Kultur : Der Reklame zu Diensten

ELFI KREIS

Die Farben sind verblichen, der Stoff zerknittert.Dennoch hüten Rupprecht Stolz und Inge Lange die Museumsfahne einer Ausstellung von Walter Dexel.Die Originalvorlage des Erinnerungstücks hingegen - Dexels "Figuration in Weiß mit kleiner blauer Halbscheibe" - hat seit 1925 nichts von seiner Farbkraft eingebüßt.Das Hinterglasbild bildet den Auftakt der Gedächtnisschau zu Dexels 25.Todesjahr.Er starb 1973 in Braunschweig, wo er die letzten dreißig Jahre tätig war und die bekannte Form- und Gebrauchsgerätesammlung der Stadt aufbaute.

Als Maler begann Dexel unter dem Einfluß Cézannes mit impressionistischen Landschaften.Schritt für Schritt entwickelte er sein Werk von einem flächigen, expressiven Kubismus zu einem anfangs figurativen, später rein abstrakten Konstruktivismus: geometrisch klar gegliederte Kompositionen reiner Farb-und Formflächen.Das Aquarell "Brücke und Eiffelturm" von 1916 (18 000 DM) ist das früheste Werk bei Stolz.Es entstand zwei Jahre nach Dexels Parisaufenthalt: Ein netzartiges Gefüge sich schneidender Farblinien, das in seinem kubistisch verschränkten Bildsystem zwei perspektivische Ebenen aus verschiedenen Blickwinkeln vereint.

Ein Blickfang der Schau ist das Tafelbild "Sonnenaufgang über Häusern" aus dem folgenden Jahr (58 000 DM).Wie eine Serie von Holzschnitten entstanden beide Werke in den Anfangsjahren in Jena.Der Maler und Gebrauchsgrafiker leitete dort den Kunstverein.Er war mit Kurt Schwitters, später vor allem mit dem De-Stijl-Künstler Théo van Doesburg befeundet und pflegte enge Kontakte zu den Meistern des Bauhauses in Weimar.Viele von ihnen stellte er in Jena aus: Klee, Kandinsky, Schlemmer, Feiniger.Gropius, Klee und Kandinsky hielten dort bedeutende Vorträge.Seine eigenen Arbeiten wurden von Herwarth Walden in der Berliner Galerie "Der Sturm" gezeigt.

1921/22 vollzieht Dexel den Übergang zum Konstruktivismus.Vor dem geistigen Hintergrund des gesellschaftspolitischen Anspruchs der zwanziger Jahre stellt er ihn auch in den Dienst des Gebrauchskunst.Für sein Werk macht die heute übliche Trennung von freier und angewandter Kunst keinen Sinn.Dexels Anspruch ist es gerade, sie in seinem Schaffen zu überwinden.Er entwirft Bühnenbilder und Kostüme, arbeitet als Reklamegestalter und Typograph.1925 holen ihn Adolf Mayer und Ernst May als "Berater für Reklame im Stadtbild" nach Frankfurt am Main.Sogar der erste beleuchtete Richtungsweiser im Straßenverkehr ist Dexels Erfindung.

Bei Hinterglasbildern wie "Helle Scheibe und rotes J" (85 000 DM) und den dazugehörigen Collage-Entwürfen fließen Erfahrungen aus dem Designbereich ein.So korrespondiert "Das harte P-Bild" mit einer Außenlampe und einem Sparkassenpavillon.Nach 1928 folgt Dexel dem Ruf als Dozent für Gebrauchsgrafik an die Magdeburger Kunstgewerbe- und Handwerkerschule.1935 wird er von den Nazis als "entarteter Künstler" entlassen.

Zwischen 1930/33 entsteht seine eindrucksvolle Serie der "Köpfe", abstrakte Typisierungen von Figuren aus Geschichte, Politik wie andere Charaktere.Die Temperazeichnungen auf Karton haben spöttischen Witz und politischen Biß.Als freie, abstrakte Experimente mit typographischen und gebrauchsgrafischen Elementen sind Arbeiten wie "Mussolini" und ein Zuhälter, genannt "Der Stenz aus dem Au" (48 000 DM), mehr als nur Karikaturen.

Galerie Stolz, Goethestraße 81, bis 18.Dezember; Dienstag bis Freitag 15-18 Uhr.

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