Kultur : Der Querkopf

Dem Schriftsteller und Dramatiker Rolf Hochhuth zum 80.

Birgit Lahann
„Soll ich Ihnen meine Libido-Gedichte schicken?“ Rolf Hochhuth, ausnahmsweise entspannt. Weltberühmt wurde er 1963 mit seinem Theaterstück „Der Stellvertreter“, in dem er die Mitschuld der katholischen Kirche am Holocaust anprangerte. Foto: Karin Rocholl
„Soll ich Ihnen meine Libido-Gedichte schicken?“ Rolf Hochhuth, ausnahmsweise entspannt. Weltberühmt wurde er 1963 mit seinem...

Hochhuth am Telefon ist immer ein Vergnügen. Neulich hatte ich zwei epileptische Anfälle, sagt er. Wussten Sie, dass man da mit der Feuerwehr abgeholt wird? Also mit der Feuerwehr in die Charité. Aber gleich am nächsten Tag sei er wieder abgehauen. Ich will gar nicht wissen, was ich habe, sagt er.

Dann regt er sich über die Köpenicker Bürgermeisterin auf, die eine Fotoausstellung achtkantig aus dem Rathaus geworfen hat. Diese SPD-Bonzin, schimpft er. Aus dem Rathaus vom Schuster Voigt, dem Hauptmann von Köpenick! Und wissen Sie warum? Weil ein paar nackte Frauen dabei waren. Ich werde eine Komödie darüber schreiben, sagt er. „Die Nackte von Köpenick“.

Und Guttenberg? Also einfach klauen geht nicht. Aber Adelige, sagt er, haben sich doch noch nie über die Universität einen Namen machen müssen. Den Namen haben sie doch schon. Wissen Sie, was Goethe gesagt hat? „Nur das Unzulängliche ist produktiv.“ Ganz böses Wort. Könnte aber auch zu Ihrer Produktivität passen, sage ich, mit all den Stücken, Gedichten, Essays, Reden, Erzählungen, Monologen, Studien, Vorlesungen und Novellen. Natürlich, sagt er, er sei ja unzulänglich. Er habe nicht mal Abitur, war eine Flasche in Naturwissenschaften. Aber mit 14 sieht er im Theater Gerhard Hauptmanns „Biberpelz“. Ich hab mich vor Vergnügen nass gemacht, sagt er. Und von da an will er nur noch Stücke schreiben. Aber sagen Sie das mal laut mit 14 Jahren!

Und einmal fragt er: Soll ich Ihnen meine Libido-Gedichte schicken? Nur zu, sage ich. Aber dann trauen Sie sich vielleicht nicht mehr her, sagt er.

Sie meinen zu einem Lustgreis wie Ihnen? Also Lustgreis findet er prima. Und erzählt auch gleich, dass seine Sehnsucht nach einem 35-jährigen Po heute größer sei als früher. Aber die Deutschen, sagt er, scheuen den Sex ja wie der Teufel das Weihwasser.

So fit, flott und geordnet er im Kopf ist, so chaotisch lebt er in seiner Berliner Wohnung vor dem steinernen Stelenwald des Holocaustmahnmals. Also mitten in der Geschichte. Überall Akten, Zeitungen, Papiertürme und Bücherinseln, über die man steigen muss. Und kann man die Jalousie, die fast in Fetzen am Fenster hängt, nicht mal abmachen? Halt, sagt er, das ist moderne Kunst!

Nun wird der große Querkopf, der Aufklärer und Geschichtslehrer der Nation 80. Wo wird er feiern? In Stalingrad, sagt er. Und Moskau. Wie das? Gespräche mit seiner russischen Übersetzerin. Der Mann ist unermüdlich, produziert seit fünfzig Jahren. In seiner Erzählung „Eine Liebe in Deutschland“ deckte er auf, dass Hans Filbinger noch nach Kriegsende das Todesurteil für einen desertierten Matrosen unterschrieb. Der Ministerpräsident musste zurücktreten. In „Judith“ diskutiert er die moralische Berechtigung für Tyrannenmord. Und „Wessis in Weimar“ ist nach der Wende eine bittere Satire „auf ein besetztes Land“.

Weltberühmt wurde Hochhuth mit seinem Erstling, dem „Stellvertreter“. Mit ihm schockt er Anfang 1963 die katholische Kirche. Es ist die glanzvoll recherchierte Klage und Anklage über die Mitschuld von Pius XII. am Holocaust. Der junge Autor hatte in Rom einen Arbeitsplatz im Campo Santo Teutonico des Vatikans. Aber oft fuhr er mit dem Lift hoch aufs Dach des Petersdoms und schrieb da oben mit Blick auf die Stadt an seinem Drama, dieser kompromisslosen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Die Herren vom Heiligen Stuhl glaubten, er schriebe eine Arbeit über christliche Märtyrer im Dritten Reich. Nach der Berliner Uraufführung, ein Theaterskandal, soll Pius’ Nachfolger von einem Geistlichen gefragt worden sein: Was sollen wir dagegen tun? Johannes XXIII. habe geantwortet: Gar nichts. Gegen die Wahrheit kann man nichts tun. 23 Jahre später bedauert ein deutscher Kanzler, dass jenem Pius „durch einen Schriftsteller deutscher Zunge Unrecht widerfahren“ sei. Ja, sagt Hochhuth, das war Helmut Kohl.

Hochhuth klärt noch immer auf. In seinem neuen Stück „Der Fliehende Holländer“ geht es im letzten Akt um Klofrauen, die in Firmen überwacht werden. Wenn ein paar Euro auf ihrem Teller liegen, kommt so ein Schweinehund aus der Chefetage und klaut der Frau das Trinkgeld. Das sei in Wahrheit diese Republik, wettert er. Ein moralischer Saustall! Da muss er gleich wieder an Reich-Ranicki denken. Der hat mich immer zu Tode gelobt, sagt er. Schrieb: Hochhuth habe ein Gespür für Themen. Er wollte damit sagen: Aber schreiben kann er nicht. Ein Dichter ist er auch nicht. Ein Krawallmacher ist er.

Und dann erzählt er vergnügt von seiner Geburt. Er ist ja am 1. April zur Welt gekommen. Meine Mutter, sagt er, rauchte ununterbrochen. Er habe sie nie ohne Zigarette gesehen. Sie saß also auf dem Bett, Beine baumelten runter, sie qualmte und sagte: Mein Mann soll mich wieder abholen, war wohl blinder Alarm. Aber die Hebamme rief: Beine hoch, Frau Hochhuth! Und da lag ich auch schon, sagt Hochhuth, ein Aprilscherz.

In den Tagebüchern von Fritz J. Raddatz steht, dass Hochhuths Verehrung für Männer wie Churchill, Hemingway, Ernst Jünger oder Golo Mann eine nie ausgelebte Homosexualität sei, „ein Ersatz für nie angefasste Schwänze“. Sie sollen sehr betroffen gewesen sein. Ach nee, sagt Hochhuth, darüber musste ich nicht nachdenken. Außer seinem eigenen habe er nie das Bedürfnis gehabt, Schwänze anzufassen. Er könne ja nicht mal Schwule und Lesben erkennen.

Und dann fällt ihm partout ein Name nicht ein. Sie sehen, sagt er, ich bin dement. Und Zucker habe er auch. Und zu dick sei er. Deshalb trage er gern Krawatten. Wieso? Weil die den Bauch teilen. Aber dann kleckert er wieder rum, oder das Ding hängt in der Suppe, also jeder Schlips, sagt er, ist bei mir ein Menü. Er sei wirklich ein Pflegefall. Wird Zeit, dass ich in die Urne komme, sagt er. Aber der Pflegefall läuft wie ein junger Kerl durch Berlin und fährt noch munter Fahrrad. Und sein Sohn hat neulich gesagt: Wenn man den Alten auf dem Rad sieht, glaubt man wieder an Gott.

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