Kultur : Der Quereinsteiger

Von Basel nach Berlin: Michael Schindhelm wird erster Generaldirektor der Opernstiftung

Frederik Hanssen

Michael Schindhelm trägt zum schwarzen Anzug ein leuchtendes türkisblaues Hemd – in der Farbe seiner Augen. Diese Augen des 44-jährigen Eisenachers haben schon manchen seiner Gesprächspartner verwirrt: kalt und durchdringend wirken sie auf den ersten Blick. Am Mittwochmorgen hat Michael Schindhelm jedoch allen Grund, strahlend in die Runde zu schauen: Berlins Kultursenator Thomas Flierl hat die Presse in sein Amtszimmer in der Brunnenstraße in Mitte geladen, um das einstimmige Votum des Opernstiftungsrats für den künftigen Generaldirektor Schindhelm bekannt zu geben.

Zunächst erläutert der Ehrenrat ausführlich, warum er nach Prüfung von Schindhelms Stasi-Akte zu einem positiven Votum gekommen ist (siehe Seite 2). „Es ist kein reines Loblied, aber wir haben die Fakten berücksichtigt und sind in der Summe zu einem positiven Votum hinsichtlich einer Berufung für den Posten des Generaldirektors gekommen.“ Am späten Dienstagnachmittag hatte der Ehrenrat den Weg frei gemacht: Michael Schindhelm kann an die Spitze der Berliner Opernstiftung gewählt werden.

So kommt es vor Jahresende doch noch zur Ernennung eines Generaldirektors für die am 1. Januar 2004 kopflos geborene hauptstädtische Opernstiftung. Im Anschluss an die Veröffentlichung des Ehrenrats-Votums trat gestern der Stiftungsrat zusammen. Das Gremium, dem neben Münchens Opernchef Peter Jonas, RBB-Intendantin Dagmar Reim, der Kultur- und Finanzsenator sowie zwei Vertreter aus der Wirtschaft und ein Abgesandter des Personalrats angehören, entscheidet über die Vergabe des Postens. Nach einem ausführlichen Gespräch der Mitglieder mit Michael Schindhelm im Gebäude der Dresdner Bank am Pariser Platz war am Dienstag gegen 19.30 Uhr endlich weißer Rauch aufgestiegen: Habemus papam.

Vorher hatte sich der honorige Ehrenrat (mit den DDR-Bürgerrechtlern Ulrike Poppe und Wolfgang Templin, dem Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses, Walter Momper, und dem Schriftsteller Lutz Rathenow) wochenlang intensiv mit der Stasi-Akte des derzeitigen Basler Theaterleiters auseinandergesetzt. Als Student im sibirischen Woronesch war Michael Schindhelm in den Achtzigerjahren von DDR-Geheimdienstmitarbeitern gedrängt worden, seine Kommilitonen auszuhorchen. Als Schindhelms Akte 2001 auftauchte, hatte sich der Kulturmanager bereits in Basel einer Überprüfung seiner Vita gestellt. Damals war er entlastet worden: Als IM sei er alles andere als ein gefügiger oder gar dienstbeflissener Informant gewesen. Er habe niemandem ernsthaft geschadet.

Dass das Berliner Gremium zu demselben Votum kommen würde, stand keineswegs von Anfang an fest. Waren die Gutachter in der Schweiz vom Theater-Verwaltungsrat benannt worden, so saßen diesmal Persönlichkeiten zusammen, die das DDR-System hautnah miterlebt hatten. Ein negatives Votum des Ehrenrats hätte automatisch das Aus für den letzten verbliebenen Kandidaten bedeutet – und damit einen Gesichtsverlust für Kultursenator Thomas Flierl.

Stattdessen nun: glückliche Mienen. Der Senator erklärt, er werde so schnell wie möglich Verhandlungen mit Schindhelm aufnehmen. „Anfang 2005 soll der Vertrag unterschriftsreif sein, damit Herr Schindhelm möglichst bald seine Arbeit aufnehmen kann.“ Einen Haken gibt es dabei: Schindhelm ist noch bis Ende Juni 2006 Intendant des Theaters Basel. Und er gedenkt auch, seinen Verpflichtungen in der Schweiz bis zum Ende nachzukommen. Was allerdings nicht heißt, dass alle seine Energien in Basel gebunden wären: „Den Hauptteil meiner Arbeit habe ich dort geleistet. Die Spielpläne für die Oper wie für den Tanz sind bis zum Ende meiner Amtszeit entwickelt, im Schauspiel ist die Planung weitgehend fertig. Außerdem steht mit Georges Delnon, dem derzeitigen Mainzer Intendanten, bereits mein Nachfolger fest.“

Mit anderen Worten: Es ist denkbar für Schindhelm, eine Zeit lang zwei Jobs parallel zu machen – „auch wenn es natürlich schon rein physisch sehr anstrengend wird“. Dessen sei er sich bewusst. Eine Herausforderung wartet auf Schindhelm allemal: Er muss seinen neuen Job in der Hauptstadt erst erfinden. Noch weiß niemand so recht, was er darf und tun soll und was nicht. Auf dem Papier, sprich: im Gesetz zur Opernstiftung, liest sich das so: „Der Generaldirektor trifft die erforderlichen Anordnungen und Maßnahmen für die ordnungsgemäße Erfüllung der Aufgaben des Vorstandes; er ist zu diesem Zweck gegenüber den Leitern der Betriebe unter Wahrung des künstlerischen Verantwortungsbereichs der Intendanten weisungsbefugt.“ Das klingt nach einer Art Bundespräsident. Allerdings einem, der es mit drei Bundeskanzlern zu tun hat, nämlich den Intendanten der Berliner Opernhäuser, von denen jeder seine eigene Politik verfolgt – und laut Gesetz auch ganz offiziell verfolgen darf.

Immerhin haben sich Kirsten Harms (Deutsche Oper), Andreas Homoki (Komische Oper) und Peter Mussbach (Staatsoper) dezidiert für die Ernennung Schindhelms ausgesprochen. Da darf er zumindest anfangs auf Kooperationsbereitschaft hoffen, wenn es darum geht, das angeschlagene Image der Opernstadt Berlin aufzupolieren, um die Platzauslastung der Häuser deutlich erhöhen zu können. Dabei braucht er sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, wer nun die Nachfolge von Stardirigent Christian Thielemann antreten soll (das erledigt die Leitung der Deutschen Oper selbst). Vielmehr soll er dafür sorgen, dass in der Bismarckstraße dieselben Wettbewerbsbedingungen herrschen wie Unter den Linden.

Wenn es um die schärfere Profilierung der einzelnen Bühnen geht und um die Spielplan-Koordination, ist sein dipolmatisches Geschick gefragt – als knallharter Rechner muss er auftreten, um die Sparauflagen erfüllen zu können, die der Senat bis 2009 von der Opernstiftung verlangt. Machbar ist das nur durch weiteren massiven Personalabbau: Die Zusammenlegung der Werkstätten, die den Löwenanteil der Synergieffekte erbringen soll, wird Michael Schindhelm dabei wohl am längsten beschäftigt. Angst vor der Riesenaufgabe zeigte der designierte Generaldirektor gestern jedenfalls nicht: „Ich habe immer in schweren, krisenhaften Situationen Theater übernommen.“

Mit der Wahl zum Generaldirektor hat der gebürtige Thüringer Schindhelm im Alter von 44 Jahren den Höhepunkt seiner in jeder Hinsicht erstaunlichen Karriere erreicht: Ausgebildet als Naturwissenschaftler, wurde der promovierte Quantenchemiker nach einem Intermezzo als Hausmann zum Quereinsteiger im Kulturbetrieb: 1990 ging er ans Theater Nordhausen, zwei Jahre später nach Altenburg/Gera. 1996 folgte das Theater Basel, wo er gegen den Widerstand des bürgerlichen Publikums beharrlich einen anspruchsvollen Spielplan durchkämpfte. Dabei erwies sich Schindhelm als Intendant, der Künstlern viel Spielraum lassen kann: Sein Operndirektor Albrecht Puhlmann agierte so erfolgreich, dass ihm die Leitung des Opernhauses Hannover angetragen wurde.

Bittet man den vielseitig Begabten um eine Definition seines Berufsprofils, antwortet Michael Schindhelm: „Ich bin Theatermanager.“ Dass er außerdem Essays und Bücher schreibt, Filme dreht und als Übersetzer aktiv ist, behindere ihn nicht in seiner Arbeit als Kunstermöglicher, betont er gerne. Das hat der Komponist und Dirigent Peter Ruzicka auch immer behauptet: Staunend beobachtete man, wie Ruzicka neben den Intendanzen beim Berliner Radio-Symphonie-Orchester (heute DSO), der Staatsoper Hamburg und der Münchner Musiktheater-Biennale kreativ blieb. Dann wurde er 2002 Leiter der Salzburger Festspiele – und erklärte überraschend im März diesen Jahres, er werde seinen Vertrag nicht über 2006 verlängern, da er wieder vermehrt seiner künstlerischen Tätigkeit nachgehen wolle.

So einen Rückzieher nach kurzer Zeit darf sich Schindhelm nicht leisten. Nur wenn sich der Mann an der Spitze als absolut zuverlässig erweist, hat die Opernstiftung eine Chance, ihr Negativimage loswerden. Schindhelm muss den Zusammenschluss der drei Häuser nach außen als Zukunftsmodell verkaufen, bei offizellen Anlässen die Trias würdig repräsentieren, Kontakte pflegen, Politiker umgarnen. Und gleichzeitig immer das Motto aus Lehars „Land des Lächelns“ beherzigen: „Wie’s drinnen aussieht, geht keinen was an.“

Denn hinter den Kulissen walten Kirsten Harms, Peter Mussbach und Andreas Homoki weiterhin autonom, mit eigenem Etat und je eigener künstlerischer Linie. Die Stiftung soll lediglich als schützendes Dach über den Aktivitäten der Häuser schweben, mit einem Generaldirektor, der nur in Notfällen diplomatisch vermittelnd eingreifen darf. Und die Chefs der diversen Stiftungsabteilungen werden streng darauf achten, dass keiner übervorteilt wird. Dieses komplizierte Konstrukt in eine rosigere Zukunft zu lenken, dürfte ungefähr so mühselig sein wie die Reform des Föderalismus.

Wird der brillante Intellektuelle Michael Schindhelm uneitel genug sein, um sich dem Wohl der dreifachen Musiktheatersache unterzuordnen? Und wird er trotzdem in der Öffentlichkeit als die eine Stimme der Opernstiftung auftreten können?

Bei der Opposition im Abgeordnetenhaus stößt die Berufung Schindhelms übrigens auf gemischte Gefühle. Der Kandidat müsse nach allen Querelen „jetzt besser sein als nur gut“, sagt die kulturpolitische Sprecherin der CDU, Monika Grütters. Es gebe noch immer keine Fünfjahresverträge für die Zuwendungen an die Stiftung, auch Grütters erinnert mahnend an die mangelnde Zusammenarbeit der Häuser und die nicht berauschenden Publikumszahlen. Außerdem müsse die Gründung einer Bühnen-Service-GmbH forciert werden.Der neue Intendant der Opernstiftung werde wegen des „unrühmlichen Auswahlverfahrens“ einen schweren Stand haben, betont Grünen-Kulturexpertin Alice Ströver. Kultursenator Flierl genieße kein Vertrauen mehr im Senat, aber Schindhelm brauche einen starken Senator, der die nötige finanzielle Ausstattung durchsetzen könne, betont die Abgeordnete.

Zum hoffentlich baldigen Amtsantritt kann man Michael Schindhelm nur wünschen, dass er sich nicht schon bald so fühlt wie der Protagonist seines jüngsten Films. Der trägt den Titel: „Das Kamel auf der Startbahn“.

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