Kultur : Der Rechtsausleger

Wie der Berliner Rapper Fler mit deutsch-nationalen Symbolen spielt und den HipHop politisiert

Philipp Lichterbeck

Die deutsche Popmusik befindet sich im Deutschland-Wahn. Vor der Wiedervereinigung wäre das undenkbar gewesen. Brüllte die Hamburger Punkband Slime in den Achtzigerjahren noch „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“, lauten Textzeilen heute: „Die Nationalhymne kommt mit Schlagzeug und Bass.“ Als Erste waren es die Brachial- Rocker Rammstein, die mit rollendem „R“ und Leni-Riefenstahl-Filmmaterial auf modrige Nationalmythen anspielten. Dann folgte die Berliner Band Mia, die in Schwarz-Rot-Gelb auftrat und verkündete, dass man sich nicht mehr Leid tue, nur weil man aus Deutschland komme.

Jetzt hat das Nationale den HipHop erreicht – ein für nationale Anklänge ausgesprochen resistentes Milieu. Vor wenigen Wochen erschien das Debütalbum des Berliner Rappers Fler mit dem Titel „Neue Deutsche Welle“ (Aggro Berlin) . Die CD belegte auf Anhieb Platz fünf der Albumcharts. In ihrer Aufmachung gleicht sie einer wüsten Collage aus deutsch-nationalen Symbolen und pubertären Posen. Das Cover zeigt Fler mit einem Adler auf dem Arm, sein Namenslogo ist wie der CD-Titel in Fraktur geschrieben. Das Plattenlabel bewarb die Veröffentlichung des Albums mit dem abgewandelten Hitler-Zitat: „Am 1. Mai wird zurückgeschossen.“

In einem seltsamen Mix aus HipHop-Accessoires und rechtsradikalem Arbeitswerkzeug präsentiert sich Fler im Internet. Um den Hals trägt der 23-Jährige die für Rapper obligatorische schwere Metallkette, in den Händen hält er einen Baseballschläger. Flers erste Singleauskopplung heißt „NDW 2005“. Der Song basiert auf der eingängigen Melodie von Falcos „Rock me Amadeus“ und würde sich auch hervorragend als Schlachtengesang für die Fußball-WM eignen. Fler rappt darauf: „Das ist Schwarz-Rot-Gold, hart und stolz. Man sieht’s mir nicht an, doch meine Mama ist deutsch.“ Schon vor vier Jahren hatte das Neonazi-Magazin „Rocknord“ prophezeit, „HipHop wird schneller weiß als man denkt“. Fler hat nun offenbar die Bestätigung geliefert.

Von der Empörung, mit der die Medien reagierten, zeigte sich der Rapper nur mäßig beeindruckt. Sie war wohl kalkuliert. Die Marketingstrategie des überaus erfolgreichen Aggro-Berlin-Labels, das auch Skandal-Rapper Sido herausgebracht hat, besteht darin, seine Schützlinge in unverwechselbare, comicartige Figuren zu verwandeln. Der schwarze Musiker B-Tight wurde so zum durchgeknallten „Neger“ mit Knarre. Für Sido („SuperIntelligentesDrogenOpfer“) entwarf man eine Totenkopfmaske und stilisierte ihn zum Schrecken des Märkischen Viertels („Mein Block“). Aus dem Deutsch-Tunesier Bushido machte Aggro einen martialischen Rap-Kämpfer. Zum bulligen Fler, so dachte man sich, passt da wohl am besten das Image des knallharten „Deutschen“. „Bis aufs Blut bin ich ein deutscher MC“, sagt Fler. Er behauptet, der erste deutsche Rapper zu sein, der „sich was traut“.

Das ist natürlich Unsinn. Aber es entspricht Flers außer Kontrolle geratenem Selbstbild. „Geldgeiles Judenschwein“ soll er einen Produzenten mal genannt haben. Einen anderen Rapper bezeichnete er als „schwulen Zigeuner“, der sich „ganz krass mit seiner Sinti-Sippe in den Arsch ficken“ solle. Was zumindest sprachlich zu dem passt, was Fler auf seiner Platte verkündet. Da wird ohne Unterlass „gefickt“, „gebumst“, zugeschlagen und erniedrigt.

Das ist abstoßend und will es zweifellos auch sein. Unter männlichen Jugendlichen ist es „normal“ geworden, sich so auszudrücken. Nicht nur im Märkischen Viertel werden Ausländer ganz selbstverständlich als Zigeuner beschimpft, Schwarze als Neger. Fler gehört der sogenannten Battle-Rap-Szene an, ein Import aus den USA. Das Niedermachen anderer Rapper, das „Dissen“ – was von disrespect kommt, also: Verachtung meint –, gehört hier zum guten Ton. Nur wer einstecken kann und ebenso übel austeilt, ist akzeptiert. Fler ist stolz auf jahrelanges illegales Graffiti-Sprühen, auf Heimaufenthalte und Stress mit den „Bullen“. Eine solche Vita verleiht ihm die unter Rappern unerlässliche Glaubwürdigkeit. Er und Kumpane betonen unentwegt, dass sie aus den härtesten Kiezen der Stadt kämen: „Du hockst in deinem Kaff rum, wo wir herkommen ist Hassen an der Tagesordnung“, heißt es im Song „Willkommen in Berlin“.

Fler ist in diesem Sinne der Repräsentant einer verwahrlosten jugendlichen Unterschicht, eines deutschen white trash. Ihr mangelt es nicht nur an politischem Bewusstsein, sondern vor allem an Empathie. Unter diesen an den Rand gedrängten Jugendlichen ist zum Signum der eigenen Identität geworden, bürgerliche Werte, Lebensziele und Konventionen zu ignorieren. Es gilt das Darwin-Gebot: sich in einer feindlichen Umwelt behaupten und Statussymbole anhäufen. Fler singt: „Ich klau es von den Reichen und gebe damit an vor den Armen.“

So ist Flers Platte weniger von Deutschtümelei geprägt als vom Macho-Gehabe eines Amoralischen. Zu Deutschland fällt ihm nicht mehr ein als Adler, Fraktur und Flagge. Fler pöbelt gegen „Schwuchteln“, „Kack-Studenten“ und vor allem Frauen: „Ich krieg einen Abtörn, denn sie ist emanzipiert“, ist noch das harmloseste Zitat. Gegen Ausländer pöbelt er nicht. Der Vorwurf, Fler sei ein Rassist, läuft deshalb ins Leere. Im Video zu „NDW 2005“ kurvt er in einem Mercedes-Coupé über den Potsdamer Platz, ist unterwegs zu einem illegalen Boxkampf. Dort trifft er seine multiethnischen Kumpels, auch „Homies“ genannt, und rappt: „Das ist normal, das hier ist Multi-Kulti, meine Homies kommen von überall. Schwarz, Weiß – egal. Jeder ist hier Aggro in Berlin.“

Ausgerechnet die „taz“ hat daher Entwarnung gegeben. Flers Spiel mit deutschen Symbolen sei die „Konsequenz des Lebens in einer multikulturellen Gesellschaft“. Die „Ureinwohner“ bildeten eine Gemeinschaft unter anderen und griffen nach ihren eigenen Symbolen. Es mag traurig stimmen, dass Nationensymbole jetzt auch im HipHop eine Rolle spielen. Doch Flers Deutschland-Gehampel funktioniert in erster Linie als Distinktionsmerkmal auf dem Musikmarkt. Es ist an sich nicht abstoßender als die Deutschlandseligkeit des Musikantenstadls oder die Aschermittwochsreden der CSU. Was vielmehr beunruhigen sollte, ist, dass Fler eine asoziale und apathische Haltung aufgreift und verstärkt, die unter marginalisierten Jugendlichen Normalität zu werden scheint.

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