Kultur : Der Prinz von Bel Air

Blass aber stilvoll: Daniel Barenboim beendet seinen Beethoven-Sonatenzyklus an der Staatsoper

Ulrich Amling

Geflecktes Scheinwerferlicht, wie durch einen Wald von Ästen gebrochen, gewaltige goldene Kronleuchter, mit Stoffbahnen kaschierte Kamera-Stative. Der Beethoven-Zyklus von Daniel Barenboim, der nach acht Etappen jetzt in der Staatsoper seinen Abschluss fand, soll als stilvolle Veranstaltung in Erinnerung bleiben. Und als solche immer wieder abspielbar sein: Die französische Produktionsfirma Bel Air hat Barenboims Berliner Marathonsitzungen komplett in Bild und Ton mitgeschnitten. Ihr Kamerakran umkreist den Flügel, schießt aus der Höhe auf ihn nieder, kriecht vom Parkett auf Tastenhöhe empor. Immer, wenn Barenboim sich gerade in Rage spielt, stößt der gierige Objektivträger besonders hart auf den Interpreten zu. Rondo und Action – oder der Versuch, etwas sichtbar zu machen, was auch während der drei letzten Sonaten-Konzerte selten zu hören war: ein stringentes Beethoven-Bild oder zumindest nachvollziehbare Steigerungen, Akzente, Übergänge. Die müssen nun wohl erst am Schneidetisch entstehen.

Schlingernde Kamerafahrten, unvermittelte Schnitte, verwirrende Gegenschüsse – der Klangregisseur Barenboim geht nur sehr sporadisch seiner Beethoven-Inszenierung nach und überweist die 32 Sonaten eher als Momentaufnahmen denn als Monument in die postproduction.

Oder ist das einfach nur zu viel erwartet: ein Beethoven-Sonaten-Zyklus, ausgeleuchtet als dramatischer Entwicklungsroman, der auch nach der achten Sitzung das Hirn nicht satt und das Herz nicht stumpf macht? Bei Pollini war es 1993 in der Philharmonie oft ungemütlich. Streng chronologisch gereiht die Werkfolge, umweht von einer Aura geistiger Anstrengung, getragen von einer Klarheit, die das Geheimnis mitunter aus der Musik jagte. Bei Barenboim fühlt sich das Publikum da wohler: Er arrangiert sich den 32er-Block nach eigenem Gusto (auch wenn sein Spiel die Querverbindungen unter den Sonaten eines Abends dann nicht wirklich aufdeckt) und zieht gerade in den langsamen Sätzen wie etwa zu der Beginn der Mondschein-Sonate das Tempo spektakulär in die Länge. Leicht aufgerauter Stillstand, monochrome Melancholie.

Leider fällt dieses graue Licht auch in Sätze, wo es gar nicht hingehört und sich in seinem trüben Schein musikalische Strukturen auflösen wie Konturen im Nebel. Barenboim lässt das zu, treibt auf dem zögerlichen Fluss der Musik, um plötzlich mit donnerndem Pedal einen grimmen Willen zur Steigerung zu beweisen. Im Allegretto von op. 54 kippt jeglicher Zusammenhang, und in der finalen Sonate op. 111 herrscht statt eines fantastischen „Adagio molto semplice e cantabile“ das pure musikalische Urchaos. Der Schweiß strömt vom Pianistenhaupt. Ein Zuhörer mit Taschenpartitur in der Hand schließt immer wieder seine Augen. Barenboim hat gedonnert, nun hat sich die Konsistenz des Nebels verändert. Wir erkennen so wenig als wie zuvor. Vielleicht sieht der Kamerakran ja mehr, lautlos stürzt er nieder. Immer wieder. In diesen letzten Minuten sieht es so aus, als hätte dieser Beethoven-Marathon einen Krater auf der Bühne der Staatsoper hinterlassen. Dann schließt Barenboim sein Jacket und sammelt Blumen ein. Blass, aber stilvoll.

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