Kultur : Der Regenbogen hinter dem Regenbogen

Mehr Licht bitte! Die Installationen des Berliner Künstler Olafur Eliasson spielen mit unserer Wahrnehmung

Katrin Wittneven

Über mangelnde Beschäftigung kann er nicht klagen. Unmittelbar nachdem Olafur Eliasson im letzten Jahr den dänischen Pavillon auf der Biennale in Venedig in ein Glas- und Spiegelkabinett verwandelt hatte, tauchte der 1967 in Kopenhagen geborene Künstler, der seit Mitte der Neunzigerjahre in Berlin lebt, die ehemalige Turbinenhalle der Londoner Tate Modern in das warme Gelb einer künstlichen Sonne. Im Januar folgte eine Retrospektive in Reykjavik, zwei Wochen später eine in Oslo; diese Woche eröffnete er große Ausstellungen in Houston und Wolfsburg, in Kürze folgt „The Body as Brain“ im Schweizer Kunsthaus Zug, im August das amerikanische Aspen Art Museum, im September die Arcadia University Art Gallery in Philadelphia und im Oktober das dänische Aarhus Kunstmuseum– und das sind nur die Einzelausstellungen.

So ein Pensum schafft nur ein perfekt organisierter Geist, der neben seinen Berliner und New Yorker Galerien auch ein eigenständig arbeitendes Team um sich herum aufgebaut hat. Tatsächlich gehören zum „Studio Eliasson“ rund zehn Mitarbeiter, Architekten und Kunsthistoriker, die nicht nur Ausstellungsaufbauten betreuen oder Anfragen koordinieren, sondern auch einen Atelierbesuch ohne den Künstler in die Hand nehmen. Im Untergeschoss einer ehemaligen Industriehalle hinter dem Hamburger Bahnhof sind Modellwerkstatt und Lager untergebracht, oben Arbeitsräume, Fotoarchiv und eine große Halle, in der auch die Kakteensammlung des Künstlers ihren Platz hat und raumgreifende Skulpturen erprobt werden können.

Unscheinbar wirken hier die ordentlich aufgereihten, mit spiegelnder Folie bezogenen Platten, die bis zum Frühjahr in London an Stirnwand und Decke in der Haupthalle der Tate Modern ihren Auftritt hatten. In ihnen spiegelte sich das Licht von 200 im Halbkreis hinter einem gelben, semitransparenten Material angebrachten Lampen, so dass vor dem Auge des Betrachters ein gleißender Kreis entstand. Eliasson verzaubert – in einer Tradition von so unterschiedlichen Künstlern wie James Turrell und Bruce Nauman – Räume mit seinen Lichtinstallationen, aber er benutzt dabei keine Taschenspielertricks. Der Besucher kann direkt nachvollziehen, wie die Effekte entstehen, und wird Teil der Installation.

Auch in London: Das monochromatische Licht und der zur Eröffnung leicht eingeblasene Nebel absorbierten alle Farben; als ameisengleiche Figur sah man sich in der überdimensionalen Spiegeldecke. „The Weather Project“ wurde überaus erfolgreich: Die fünf Monate dauernde Installation in der Turbinenhalle, die zuvor nur den Altmeistern Louise Bourgeois und Anish Kapoor zugetraut worden war, lockte über 2,2 Millionen Besucher an. Diese tauchten ein in das Licht, legten sich auf den Boden, arrangierten sich zu Sternformationen, und als der amerikanische Präsident London besuchte, war mit einem Mal ein „Fuck Bush“ im Spiegelhimmel zu lesen.

In gelbes Licht getauchte Ausstellungshallen, schwingende Ventilatoren, Museumsböden aus künstlichem Eis: Es ist verlockend, die naturbezogenen Arbeiten Eliassons mit Island in Verbindung zu bringen, dem Land, aus dem sein Vater stammt und in dem er einen Großteil seiner Kindheit verbrachte. Noch heute zieht es ihn jedes Jahr in den hohen Norden, und die meisten seiner konzeptuell angelegten Fotoserien, die zu wandfüllenden Tableaus arrangiert werden, entstehen hier. Aber verklärt sind Eliassons Arbeiten keineswegs. Selbst wenn er künstliche Regenbögen oder Wasserfälle ins Leben ruft, machen die Versuchsaufbauten die Illusion immer als solche erkennbar. Auch wenn seine Erlebnisräume Events schaffen wie in London, geht es nie um die Verführung an sich. Eliassons Installationen sind ortsspezifische, komplexe Wahrnehmungsräume, in denen unsere Wahrmung wahrnehmbar und der Besucher zum Objekt wird. „Ohne das menschliche Auge gäbe es noch nicht einmal einen Regenbogen“, hat der Künstler gesagt. Alles ist Konstruktion, auch das Sehen. Fast meditativ muten die meist stillen Arbeiten an. „Seeing yourself seing“ , heißt eine von ihnen, die das Prinzip auf den Punkt bringt.

Das gilt auch für die aktuelle Jubiläumsausstellung zum zehnten Geburtstag des Kunstmuseums Wolfsburg, die Arbeiten mit Licht von 1991 bis 2004 vereint. Am Anfang steht als „visueller Nullpunkt“ wieder das gelbe Licht. Der Parcours führt über einen Steg durch einen spiralförmig angelegten Spiegeltunnel. Er erinnert an eine organische Form, ist aber nach mathematischen Grundmustern entwickelt worden, die entwickelt werden, um Prinzipien der Natur zu verstehen. Eliasson überträgt physikalische Gesetze und Farbtheorien in die Kunst, und wie der amerikanische Ingenieur, Designer und Forscher Buckminster Fuller in den fünfziger Jahren mit seinen „Geodätischen Kuppeln“ arbeitet auch er mit mathematischen Koordinatensystemen. Ende der Zwanzigerjahre schrieb Fuller: „Ein Raum soll nicht festgelegt sein, soll kein statisches Gefühl vermitteln, sondern dem Wechsel stattgeben, so dass seine Bewohner auf ihm spielen können wie auf einem Klavier.“ Diesen Geist atmet die Kunst von Olafur Eliasson.

„Your Lighthouse. Works with Light 1991–2004“, Kunstmuseum Wolfsburg, bis 5. September. In Berlin ist eine „Windspiegelwand“ am Potsdamer Platz permanent installiert.

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