Kultur : Der Proll im Kopf

Bürger, schaut auf eure Stadt! Berlin vermüllt sich selbst, und die Politik duldet die öffentliche Verschandelung / Von Peter von Becker

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Berlin braucht einen Schub – von innen. Der Segen von außen ist erst mal vorbei. Berlin 2006 war dank Fußball, Sonne und der geradezu südländischen Begeisterung Deutschlands schönstes Sommermärchen. Doch jetzt kam der Frost: Erst versagt man der Wissenschaftsmetropole eine Exzellenz-Uni, dann reißen die Karlsruher Richter Berlin aus allen Träumen.

Dieses Jahr hat die Augen dafür geöffnet, dass es so nicht weitergehen kann. Nicht in überforderten, verwahrlosten Schulen, nicht zwischen desintegrierten Einwanderern und desinteressierten Einheimischen, nicht mit Schlägern und Pöblern in Bussen und Bahnen.

Eine Stadt funktioniert durch das Zusammenspiel von Verwaltung und Bürgern. Den Rahmen jedoch muss der Staat als öffentliche Hand und öffentlicher Kopf vorgeben. In diesem Rahmen nämlich hängt das Bild der Stadt. Und das erste Bild einer Stadt ist ihr öffentlicher Raum. Sind ihre Straßen, Plätze und Parks.

Dieses Bild Berlins ist oft getrübt. Weil Berlin seit Jahr und Tag hinnimmt, dass die Stadt vollgemüllt, vollgerümpelt, verschmutzt, verstellt, verhässlicht wird. Indem aber das äußere Bild einer Stadt ganz wesentlich ihr Selbstbild prägt und das Selbstverständnis spiegelt, muss man sich nicht wundern: dass etwa die Versiffung der U-Bahnen über alle Rohheit der meist jugendlichen Wilderer hinaus auch ein Abbild der Verwahrlosung im Obergrund ist.

Es sind nicht nur die trotz Hundebeutelverordnung vollgekackten Gehwege, die von Anwohnern oft stillschweigend tolerierten Sperrmüllinstallationen am Straßenrand, die weggeworfenen Becher, Flaschen, Zigarettenschachteln.

Die öffentliche Müllproduktion beginnt bei der ständig neuen Stadtverschandelung durch Zelte, Verkaufsbuden, Fress- und Trinkstände. Einerseits pocht der Senat auf die neue alte Haupt- und Weltstadt. Zum Lokalkolorit gehört da auch manche kulinarische Eigenart. Andererseits darf man fragen, ob es tatsächlich ein Menschenrecht auf die ununterbrochene Versorgung durch Currywürste gibt. Die Bier- und Weißwurststadt München zeigt, dass man die Grundversorgung auch ohne jene Verbudung und Vermüllung des Stadtbilds sichern kann, die selbst vorm Holocaust-Mahnmal nur halbwegs Halt macht.

Nichts gegen Fanmeile, Loveparade oder Silvestereistheken. Sie bedeuten Feste, nicht Alltag. Schön sind die wiederkehrenden Märkte. Auch vor Weihnachten, an ausgesuchten Plätzen. Aber grauenhaft ist der geschmacklos ordinäre Budenzauber, der sich nicht nur um die Gedächtniskirche oder auf der Schloßplatzbrache breit macht, sondern auch die beginnende Urbanität am Potsdamer Platz verposemuckelt oder über den Breitscheidplatz hinaus so weit auf den Ku’damm vordringt, dass die dort angestammten Läden und Straßencafés zugerammelt werden. Eben jetzt hat sich amPotsdamer Platz eine pseudodörfliche „Winterwelt“ eingerichtet, mit Salzburger Almhütte, einer absurd kurzen Rodelbahn – und einem die Architektur von Kollhoff, Jahn und Renzo Piano verstellenden Haufen Container.

Je für sich genommen, mag das noch harmlos erscheinen. Aber die hierin mitschwingende Achtlosigkeit führt dann dazu, während der Fußball-WM ausgerechnet den Bebelplatz mit überdimensionierten, billigbunten Buddy-Bären zu verstellen. Zwischen Staatsoper und Humboldt-Universität brach die Geschmacklosigkeit nicht einfach nur in die klassizistische Harmonie eines Platzes ein. Der Bärenrummel ließ auch Micha Ullmanns in der Platzmitte eingelassenes, wunderbar stilles Erinnerungsmal an den hiesigen Ort der Bücherverbrennung verschwinden: als wär’s eine weitere Austreibung von Geist und Kultur. Als wollte die Stadt, in der nach der Wende so viel neu gebaut, gerettet oder wieder kultiviert wurde, sich an ihren markantesten Plätzen gleich wieder vulgarisieren, in Frage stellen.

Diese mangelnde Selbstachtung zeigt sich sogar am Kanzleramt. Dort hingen im WM-Sommer am Zaun der frontalen Schauseite, direkt vor der Chillida-Plastik, lauter weiß-rote Schilder mit der Aufschrift, es sei hier verboten, Fahrräder anzuschließen. Auf diese Idee würde wohl kaum jemand am Zaun des Weißen Hauses oder vor Downing Street Nr. 10 kommen. Wahrscheinlich auch nicht in Berlin. Aber zu glauben, dies vorm Kanzleramt eigens anschreiben zu müssen, sagt etwas übers Berliner und deutsche Selbstbild aus. Und über die fast schon hilflose Verteidigung des öffentlichen Raums: gegenüber seinen sich überall breitmachenden, gehenlassenden und für anspruchsberechtigt haltenden Besetzern.

Der wie selbstverständliche Anspruch zielt auf öffentliche Toleranz, Liberalität, Multikulturalität – oder Einschüchterung und Gleichgültigkeit. Da traut sich dann kaum mehr jemand zu fragen, ob es in einer Hauptstadt wirklich ein unabwendbares Urbedürfnis ist, sommerabends in jedweder Grünanlage zu grillen? In Istanbul wäre das undenkbar. Und in den Parks anderer deutscher Städte gibt es aus vielerlei Gründen des Umweltschutzes und des Respekts gegenüber anderen Besuchern für Griller besondere Bereiche. Aber während Rot-Rot in Gaststätten den Rauchern an die Stängel will, schert der nebelschwadenartige CO2-Ausstoß in der innerstädtischen Natur kein Ordnungsamt.

Im Ernst, und apropos Ordnung: Es geht ja nicht um eine obrigkeitsstaatliche Law-and-Order-Mentalität. Aber wer der Armuts- oder Wohlstandsverwahrlosung in Familien, Schulen oder Betrieben Einhalt gebieten will, der darf vor der öffentlichen Verunstaltung einer Stadt, die dafür mit ihren Steuerzahlern die Folgekosten trägt, nicht weiter die Augen verschließen. Zumal vermeintliche Liberalität hier schnell umschlägt in die Missachtung der Lebenskultur Andersempfindender. So erweckt Berlin beispielsweise den Anschein, besonders schamfrei zu sein – wo es für viele nur ordinär oder bestenfalls gedankenlos wirkt.

Es gibt nämlich keine andere Stadt, die Metropole sein möchte (und es ist), in der Reisende gleich in der ersten Bahn vom Flughafen oder Bahnhof von nackten Gesäßen und „arschgeil“ stupiden Plakat-Sprüchen angesprungen werden. Ähnliches auf Ass & Tits-Niveau ist in der innerstädtischen Plakatwerbung nachgerade eine Berliner Spezialität geworden. Freilich ohne jeden Berliner Witz. So wirkt das nicht sexy, sondern nur arm, dumpf und peinlich – auch im Vergleich mit keineswegs zopfiger Werbung in Städten wie Paris, Wien oder Barcelona. Und in Paris, wo man die attraktiven Spree-Strände mit Sand, Liegestühlen und Bars kopiert hat, erging dazu diesen Sommer ein Tanga-Verbot. Nun sind die Pariser nicht die prüdesten. Aber wenn man in Frankreich in Schulen das Kopftuch verbietet, achtet man im öffentlichen Leben der Hauptstadt umgekehrt auch auf (keineswegs fundamentalistische) Schamempfindungen. Und die gibt es nicht nur in der muslimischen Bevölkerung.

In Berlin freilich verwandeln sich jeden Sommer Seeufer und Parkanlagen wie selbstverständlich in öffentliche Nudistencamps. Ganz ungeachtet der ästhetischen Fragen – die meisten Menschen sehen nun mal angezogen besser aus: Das ist hier nicht Sylt, Usedom oder Mykonos, sondern eine Stadt mit Menschen aus allen Nationen und Kulturen.

Und für die allermeisten ist es noch immer ein Affront, bei sommerlichen Ausflügen (zumal mit Kindern) immer wieder dem Wegfall jeglicher Schamgrenze zu begegnen. Auch das gibt es so aufdringlich in keiner anderen freizeitoffenen Stadt. Dabei geht es nicht um falsche Prüderie. Aber selbst unverklemmte Stadtbürger wollen in aller Öffentlichkeit nicht unbedingt dem Genitaltattoo eines Arbeitskollegen oder dem Intimpiercing einer Nachbarin begegnen. Was im Berliner Sommer jederzeit passieren kann.

Keiner möchte eine elitäre oder spießbürgerliche Stadt. Fast alle wünschen sich eine schöne, lebenswerte Stadt. Doch dazu gehört, den Mangel an Stil nicht zum angeblich urberlinischen Lebensstil zu erheben. Arm, aber sexy – das heißt für manche auch: hässlich, aber interessant. Dies ist nun das dümmste Vorurteil, das Berlin sich selber geben kann.

Ich habe 25 Jahre in München gelebt. München gilt als schön. Berlin aber ist von Köpenick bis Dahlem, von Prenzlauer Berg und Kreuzberg bis Friedenau mit seinem Reichtum an lebendigen Straßen und Plätzen, mit vergleichsweise mehr Altbausubstanz und architektonischer Wohnkultur als München, durchaus voller Schönheit. Doch muss man das pflegen.

Um jede nur allzu kühne neue Architektur zu ducken, wacht das offizielle Berlin unentwegt über seine Traufhöhe. Doch was an ästhetischer Zumutung auf Augenhöhe passiert, schert offenbar keinen. Als dürfe es Eleganz und Charme im öffentlichen Selbstbild allenfalls auf der Museumsinsel geben. Als bräuchte es erst ein Stadtschloss, um auch im Alltag ein kultiviertes Gemeinwesen zu werden.

In dieser geduldeten oder gar aktiv geförderten öffentlichen Verprollung liegt ein zutiefst antibürgerlicher Zug. Gleichzeitig ruft der arme Stadtstaat außer nach dem Bund gerne nach den Stadtbürgern, nach dem zivilgesellschaftlichen Engagement. Davon könnte er mehr haben.

Denn entgegen einem weiteren Vorurteil gibt es Stadtbürger sehr wohl. Neue und alte. Sie zu gewinnen, bräuchte es ein Erwachen aus der regierenden Wurstigkeit. Damit Groß- und Kleinbürger nicht sagen, solange es hier so aussieht, gebe ich kein Geld, rühre ich selber keinen Finger. Ein Wandel der das Alltagsbild der Stadt bestimmenden Politik aber kostet kaum. Und man muss nicht Schiller und Hegel kennen, um zu begreifen, dass Hässlichkeit auch die sozialen Sitten verroht. Deshalb darf die Stadt den Müll und den Schrott jeder Art nicht weiter tolerieren.

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