Kultur : Der Rembrandt-Experte Gary Schwartz als Romanautor

Nicola Kuhn

Liebe geht durch die Augen - zumindest geschieht dies Kunsthistorikern häufig genug, die das Objekt ihrer Zuneigung zu hoch auf einem Sockel oder zu prunkvoll in einem Rahmen platzieren. Diese Erkenntnis gewinnt jedenfalls Lodewijk Altstad, ein vom Tugendpfad der reinen Lehre abgekommener Nachwuchswissenschaftler, der sich in die Niederungen des Kunsthandels begeben hat und nun im Sumpf von dessen üblen Praktiken unterzugehen droht.

Der 29-jährige Niederländer mit Wohnsitz in Amsterdam und New York - immer frischer Beute zwischen der Alten und der Neuen Welt hinterher jagend - ist der Held des ersten Romans von Gary Schwartz, der als einer der führenden Experten für holländische Malerei des 17. Jahrhunderts kein besserer Gefährte für diesen strauchelnden und dann sich doch wieder fangenden Kunsthistoriker sein könnte. Ähnlich wie bei dem Erstlingsroman seines italienischen Kollegen Federico Zeri ("Die Fälscher", Claassen-Verlag), der durch die abenteuerlichen Enthüllungen seines Staatsanwaltes Corrado Blasi allerlei Geheimnisse des Kunsthandels ausplauderte und im Deckmäntelchen der Fiktion traurige Wahrheiten über seine eigene Gilde offenbarte, verrät auch Gary Schwartz kurzweilig von den Untiefen seiner Branche. Der Kunstmarkt bietet eben nicht nur Gemälde und Skulpturen, sondern zunehmend auch den Stoff, aus dem die Romane sind.

Dabei fängt es auch für die Hauptfigur von Gary Schwartz vielversprechend an. Nachdem Lodwijk Altstad beschlossen hat, die Universität zu verlassen, um sich nicht mehr dem akademischen Popanz anbiedern zu müssen (erste Lektion), wechselt er um seiner geistigen Unabhängigkeit willen in den Kunsthandel, wo es auch nicht besser - nämlich umso materialistischer und zumal bei Auktionen keineswegs mit rechten Dingen - zugeht (zweite Lektion).

Doch im Debütroman des Rembrandt-Spezialisten nur eine lesenswerte Abrechnung mit den kunsthistorischen Betätigungsfeldern Forschung und Markt zu sehen, wäre zu wenig. Er bietet auf den Spuren seines reifenden, sich am Ende mit Hochschule und Handel aussöhnenden Protagonisten eine äußerst spannende Story. Denn Lodewijk Altstad gerät in die Abwinde eines dramatisch stürzenden Altmeistermarktes, sein ebenfalls in Geldnot geratener bester Kunde, der kalifornische Immobilienhändler Mitchell Fleishig, trachtet ihm plötzlich nach dem Leben, und sogar die Mafia beginnt sich für sein aus eigenem Familienbesitz stammendes de Witte-Gemälde zu interessieren.

Aber wäre die Liebe nicht ... Wie ein Sehnsuchtsmotiv durchzieht die Irrungen und Wirrungen des jungen Kunsthistorikers nicht nur die Suche nach seiner rechten beruflichen Bestimmung, sondern auch nach dem richtigen Platz an der Seite einer Frau. Die hat er in der jungen New Yorker Künstlerin Kate zwar schon gefunden, aber wie es sich für einen ordentlichen Roman gehört, hat er die wichtigste Lektion seines Lebens noch zu erfahren: Auch ein Kunsthistoriker muss mit dem Herzen lieben, denn sonst könnte es nicht nur seinen Blick auf die Kunst, sondern auch auf das Leben trüben.Gary Schwartz: Liebe eines Kunsthändlers. 287 Seiten. DuMont-Buchverlag, Köln 2000. 39,80 Mark. Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg.

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