Kultur : Der Pubertist

Reiches Monster: „Igby“ von Burr Steers

Ralph Geisenhanslüke

Igby ist ein Spitzname, wie ihn nur Familienmitglieder vergeben können. Einmal nur hat man sich verhaspelt – schon haben die lieben Geschwister die Kerbe gefunden, in die sie fortan schlagen können, und irgendwann nach Jahren, nach vielen Keilereien, ist das Wort endgültig ein Selbstläufer. Igby hat als kleiner Junge den Hersteller seines Teddybären falsch vom Etikett abgelesen. Aber das ist lange her. Heute ist er „so gut wie 18“ und benutzt den Bären als Drogenversteck.

Die Familie, reiche amerikanische Ostküste, gleicht einem havarierenden Tanker, der leckgeschlagen auf See treibt. Die Besatzung sieht dem Untergang tatenlos zu und geht nach und nach von Bord. Der Vater (Bill Pullman) leidet an fortschreitender Schizophrenie, die statusbewusste Mutter (Susan Sarandon) verzeiht dem ehemaligen Alphatier seine Schwäche nicht und herrscht gouvernantenhaft über ihre beiden Söhne. Während sein Bruder zum Jung-Republikaner heranreift, reagiert Igby mit Verweigerung. Daran ändern auch Elite-Colleges und die Militärakademie nichts. Eigentlich ist er auf der Flucht vor seiner Familie, deren Muster er ohne es zu wollen wiederholt. Igbys Zeugung „war ein feindlicher Akt“, sagt die Mutter. Und folgert: „Warum sollte sein Leben anders verlaufen?“

Der Patenonkel (Jeff Goldblum) übernimmt die Verantwortung, ein öliger New Yorker Immobilienmakler. Er findet: „Man sollte eine Familie führen wie eine Firma.“ Eine fein besetzte Elterngeneration ist das – lauter Leute, die man zu hassen liebt, grandiose Karikaturen: schön böse, aber nicht nur. Denn zur melancholisch-gitarrenlastigen Musik von Travis oder Coldplay sucht Igby seine Freiheit in New York, wo er bei des Onkels Geliebter unterschlüpft. Dort probiert er verschiedene Techniken des Broterwerbs und lernt die früh-herbe Sookie (Claire Danes) kennen, die auch nicht weiß, wohin mit sich. Sie mag ihn, weil er sie zum Lachen bringt – aber vielleicht auch nicht mehr als das.

Burr Steers, Regisseur dieses Films, wird gerade entdeckt. Früher tauchte er als Nebendarsteller bei Quentin Tarantino auf. Nun sind gleich zwei seiner Drehbücher im Kino. Da ist „Wie werde ich ihn los – in 10 Tagen“: eine konventionelle Liebeskomödie mit Kate Hudson. Und da ist „Igby!“, alles andere als noch ein Teenie-Film. Die „New York Times“ sieht ihn in der Tradition von „Der Fänger im Roggen“ und „Die Reifeprüfung“. Die Vergleiche mögen griffbereit daliegen, doch „Igby!“ findet seinen eigenen, zwischen Skurrilität und Sarkasmus pendelnden Ton.

Das liegt auch an Kieran Culkin. Mit acht Jahren stand der jüngere Bruder von Macauley Culkin in „Kevin allein zu Haus“ mit vor der Kamera. Heute, da Kinderstar Macauley seine Karriere hinter sich zu haben scheint, ist sein kleiner Bruder 21 und hat in 16 Filmen gespielt. Kleine Rollen, die wie Vorbereitungen auf große wirken. Wie das Gesicht die Kamera mitzieht, wenn Kieran Culkin nur melancholisch aus dem Fenster sieht, wie sein unbeeindruckter Trotz alle Versuche der Einflussnahme abprallen lässt – das hat größeres Format. Und der jüngste Spross der Culkin-Sippe, hier als junger Igby zu sehen, steht auch schon in den Startlöchern: Rory Culkin, Jahrgang 1989, gab sein Debüt bereits mit vier Jahren.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst 66, Kulturbrauerei, Moviemento, Zoo Palast; Cinestar Sony Center (OV)

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