Kultur : Der Prophet im eigenen Land

Schön grau ist alle Malerei: Gerhard Richter in einer lange überfälligen Düsseldorfer Retrospektive

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Am Anfang ein Versäumnis. Als das Museum for Modern Art (MoMA) in New York zum 70. Geburtstag von Gerhard Richter 2002 eine große Retrospektive ausrichtete, die durch weitere amerikanische Museen tourte, war das Bedauern groß. Die Jahrhundertausstellung sollte nicht in Deutschland zu sehen sein? Damals entschieden Armin Zweite, Leiter der Kunstsammlung NordrheinWestfalen in Düsseldorf, und Helmut Friedel, Leiter des Münchner Lenbachhauses, eine eigene Richter-Retrospektive auf die Beine zu stellen – nicht so groß wie die amerikanische, aber dafür mit lokalem Vorteil: Der Künstler, der zurückgezogen in Köln lebt, nahm an der Planung von Anfang an regen Anteil, entwickelte eigene Modelle, um die Hängung im Stammhaus K20 in Düsseldorf zu erproben.

Dreißig Jahre lang hat sich Nordrhein- Westfalen nicht um jenen Künstler gekümmert, der nach der Übersiedlung aus Dresden in Düsseldorf studierte, dort 1963 mit seiner Aktion „Demonstration für den Kapitalistischen Realismus“ bekannt wurde, später lange Zeit an der örtlichen Kunstakademie lehrte und seit Jahren zu den gefragtesten und teuersten Künstlern der Welt gehört. Als Armin Zweite 1990 seinen Job in Düsseldorf antrat, gab es in seiner Sammlung kein einziges Richter-Bild.

Eine längst überfällige Ehrung. Der Prophet galt lange nichts im eigenen Land. Jetzt ist Richter allerorten: Im Dresdner Albertinum, in der Sammlung Frieder Burda in Baden-Baden, in der Kunsthalle Emden, das kleine Franz- Gertsch-Museum im schweizerischen Burgdorf widmet sich den Gemälden in Grau, und im edlen Louisiana Museum bei Kopenhagen wird ebenfalls eine größere Retrospektive gezeigt.

Die Düsseldorfer Ausstellung, die außer nach München noch in zwei japanische Museen weiterwandern wird, darf jedoch als Krönung gelten. Stolze 120 Bilder umfasst die Retrospektive: und bleibt doch angenehm konzentriert, streckenweise fast intim. Nicht chronologisch, sondern nach Themen sind die Bilder im Ausstellungsparcours geordnet, von den Landschaftsbildern über die Farbtafeln, die berühmte Fotomalerei und die Glas- und Spiegelscheiben bis zu den großformatigen, „amerikanischen“ Bildern, Richters Flirt mit Pop-Art und abstraktem Expressionismus, die wunderbar zu Geltung kommen.

Die Besonderheit: Fast jeder Raum, jedes Thema umfasst Bilder aus über 30 Jahren. Immer wieder kehrt Richter zu bekannten Motiven, bekannten Techniken zurück, malt parallel gegenständlich und abstrakt, groß und klein, schwarzweiß und in Farbe. Keine Entwicklung des Stils, sondern eine ungeheure Gleichzeitigkeit des Ungleichen zeichnet das Werk dieses Künstlers aus, der sich fast manisch immer wieder mit dem gleichen Thema befasst: mit Wahrnehmung und Täuschung, Unschärfe und Reflexion, kurz: mit dem Wesen von Farbe, Form und Bild, und das zu einer Zeit, als Malerei als Kunstform überhaupt in Frage stand. Richter hat der Gattung die Treue gehalten und ihre Möglichkeiten und Grenzen wie kein anderer Maler im 20. Jahrhundert erforscht. Welchem Künstler sonst würde es gelingen, einfach Glasscheiben dicht hintereinander zu stellen („11 Scheiben“, 2004), und das unscharfe Vexierbild auf der Oberfläche bringt unser Weltbild, unser Selbstbild ins Wanken.

Ein Zauberer, ein Scharlatan? Als 2002 in der Deutschen Guggenheim Berlin die Auftragsarbeit „Acht Grau“ präsentiert wurde, war das Befremden groß: Acht gleichförmige, spiegelnde Grauscheiben, hartes Neonlicht von Oben, der Besucher zurückgeworfen auf sein eigenes, schemenhaftes Bild: ist das die Kunst? In Düsseldorf hängt „Acht Grau“ nun übereck, in der großen Halle, und auch hier ist das Licht kalt, die Atmosphäre frostig: unpersönlich, monumental, fast klinisch kalt. Auch das kann Richter sein. Doch dann denkt man zurück an frühe Graubilder, an die expressiven Pinselschwünge von „Vermalung (grau)“ von 1972, an die nachfolgenden, streng monochromen Bilder, die sich nur durch die Oberflächenstruktur beleben oder die zarten, hellen Streifen in „Abstraktes Bild“ von 2000, und weiß: Kälte ist nur ein Farbwert von Grau.

Vielfalt der Stile, Einheit des Themas, das gilt auch für einen anderen Komplex, der sich durch das ganze Oeuvre zieht: die Landschaftsbilder, beginnend mit der sonnenleuchtenden „Landschaft bei Hubbelrath“ von 1969 bis zu den trotz Unschärfe etwas überkonkreten jüngsten Werken wie „Juist“ (2001) oder „Waldhaus“ (2004). Eigentlich seien ihm Richters gegenständliche Bilder immer am abstraktesten vorgekommen, gibt Helmut Friedel bei der Eröffnung zu bedenken. Und, anders herum, Richters abstrakte Bilder sehr gegenständlich.

Da ergießt sich, in dem vor zwei Jahren in einer spektakulären Benefizauktion für die flutgeschädigten Dresdner Museen für 2,6 Millionen Euro versteigerten „Fels“ von 1989, ein ganzer Wasserfall an Blau und Grün über das Bild, im verwandten „Wald“ von 1990 ist es ein funkelndes Feuerwerk aus Gelb und Weiß. Wenn überhaupt, sind es die Farben, die über die Jahre wechseln.

Viel ist gerätselt worden über Richters Bekenntnis zum Christentum, für das er im November 2004 auch mit dem Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken ausgezeichnet wurde. Die letzten drei abstrakten Bilder, wie ein Herz platziert, leuchten wie die Glasfenster mittelalterlicher Kathedralen. Ein Glaubensbekenntnis? Als nächstes will Gerhard Richter das Südfenster des Kölner Doms gestalten.

Einen unerwarteten Zugewinn konnten die Ausstellungsmacher im vergangenen Jahr verbuchen: Im Düsseldorfer Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung war ein großformatiges Wolkenbild aufgetaucht, das Richter 1978 im Rahmen eines Kunst-am-Bau-Projekts gemalt hatte und das jahrelang unbeachtet im Amt hing. Nun hat es einen Ehrenplatz in der Haupthalle. Und noch ein kleines Bild bleibt in Erinnerung, ein gegenständliches, aus dem vergangenen Jahr. Es zeigt die Fassade der 1986 von Dissing und Weitling erbauten Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20 in Düsseldorf, die graue, spiegelnde Granitfläche, die im abendlichen Sonnenlicht hell leuchtet, die gläserne Fensterfront, und einen schrägen Schlagschatten. Glas, Grau, Spiegel und Schatten: Dieses Museum passt zu Richter. Der Künstler ist heimgekommen.

Gerhard Richter. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20, bis 16. Mai, danach im Lenbachhaus München. Katalog 29 €.

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