Kultur : Der Pulsschlag von Lagos

Hitze, Moskitos,Stromausfall: Femi Kuti über sein Album „Africa to Africa“

Barbara Mürdter
Kämpferisch. Der Afrobeat-Musiker Femi Kuti. Foto: Promo
Kämpferisch. Der Afrobeat-Musiker Femi Kuti. Foto: Promo

„Jetzt bin ich da, wo ich eigentlich gern angefangen hätte, um mich von dort aus zu entwickeln,“ sagt Femi Kuti. Er sieht zufrieden dabei aus. „Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass die Musik die Wut aufnimmt und selber spricht, so dass man auch ohne die Texte die Dringlichkeit spüren kann.“ Der 48-Jährige hat mit „Africa to Africa“ (Wrasse Records) gerade sein siebtes Studioalbum veröffentlicht. Er wirkt sanft und entspannt. Nur seine Stimme verrät hin und wieder, unter welchem Druck der nigerianische Saxophonist, Sänger und Bandleader steht.

Denn Femi Kuti arbeitet seit den Achtzigern daran, seine eigene, moderne Version des Afrobeat zu entwickeln – eben jenen Sound, den sein weltberühmter Vater Fela Kuti groß gemacht hat. Femi, dessen Karriere in der Band des Vaters begann, hat die extrem langen Stücke auf Popsong- Länge gekürzt. Er hat die Yoruba-Beats mit Hip-Hop verschmolzen und alles etwas glatter gemacht, um ein breiteres Publikum zu erreichen. Genutzt hat es wenig. Auch wenn er derzeit der erfolgreichste nigerianische Musikexport ist, blieb er in der „Weltmusik“-Schublade.

Während er seine Alben in den letzten Jahren zumeist in Paris eingespielt hat, mietete sich Kuti für das aktuelle Album ein altes Decca-Studio in seiner Heimatstadt Lagos an. Das hatte er schon 1989 für sein Debütalbum genutzt und kennt es seit Kindertagen, denn auch sein Vater hatte hier in den Siebzigern aufgenommen. Allerdings hatte das einstige Vorzeigestudio nicht mehr viel zu bieten: Das Aufnahmepult fiel auseinander und der Generator, der die täglichen Stromausfälle abfangen sollte, versagte mehrfach den Dienst. Kuti will nicht jammern: „Wir wussten, was uns erwartet, also haben wir versucht, uns in Geduld zu üben und gelassen zu bleiben.“

Außerdem sei es etwas anderes, über die Probleme des Landes zu singen, während man in Paris die Annehmlichkeiten der westlichen Welt genießt: „Wenn ich in Nigeria bin und singe: ,Es gibt kein Licht!‘, kann es sein, dass genau in dem Moment tatsächlich das Licht ausgeht.“ Das nervt auch den geübten afrikanischen Metropolenbewohner, und so fließt die rohe Emotion direkt in die Musik. Auch, dass er diesmal mit seiner Liveband The Positive Force aufgenommen hat, gibt dem Album einen sehr direkten Klang. Er könne natürlich Topmusiker einkaufen, die im Studio leben, meint Kuti. „Aber geben die mir das Gefühl von Lagos, das ich haben will? Lassen sich hier von den Moskitos stechen? Nein!“

Anders als sein 18 Jahre jüngerer Halbbruder Seun, der vor einigen Jahren sehr viel leichtfüßiger in die Fußspuren des 1997 verstorbenen Vaters trat, musste sich Femi zunächst auf langen, komplizierten Pfaden emanzipieren. Widerwillig hatte er sich der Tradition gebeugt, dass der älteste Sohn das Erbe des Vaters weiterführen muss und quasi verpflichtet ist, dessen Beruf zu ergreifen. Eigentlich war er stärker von seiner in England geborenen Mutter geprägt und lehnte das Macho- und Rockstargehabe des Vaters ab.

Als Heranwachsender erlebte er die Folgen von Fela Kutis starker Politisierung um 1970 mit. Der beißende Spott und die Anklagen, mit denen der Vater gegen das nigerianische Militärregime kämpfte, bedeuteten regelmäßige Polizeiübergriffe und Gefängnisaufenthalte. Beim schlimmsten Angriff, als 1977 tausend nigerianische Soldaten die Kuti-Kommune überfielen und niederbrannten, wurde Fela Kuti fast zu Tode geprügelt. Dessen Mutter starb als Folge der Gewaltaktion.

„Wenn ich nicht gesehen hätte, wie mein Vater zu seinen Überzeugungen stand, würde ich heute wahrscheinlich weglaufen und sagen: ,Was geht mich Nigeria an?‘“, sagt Kuti. Hin und wieder lässt er aber durchklingen, dass ein bequemes Leben in England auch eine Option für ihn gewesen wäre. Doch er stellt sich seiner Aufgabe und wiederholt fast mantraartig in Songtexten und Interviews: „Wir brauchen gute Straßen, gute Schulen, Gesundheitsversorgung für alle Menschen ...“ Auch wenn sich Nigeria formal zu einer Demokratie entwickelt hat, bestehen viele der Probleme weiter, über die schon sein Vater sang.

Manchmal klingt Femi Kuti resigniert, etwa wenn er erzählt, dass nigerianische Schüler nur noch ihren Hip-Hop-Vorbildern aus den USA nacheifern wollen, und Europa und Amerika als das gelobte Land sehen, ohne zu begreifen, dass es eine weltweite Wirtschaftskrise gibt und auch dort Geld fehlt. „Jeder will sein eigenes Haus, sein eigenes Land und sein eigenes Auto. Immer alles meins, meins, meins. Eine Gesellschaft, die sich in diese Richtung bewegt, ist dem Untergang geweiht“, sagt er.

Auf dem neuen Album erinnert Femi Kuti an die afrikanischen Freiheitskämpfer, in deren Tradition er sich sieht: „Wenn es Kwame Nkrumah nicht gegeben hätte, hätte es meinen Vater wahrscheinlich so nicht gegeben. Wenn es nicht Lumumba gegeben hätte, würde ich heute nicht wissen, was Tapferkeit ist. Wenn es nicht Leute gegeben hätte, die über Wahrheit und Gerechtigkeit gesprochen und ihr Leben geopfert hätten, würde ich das alles heute nicht verstehen.“

Neben der großen Politik hat Femi Kuti auch ganz profane Probleme: Die rückgängigen CD-Verkäufe wirken sich negativ auf seine Finanzen aus. Zudem sieht er kaum Möglichkeiten, in Afrika zu touren, weil alles weniger organisiert sei. Deshalb müssten afrikanische Musiker mehr oder weniger darum betteln, in Europa und Nordamerika spielen zu dürfen. „Wenn sie dann dort bekannt sind, wird man vielleicht auch in Afrika auf sie aufmerksam. Nennen Sie mir doch einen bekannten afrikanischen Musiker, der in Afrika lebt! Sie sollten eigentlich Megastars zu Hause sein, und in Europa spielen, um Afrika aus der Perspektive eines Afrikaners zu repräsentieren.“ So läuft es aber nicht. Also übernimmt Femi Kuti auch diesen Job. Sein Vater wäre sicher stolz auf ihn.

Konzert: Dienstag, 7.12., 20 Uhr in der Berliner Kulturbrauerei

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