Jahres für Kompositionen des 16./17. Jahrhunderts, die Chorwerkeinspielung des Jahres fürs 18./19. Jahrhundert und die Chorwerkeinspielung des Jahres fürs 20./21. Jahrhundert – wobei letztere gleich an zwei Sangesvereinigungen vergeben wird. Die Kammermusikeinspielung des Jahres wird sogar in acht Unterkategorien prämiert, die DVD-Produktion des Jahres in drei. Fünf Interpreten dürfen sich als Instrumentalist des Jahres etikettieren, fünf weitere als Nachwuchskünstler. Ebenfalls auf fünf verschiedenen CDs wird künftig der absatzfördernde Aufkleber Operneinspielung des Jahres 2012 prangen. Hat bei der Deutschen Phono-Akademie, dem Kulturinstitut des Bundesverbandes Musikindustrie e.V., eigentlich mal jemand darüber nachgedacht, wie sich all diese Echos gegenseitig nivellieren? Der Preis ist nicht heiß, sondern höchstens lauwarm.

Besonders grotesk ist der Echo für Klassikbestseller. Hier hat die unabhängige, „aus Branchenexperten zusammengesetzte Jury“ gar keine Wahl: Was, wenn nicht die Verkaufszahl, entscheidet darüber, wer den Preis bekommt? Und klar, es ist der Crossovergeiger David Garrett. Und dann wäre da noch der Sonderpreis, ebenfalls im Doppelpack vergeben, für das Israel Chamber Orchestra und den Leipziger Thomanerchor. Wofür diese Ensembles geehrt werden? Das eine hat im Sommer live in Bayreuth Wagner gespielt, das andere wird 800 Jahre alt. Als ob das ein aktuelles Verdienst wäre.

Nur einer geht bei diesem absurden Marketingspektakel leer aus – obwohl gerade er ein Echo gut gebrauchen könnte: der Rufer in der Wüste.

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