Kultur : Der Quartett- spieler

In der Löwengrube: Gernot Rehrl managt Berlins größtes Klassik-Kombinat ROC

Frederik Hanssen

Seit dem 1. Juli 2006 ist Gernot Rehrl Intendant der Rundfunkorchester und -chöre GmbH (ROC). Viel hat man davon nicht mitbekommen. Die Optik wurde unter seiner Ägide umgestellt und ein Pressesprecher verschlissen. Das hauptstädtische Klassik-Kombinat, das Rias Kammerchor, Rundfunkchor, Deutsches Symphonie-Orchester und Rundfunk-Sinfonieorchester vereint, präsentiert sich in Publikationen nun auf silbernem Grund, und PR-Chef Steffen Müller gibt nach nur einer Spielzeit auf – zu groß war der Gegenwind aus den eigenen Reihen gegen einen Gesamtleiter Kommunikation. Der auf Wunsch von Rehrl neu geschaffene Posten soll bis auf weiteres nicht wieder besetzt werden. Das sagt viel über die prekären Strukturen der ROC: Wenn sich hier einer bewegt, gerät gleich die ganze Konstruktion in Schwingungen.

Seit ihrer Gründung 1994 wurde die Holding stets als Notlösung empfunden, zusammengeschustert, um brutale Einschnitte bei den Rundfunkensembles aus Ost wie West zu verhindern. Die vier Berliner Spitzenformationen sahen und sehen sich vor allem als autonome Institutionen und haben darum wenig Spaß an administrativen Synergieeffekten, die sich wiederum die Geldgeber – Deutschlandradio und RBB, der Bund und das Land Berlin – wünschen. Da braucht es eine belastbare Persönlichkeit für den Intendantenposten. Zum Beispiel einen Kulturmanager wie Gernot Rehrl. Der 1955 in Bamberg geborene Bayer hatte nach Stationen bei den Münchner Philharmonikern, dem Windsbacher Knabenchor und dem Chor des Bayerischen Rundfunks ab dem Jahr 2000 zusammen mit dem Dirigenten Marcello Viotti das Münchner Rundfunkorchester nicht nur programmatisch neu ausgerichtet, sondern auch ganz offen und öffentlich seine Stimme erhoben, als das kleine BR-Ensemble aufgelöst werden sollte.

Rehrl konnte durch seinen mutigen Widerstand das Orchester tatsächlich retten – und erhielt den Ruf nach Berlin. Hier stieß er gleich mächtig mit Marek Janowski zusammen: Der Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters fühlte sich vom neuen Intendanten gemobbt und wollte prompt den Taktstock hinschmeißen. Nur durch beschwichtigendes Eingreifen von allerhöchster Stelle ließ sich der in der Hauptstadt wegen seiner interpretatorischen Ernsthaftigkeit hoch geschätzte Maestro zum Bleiben überreden. Dabei hatte Rehrl nur seinen Job gemacht: Die Gesellschafter erwarten schließlich von ihm, dass er die selbst bei Klassik-Fans immer noch weitgehend unbekannte Dachmarke ROC besser an den Mann bringt, indem er neue Konzertmodelle und Programmformate entwickelt, aber auch die Aktivitäten der Orchester und Chöre zu werbewirksam verwertbaren Events bündelt.

Das einzige Verkaufsargument für ein Janowski-Konzert allerdings, so sieht es jedenfalls der Maestro, ist der Dirigent Janowski. Ein Generationenkonflikt: Während der wertkonservative Dirigent Marketing-Tools des avancierten audience developments für modischen Schnickschnack hält, denkt der Musikmanager Rehrl geschmeidiger. Vier neue Themenfelder will er in der Spielzeit 2007/08 für die ROC erschließen: Für eine „Klangkulturen“ betitelte Reihe beispielsweise wird er mit dem Berliner Konservatorium für türkische Musik gemeinsame Projekte initiierten.

In die Business Class dagegen will Rehrl mit dem „Zusammenklang“ vorstoßen: Diese Premium-Konzertabende beginnen bereits um 18 Uhr mit einem Dinner, gefolgt von einem Dialog zwischen prominenten Zeitgenossen und ROC-Gesellschaftern, bevor dann die Klänge ab 20 Uhr für sich sprechen. Die Arbeit der beiden Chöre und Orchester auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik tragen künftig den Titel „Klangvisionen“. Unter dem Motto „Klasseklänge“ schließlich werden die Jugendaktivitäten der vier Ensembles gebündelt, vom Workshop über den Konzertbesuch während der Schulzeit bis zu Lehrerfortbildungen.

Über mangelnde Wahrnehmung in der Öffentlichkeit übrigens braucht sich Gernot Rehrl keine Gedanken zu machen. Für die Intendanten in der Löwengrube ROC gilt die Faustregel: Wenn man von ihnen nichts mitbekommt, läuft der Laden gut.

Weitere Informationen unter: www.roc-berlin.de

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