Kultur : Der raue Engel

Robbie Williams begeistert in Berlin – und eine neue Biografie beschreibt den Leidensweg des Stars

Christian Schröder

Der Mond ist schon aufgegangen über Oberschöneweide, als er den berückendsten Song des Abends anstimmt. Das Licht auf der Bühne wechselt von Grün zu Blau, im Halbrund der mit 17 000 Zuschauern ausverkauften Wuhlheide, flammen Wunderkerzen auf, Robbie Williams steht minutenlang nahezu regungslos hinter seinem Standmikrofon. Er singt „Feel“, die himmelhochjauchzende und zu Tode betrübte Weltschmerzballade vom letzten Album „Escapology“: „I just want to feel real love / In the home that I live in / ’Cause I got too much life / Running through my veins.“ Er hat seine Jugend verschwendet, jetzt will er endlich wirkliche Liebe fühlen: Es klingt wie ein Bekenntnis. Fast zwei Stunden lang ist er ununterbrochen in Bewegung gewesen, er hat den Kaspar und Zampano gegeben, jetzt meint man, ihm direkt in die Seele zu schauen. Williams ist ein Meister der Übertreibung, deshalb wirkt die Sparsamkeit, mit der er „Feel“ inszeniert, wie eine Sensation. Aber natürlich ist die Betroffenheit auch bloß Pose. „That’s Entertainment“, hatte er gesagt. „Ihr kriegt das, wofür ihr bezahlt habt.“

That’s Entertainment: Bei seinem ersten von zwei Berliner Freiluftauftritten bietet Robbie Williams den Fans eine großartige Show. Perfekt ist der Abend vor allem deshalb, weil nichts perfekt zu sein scheint. Beim Tourauftakt in München hatte er sich vor 63000 Besuchern noch kopfüber wie auf dem „Escapology“-Cover abseilen lassen, hier schlurft er einfach zum Eröffnungsstück „Let Me Entertain You“ auf die Bühne. „Wisst ihr, warum es mir hier so gut gefällt?“, fragt er sechs Songs später. „Weil es so intim ist. Wir können uns fast berühren.“ Seine Ansagen baut der Sänger zu Stand-up-Comedy-Einlagen aus, er plaudert fast so lange, wie er singt. Zuhörer, die ihre Sitzreihe in Richtung Toilette verlassen, werden von ihm mit „Stop! Drehen Sie sich um und heben Sie Ihr T-Shirt hoch!“-Befehlen angehalten. Er dirigiert Winke-Winke-Einlagen und Blitzlichgewitter, einen Höllenspaß bereitet es ihm, das Wort „fuck“ möglichst oft zu benutzen („Can I get a fuck you?!“). Williams macht aus allem einen Scherz, auch auf eigene Kosten.

Begleitet wird er von einer passablen Miniatur-Bigband. Hinter ihm sind Schlagzeug, Bongo-Trommeln und zwei Keyboards aufgebaut, links wird er von zwei Backgroundsängerinnen, einem Gitarristen und einem Bassisten, rechts von einem weiteren Gitarristen und einer sechsköpfigen Bläsergruppe flankiert. Den Drogensong „Me And My Monkey“ würzen die Bläser mit Mariachi-Fanfaren, „Come Undone“ schält sich aus einem stampfenden „We Will Rock You“-Vorspiel, für die Swing-Reprisen „Mr. Bojangles“ und „One For My Baby, One For The Road“ wird ein Flügel nach vorne geschoben. Die Musiker sind reine Statisten, auch die Lightshow bleibt bescheiden. Deshalb sind die Details wichtig: Wie Robbie seine leergetrunkene Wasserflasche aus der Hüfte ins Publikum wirft. Dass er seine weiße Lederjacke immer wieder an- und auszieht. Wie er den oberen Teil seines Standmikrofons abschraubt und daraus einen Zeremonienstab macht.

Robbie Williams ist ein geborener Entertainer. Seine erste Bühne war das „Red Lion“, eine Kneipe, die sein Vater in der Nähe von Birmingham betrieb, ehe er seine Familie verließ. Schon im Vorschulalter imitierte Robbie im Schankraum John Travolta und Magaret Thatcher, die Stammgäste waren begeistert. „Wenn wir den Pub zusperrten, blieben immer noch ein paar Leute“, erinnert sich der Vater. „Robbie hätte eigentlich schon im Bett sein sollen, aber er kam oben an die Treppe. Da oben brannte eine Lampe, das war sein Rampenlicht.“ Den ersten Talentwettbewerb gewann Williams mit 3 Jahren, mit 9 hatte er eine Hauptrolle in einem Musical, mit 16 war er Mitglied bei „Take That“, der bald darauf supererfolgreichen Boygroup. In dem Buch „Angels & Demons“, einer gerade erschienenen „inoffiziellen Biografie“ (Rockbuch Verlag, Schlüchtern 2003, 304 S., 24,90 €), schildert Paul Scott den Aufstieg des 29 Jahre alten Jungen aus Stoke-on-Trenton als Passionsweg voller Abstürze. Die Geltungssucht des Sängers, diagnostiziert der ehemalige Ressortchef des Boulevardblattes „Sunday Mirror“, resultiere aus der Labilität seiner Persönlichkeitsstruktur: Wenn die Umwelt ihn schon nicht liebt, will er wenigstens beachtet werden.

„Williams ist ein Mann der Extreme“, schreibt Scott. „Für ihn ist alles entweder das Ende der Welt oder die totale Glückseligkeit.“ Das Rock’n’Roll-Leben hat er im Schnelldurchlauf bis zur Neige ausgekostet, mehrmals durchlitt er die Martyrien eines Drogenentzugs. Seit zweieinhalb Jahren ist er nun trocken, in seinem Haus in Beverly Hills gibt es keinen Tropfen Alkohol. Unter einem dünnen Firnis von Selbstbewusstsein nistet Paranoia: Als über seinem kalifornischen Anwesen ein Hubschrauber mit Paparrazzi auftauchte, wechselte der Popstar flugs die Villa.

Seine Verbitterung kleidet Williams in Zynismus. Mit seinem Vater, der lieber als zweitklassiger Conférencier herumtingelte, als sich um den Sohn zu kümmern, rechnete er in dem Song „My Culture“ ab. Seiner Exfreundin Nicole Appleton, Sängerin von „All Saints“, die ein gemeinsames Kind abgetrieben hatte, gab er mit dem Stück „Sexed Up“ auf „Escapology“ einen musikalischen Fußtritt: „Screw you. I didn’t like your taste. It’s Saturday, I’ll go out and find another you.“ Und dem ehemaligen Take-That-Kompagnon Gary Barlow, eigentlich ein erledigter Fall der Musikgeschichte, hat er mit „Ego a Go Go“ und „By All Means Necessary“ gleich zwei Tiraden gewidmet. Hass ist ein Treibstoff für den Sänger, manchmal auch Selbsthass.

„Robbie Williams ist ein Sänger, Songwriter und Entertainer. Robbie Williams ist nicht der Typ, über den ihr in den Zeitungen lest“, sagt Robbie Williams im Zugabenblock, und dabei klingt er wie ein Chef, der seiner Sekretärin einen wichtigen Brief diktiert. Die erste Zugabe „Rock DJ“ widmet Williams dem vier Tage vorher verstorbenen Soul-Grummler Barry White, das künstliche Tackern des Beats wird von der Band zu hartem Funk verstärkt. Eine würdige Hommage.

Anschließend schrauben sich die Syntheziser-Sirenen von „Millennium“ in den Himmel, dem perfekt abgekupferten JamesBond-Soundtrack ohne Bond-Film. Und ganz zum Schluss singt Robbie Williams seinen ersten Solo-Hit „Angels“. Mit ihm begann 1997 die Kollaboration mit dem Komponisten Guy Chambers, die im letzten Jahr im Streit endete: „I sit and wait / Does an angel contemplate my fate / And do they know / The places where we go / When we’re grey and old.“

Die Nacht ist jetzt noch dunkler, der Mond hängt fahl über der Wuhlheide, und wer will, kann einen Engel vorbeifliegen hören.

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