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Der Provokateur : Na also, sprach Schlingensief

25.08.2010 10:45 Uhr
Am 21. August ist Regisseur Christoph Schlingensief gestorben. Stationen seines Lebens - eine Fotostrecke. Foto: dpaBilder
Am 21. August ist Regisseur Christoph Schlingensief gestorben. Stationen seines Lebens - eine Fotostrecke. - Foto: dpa

Die Radieschen der Kanzlerin: Auch die Interviews von Christoph Schlingensief sind Kunstwerke – eine kleine Kulturgeschichte des letzten Jahrzehnts.

ANFANG

Am Anfang, da ist es knochenhart. Man wird gelobt, will den Erfolg haben, verbiegt sich und stürzt in die Schlucht. Ich habe kiloweise Artikel gelesen, in denen meine Arbeiten fertiggemacht wurden, aber eigentlich haben sie mir nur geholfen. Im Nachhinein betrachtet, hatte ich das große Glück, immer wieder an einen Punkt zu kommen, an dem ich kämpfen musste. Pfeiffersches Drüsenfieber, ein geplatzter Blinddarm, Darmverschluss – sechs Wochen Intensivstation – mit 18, 19 Jahren schon (...) Da habe ich mich zum ersten Mal entschlossen, die Dinge im Fluss zu sehen.

Tagesspiegel, 24. Dezember 2005

WAHRHEIT

Ich glaube, dass in der Anhäufung von Schwachsinn mehr Wahrheit liegt als in der Anhäufung von Wahrheit.

„Der Spiegel“, 9. März 1998

PROVOKATION (1)

Harmonie hält man kaum aus, weil sie sowieso verlogen ist. Deshalb fand ich es toll, als meine Mutter mal flambierte Schweinelendchen machte, in den 70er Jahren, und nicht nur einen Aquavit drauf tut, sondern zehn. Es gab eine Riesenstichflamme, eine Explosion, und der Gast verbrennt fast. Es war Professor Häsler, er hatte das Haus meines Vaters verkauft. Er kam einmal im Jahr zur Besichtigung, hat immer was bemängelt. (...) Und plötzlich, pfatsch, die Riesenstichflamme.

Tagesspiegel, 10. Mai 1998

PROVOKATION (2)
Nur weil ich vom Leben berichte, denken einige Leute, ich wolle sie provozieren. Des Leben ist die Provokation, genauer: Ich im Leben, das ist die Provokation.

„Spiegel“-online, 2. Januar 2008

ERFOLG
Mein alter Freund Helge Schneider bricht Konzerte ab, wenn alles zu gut läuft. Als wir die Partei „Chance 2000“ gegründet haben, da gab’s eine solche Euphorie, da haben Leute wirklich an uns geglaubt. Jesus gründet ’ne Partei. Aber das wäre Betrug gewesen! Jesus war kein Mensch. Jesus konnte Wunder vollbringen. Also haben wir uns gespalten, wiedervereinigt, alles in zwei Wochen. Weltrekord.

„Süddeutsche Zeitung“, 9. Mai 1998

POLITIK (1)

Man muss sich das als Burg vorstellen: Die lassen alle vier Jahre bei den Wahlen mal die Zugbrücke runter, und dann darf man da reingucken, sein Problem erzählen und eine rauchen, aber dann ziehen sie die Klappe wieder hoch, und das war’s.

„Der Spiegel“, 9. März 1998

POLITIK (2)

Das einzig herrschende System, das ich kenne, ist das System Mensch. Und da bin ich selber Mitglied.

„Wirtschaftsblatt“, 17. August 2006

POLITAKTION
Irgendwann wollten die Leute, dass ich nackt durch die Stadt renne, um auf die Arbeitslosigkeit aufmerksam zu machen. (...) Heute kann ich auch Behinderte anbrüllen oder einen Arbeitslosen als faules Schwein bezeichnen. Ich nehme Menschen so ernst, dass ich ihnen die Meinung sage, aber auch erwarte, dass sie mir ihre Meinung sagen.

Tagesspiegel, 24. Februar 1999

POLITIK (3) Verwesung ist ein langsamer Prozess. Nur daraus entsteht wieder Leben. Alle wollen den Bildwechsel und die Verwandlung auf Knopfdruck. Aber das funktioniert nicht. Genau das ist das Problem in Deutschland. Ehrlich wäre, wenn die Parteien auf ihre Plakate schreiben würden: Auf Knopfdruck wird es keine Verwandlung geben.

Tagesspiegel, 15. August 2005

MERKEL

Merkel ist wirklich supersüß. Sie hat mir in Bayreuth mal zugelächelt, mit kecker Schnute und Augenblinzeln. Ich bin sicher, sie wird ihren Weg gehen, und die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass sie uns ein Stück mitnimmt. Ihr großer Vorteil ist, dass jeder glaubt, er könne sie packen und in die eigene Westentasche stecken – die Parteisoldaten grabschen nach ihr, die Lobbyisten fingern an ihr rum. Aber sie greifen ins Leere, Merkel ist schon wieder ein Stück weitergegangen. Das ist Quantentheorie. Sie hat neulich einmal gesagt, sie lasse bei sich die Radieschen nicht fotografieren, die seien zu mager. Sie sagt damit, beurteilt mich nach meiner Arbeit, aber lasst mir mein Privatleben. Ich schließe aus den Radieschen, dass sie ein mageres Privatleben hat. Das macht sie mir sympathisch.

Tagesspiegel, 24. Dezember 2005

SCHRÖDER Eigentlich finde ich Schröder jetzt in seinem Untergang großartig. Viel besser als Bruno Ganz in seinem Bunker, der dauernd nach der achten Armee ruft.

Tagesspiegel, 15. August 2005

KOHL Es geht ihm nicht gut, und die Krankheit, an der er leidet, die hat er sich schon 1989 geholt, als das Brandenburger Tor geöffnet wurde. Da hätte er einfach danke sagen müssen für diese Gnade. Aber er dachte, die Gnade würde ewig währen. Jetzt sehe ich seine äußere Hülle, die etwas darstellt, was seinem Inneren völlig widerspricht. Ich spüre seine inneren Schreie. Gewissermaßen bin ich ja Helmut Kohls Sohn.

„Süddeutsche Zeitung“, 9. Mai 1998
WOLFGANGSEE Warum sollen die fünf Millionen Arbeitslosen nicht gleichzeitig Urlaub am Wolfgangsee machen, am besten, wenn Kohl auch da ist? Und wenn die dann alle gleichzeitig ins Wasser gehen, dann steigt der Pegel – das haben wir ausrechnen lassen – um zwei Meter an. Das Wasser würde dann bis zu den Häusern am Ufer steigen, die Arbeitslosen berühren also immerhin die Häuser. Vielleicht sogar Kohl.

„Der Spiegel“, 9. März 1998

MÖLLEMANN Möllemann ist kein Antisemit. Er ist viel schlimmer: Er ist ein Opportunist.

„Der Spiegel“, 1. Juli 2002
MORAL
Die Moral, die ich habe, ist mein Jeton, den ich auf dem Roulettetisch auch mal auf Null setze.

Tagesspiegel, 10. Mai 1998

HITLER Man muss ihn abnutzen. Man sollte Hitler nicht immer unter der Käseglocke servieren – nach dem Motto: nicht hochheben, stinkt höllisch.

Tagesspiegel, 10. Mai 1998

1968

Die 68er waren für das damalige System ein Krebsgeschwür, das glücklicherweise gewachsen ist, weil der Staat keine Vorsorgeuntersuchung gemacht hat.

„Der Spiegel“, 9. März 1998

FERNSEHEN

Sendet, sendet, seid frei, macht DogmaRegeln und filmt euch auf der Rückbank. Ich empfehle, das eigene Urlaubsvideo auf die Mattscheibe des Fernsehers zu projizieren und den Ton laufen zu lassen. TV-Ton trifft Privatbild, oder umgekehrt. Dann prallt etwas aufeinander, das einen im besten Fall auf neue Gedanken bringt.

Tagesspiegel, 4. März 2001

FILM

Die Filmbilder haben in den dunklen Randzonen, wo sie sich nicht zeigen, ihre Kraft. Die Dunkelphase provoziert, nicht das Licht, das sie einem anhängen wollen.

„Spiegel“-online, 2. Januar 2008

DEUTSCHER FILM

Der deutsche Film interessiert mich meistens nicht. Entweder sind das irgendwelche Beiträge, die echt betroffen machen, so unglaubwürdige Menschen, die ein Alkohol-, Liebes- oder Arbeitslosigkeitsproblem haben. Oder Filme nachgespielter Fantasien vorgespielter Fantasien. (...) Jetzt geht das Volksfilmprojekt los. So ganz schnelle Dinger sind das. Am Abend ausdenken, das Ding am nächsten Tag drehen. Dann auch CD-Rom und fertig.

„Die Zeit“, 9. August 1996

KUNST (1)

Die Kunst ist ja nur noch unterwegs, von Stadt zu Stadt, von Messe zu Messe, von Museum zu Museum. Sie ist unterwegs, um sich zu treffen. Ob die Menschen danebenstehen und Geld zählen, das stört die Kunst gar nicht. Irgendwann wird auch auf den Kunstmessen das Licht ausgemacht, und der Pförtner schließt die Tore. Das ist doch toll, da kann sich die Kunst in Ruhe unterhalten.

„Spiegel“-online, 2. Januar 2008

KUNST (2)

Wer den Raum der Kunst benutzen kann, wird so leicht kein Terrorist.

Tagesspiegel, 23. Januar 2003

KUNST (3)

Vielleicht ist Gott doch ein gescheiterter Künstler. Sein Werk ist unvollkommen, es gammelt vor sich hin. Gott hat aufgegeben. Er will nicht mehr korrigieren. Die Kunst aber akzeptiert das Scheitern, und genau da hilft sie Gott. Der gescheiterte Künstler Gott bekommt Hilfe! Die Kunst wird zur Religion.

dpa, September 2008

THEATER

Dieses blöde Nachvorneglotzen. Diese angestrengten Typen, die meinen, sie wären heute Abend Hamlet und morgen Faust. Ich kenn’ sie alle aus der Kantine, sie saufen und erzählen von früher, als sie noch so toll waren. Ihre Nasen sind rot und großporig, ihr Anspruch an die Gesellschaft ist größer als ihr Einfluss. (...) Im Theater denken alle noch, sie würden uns ein Bild zeigen. Ich hab’ hingegen immer gedacht: Wir stehen doch selbst im Bild. Und vor allem: Wer hat es gemalt.

„Spiegel“-online, 2. Januar 2008

OPER

Es ist die Kunstform, die in den Momenten der Stille immer noch da ist. Vielleicht spüren wir dann den Grundkammerton der Erde. Die Oper singt noch, wenn alle schweigen.

Tagesspiegel, 9. September 2008

BAYREUTH

Das Festspielhaus könnte die Zentrale der Angst werden, die Kathedrale der Church of Fear. Sag Ja zu Deiner Angst, Wolfgang Wagner. Ich habe das Gefühl, ich bin Jack Nicholson in „Shining“, der durch die Gänge des riesigen, leeren Hotels läuft und sich plötzlich auf einem Bild wiederentdeckt. Vielleicht bin ich schon tot und das Bild ist eine Erinnerung an das letzte Leben. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich nach „Parsifal“ Krebs kriege, wie Heiner Müller.(...) Ich habe gemerkt, dass ich oft eine Art McKinsey-Unternehmen bin. Wenn Systeme anfangen zu bröckeln, werde ich gerne bestellt. Mich bestellt man nicht wie einen Blumenstrauß zum Firmenjubiläum, sondern eher, wenn die Firma einen Sargnagel braucht. Dann komme ich noch mal mit einer Umstrukturierungsmaßnahme.

Tagesspiegel, 19. Juli 2004

WAGNER

Wagner hat sich für Buddhismus interessiert. Vielleicht braucht man heute Voodoo, um mit ihm Kontakt aufzunehmen.

Tagesspiegel, 19. Juli 2004

ERINNERUNG

Sich erinnern heißt vergessen, überblenden. Das sagt die Neurobiologie. Wenn ich einen Sauerbraten esse und am nächsten Tag beim Inder ein Safranhühnchen, dann schmeckt meine Erinnerung ein bisschen nach Sauerbraten, und das Safranhühnchen auch.

Tagesspiegel, 7. Januar 2007

AFRIKA

Wer nach Afrika geht, hat sich selber an der Backe. Das ist sehr anstrengend. Man ist nass am Körper, trocken in der Kehle und wird von der Hitze weich gekocht, bis man merkt, was man für ein Würmchen ist. Das ist sehr gesund.

„Focus“, 21. Juni 2010

ANGST

Als Messdiener habe ich sie erlebt, als ich sechs Jahre alt war. Meine erste Messe fand frühmorgens statt mit einem über 70-jährigen Monsignore, der das alte katholische Ritual nuschelnd Minetti-mäßig durchführte. Ich war allein mit einem alten Mann auf der Bühne und habe alles falsch gemacht. Am Ende bin ich in die Sakristei gerast und wollte nix wie weg. „Danke sei Gott dem Herrn.“ Plötzlich bekam ich einen Schlag in den Nacken. Der Monsignore drückte mich runter und sagte: „Kniebeuge vergessen“. Und während ich heulte, fuhr er fort: „Egal, was du machst in einem Leben, der Papst bleibt bei seinem Glauben.“ Diese Devise der Kirche empfinde ich als aberwitzig, dass man erst Angst haben soll, um zu kapieren, dass das Leben toll sein kann.

„Welt am Sonntag“, 14. September 2008

RELIGION (1)

Religion bedeutet für mich persönlich: Beten, bis der Papst kommt. Ich bete im Flugzeug, vor dem Start, weil ich mich da ausliefern muss.

„Wirtschaftsblatt“, 17. August 2006

RELIGION (2)

Religion wird immer wichtiger, weil wir Relikte brauchen, Relikte vom Metaphysischen: einen Splitter vom Kreuz oder auch nur den Bierdeckel, auf dem Kardinal Ratzinger mal seinen Humpen abgestellt hat. Die Welt schreit nach Außerirdischem, nach dem Mehr an Bedeutung, das nicht greifbar ist.

Tagesspiegel, 27. September 2006

GOTT (1)

Ich glaube nicht an den einen Gott, der ist wie seine Artgenossen von Menschen gemacht. Die Götter der griechischen Mythologie sind aus dem Chaos entstanden, die Götter der nordischen Sagenwelt kommen aus dem Nichts. Ich fahre in meiner Nussschale herum, lande mal im Wüstensand und kollidiere mal mit einem Eisberg, aber ich fahre nicht automatisch ins Land, wo Milch und Honig fließen. Im Schlaraffenland ist die Motivation, etwas zu verändern, ziemlich gering, im ewigen Eise entsteht vielleicht etwas Neues.

Tagesspiegel, 24. Dezember 2005

GOTT (2)

Ich erlebe die Beziehung zu meinem Gott als Kampfsituation. Wenn man einen solchen Schlag abkriegt, kann man das nicht einfach akzeptieren. Anfang des Jahres bekam ich die Krebsdiagnose, seither quält mich die Frage, wer mich da verlassen hat. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“ – den Satz kann ich nun auch mal rufen. Vielleicht habe auch ich Gott verlassen, vorher schon.

Tagesspiegel, 9. September 2008

KRANKHEIT

Mein Vater war Apotheker, ich habe kranken Menschen noch und nöcher zugehört. Ich habe nie so an das total Gesunde geglaubt.

„Der Spiegel“, 15. Dezember 2008
KREBS

Diese vergangenen sieben, acht Monate sind das Konkreteste und Härteste, was ich in dieser ganzen simulierten Weltansicht von Kunst, Theater und Oper je erlebte. Wir sind alle schön beschützte Wesen, weil wir simulieren können. Und der Schauspieler spielt seine Rolle als Leidensbeauftragter. Ich bin nicht verbittert, aber ich bin beleidigt. Die Krankheit hat mich beleidigt in meinem Glauben an die guten Dinge, die ich getan habe.

Tagesspiegel, 9. September 2008

TOD (1)

Als mein Vater im Sterben lang, und ich dachte, jetzt ist es gleich so weit, hatte ich den iPod vorbereitet mit dem liturgischen Gesang „Heilig, heilig, heilig“. Und dann war die Musik zu Ende, und mein Vater lebte noch. Falsches Timing! Man stellt sich etwas vor, aber dann ist es auf einmal superreal und alles total anders. Er ist gestorben ohne Musik und hat gelächelt ohne mich. Mit dem Tod ist er eingetreten in eine Geheimgesellschaft.

„Die Welt“, 10. Februar 2009

TOD (2)

Wenn einer auf der Bühne „Herein!“ ruft, dann darf die Tür gerade nicht aufgehen. Dann ist es besser, wenn einer tot umfällt.

„Spex“, September 2010

TOD (3)

Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und musizieren und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln.

„Der Spiegel“, 15. Dezember 2008

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