Kultur : Der Raum zwischen den Räumen

Die Berliner Akademie der Künste würdigt die Medienkünstlerin Valie Export mit einer großen Werkschau

Anja Osswald

Als Waltraud Höllinger 1967 sich das Pseudonym „VALIE EXPORT“ erfand, war das nicht nur der Beginn einer glänzenden Karriere. Die Ersetzung des Namens durch eine Art Logo signalisierte auch den Bruch mit einer Kunsttradition, die mageblich auf Individualität und Authentizität fußt. „EXPORT“ – das lässt an Austausch denken, an Transfer, Übermittlung und Kommunikation und verweist damit exemplarisch auf das Selbstverständnis der 1940 geborenen Österreicherin, die heute zu den international bekanntesten Medienkünstlerinnen zählt. Von 1991 bis 1995 lehrte sie an der Berliner HdK und ist heute Professorin der Kölner Hochschule für Medien.

Von Anfang an sah sich Export weniger in der Rolle einer Schöpferin als vielmehr in der einer Vermittlerin von Erfahrungswirklichkeiten. Wie bei vielen Künstlerinnen ihrer Generation bildet hierfür der eigene Körper den Ausgangspunkt. Ihr Engagement gilt „allem, womit Menschen Bedeutung und Bedeutungen Menschen erzeugen“. Dazu gehören technische Medien wie Film, Video und Fotografie ebenso wie der weibliche Körper als Ort kultureller Zuschreibungen. In der Auseinandersetzung mit den „reproduktiven“ Bildmedien analysiert sie die Techniken und Instrumente, die Wirklichkeit und deren Wahrnehmung gleichermaßen zu erfassen suchen.

Wie sich diese medienanalytische und -kritische Perspektive in Exports Umgang mit Bildern, Körpern und Sprache niederschlägt, vermittelt derzeit eine große Werkschau in der Akademie der Künste. Sie umfasst die fotografischen Dokumentationen der im Umfeld des Wiener Aktionismus entstandenen frühen Aktionen und Performances, die sich daraus entwickelnden Video- und Filmarbeiten und die Untersuchungen im Bereich des „Expanded Cinema“ und der konzeptuellen Fotografie ebenso wie die Installationen mit neuen Techniken, etwa Computeranimation und Laser-Experimenten. Ein wesentliches Verdienst der Ausstellungsmacher – die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) und ihr „RealismusStudio“ – war es dabei, weder chronologischen Gesichtspunkten noch einer Einteilung nach Werkgruppen zu folgen. Vielmehr ist die Ausstellung in Form eines „Diskursparcours“ in sechs thematischen Arenen angelegt, die individuelle Zugänge zu den Methoden und Inhalten Exports eröffnen.

So stößt der Besucher auf einige der inzwischen legendären Aktionen der Künstlerin aus den späten 60er Jahren. Dazu zählt etwa das „Tapp- und Tastkino“, eine im Herbst 1968 auf dem Münchner Stachus realisierte, Aufsehen erregende Aktion. Der Grund: Export forderte Passanten provokativ auf, ihr an die Brust zu greifen, die von einem nach vorne geöffneten und mit einem Vorhang versehenen Pappkarton umschlossen war. Den weiblichen Körper als Projektionsfläche männlichen Begehrens problematisiert auch ihre „Aktionshose Genitalpanik“ von 1969: Export posiert – die Aktion ist in der Ausstellung ebenfalls als Foto dokumentiert – mit provozierendem Blick und breitbeinig mit einer im Genitalbereich ausgeschnittenen Hose. Bereits die Titel dieser Arbeiten signalisieren die subversive Ironie, die das Werk des Künsterin grundsätzlich charaktierisiert. Den feministischen Projekten der 70er Jahre stehen einige der Installationen aus den 90er Jahren gegenüber, zum Beispiel die von einem Metallkubus umschlossene Installation „Schrei“: Sie erforscht Kommunikationsformen, in denen Sprache gesellschaftlich nicht mehr funktioniert.

Die Konfrontation unterschiedlicher Medien und Repräsentationsformen setzte den Besucher einem permanenten Prozess der Entgrenzung aus, der dem offenen Fluktuieren von Bedeutungen Raum gibt. So eröffnen sich immer wieder unerwartete Dialoge zwischen einzelnen Arbeiten, etwa zwischen dem 1969 konzipierten „abstract film No.1“ und der Videoinstallation „Die un-endliche/-ähnliche Melodie der Stränge“ aus dem Jahr 1998. Während hier die auf 25 Monitoren stereotyp sich auf- und niederbewegenden Nähmaschinennadeln auf die Illusionsmacht von Film und Fernsehen anspielen, führt dort der Film ohne Film mit Licht und Spiegel zurück zu den Grundlagen medialer Repräsentation.

So funktioniert die Werkschau vor allem als kongeniale Annäherung an die dekonstruktiven Verfahren der Kunst Valie Exports. Das Wesentliche steckt eben nicht in den Bildern selbst, sondern in den Räumen zwischen ihnen. Oder, mit dem Satz, der mittels Laserstrahl auf die Wände des Innenhofes der Akademie der Künste projiziert wird: „Die Hauptsache bleibt immer unsichtbar.“

Akademie der Künste, bis 9. März, Di-So 11-20 Uhr, Katalog 24 Euro .

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