Kultur : Der Rest ist Geigen

Da waren’s nur noch drei: Wie die Berliner Orchesterlandschaft elegant abgeräumt werden soll

Jörg Königsdorf

Es waren vielleicht die glücklichsten Tage in der Amtszeit des Thomas Flierl: Nachdem es ihm letzten Dezember gelungen war, die Berliner Opernstiftung unter Dach und Fach zu bringen, konnte der sonst oft kritisierte Kultursenator endlich erleben, wie es sich anfühlt, einmal nicht als Spielverderber dazustehen. Nur wollte in der Euphorie kaum jemand den Preis wahrhaben, den Flierl für die Rettung der Opernhäuser bezahlt hatte. Denn um die Zustimmung seiner Kabinettskollegen zum Stiftungsmodell zu erlangen, hatte er sich bereit erklärt, die Subventionen für die Berliner Orchesterszene bis 2007 um neun Millionen Euro herunterzuschrauben.

Neun Monate später ist der Jubel über die Rettungstat verflogen. Seit Flierl dieser Tage sein Konzeptpapier zur Zukunft der Berliner Kulturszene vorgelegt hat, dämmert allen Beteiligten, dass der Orchesterlandschaft ein beispielloser Kahlschlag droht: Nicht mehr als drei der bislang fünf Konzertorchester will Flierl fortbestehen lassen. Die kleinsten, die Berliner Symphoniker, stehen bereits vor der Abwicklung – doch das bringt nur gute drei Millionen Euro. Wen wird es als Nächstes treffen?

Der Grund, den Flierl für seine Radikalsanierung angibt, ist allerdings erstaunlich: „Die Analyse der Publikumsresonanz vergangener Jahre lässt vermuten, dass das gegenwärtige Konzertangebot in Berlin langfristig nicht mit einer angemessenen Nachfrage rechnen kann“, heißt es im Flierl-Papier. Die Besucherzahlen des Berliner Konzertangebots seien, heißt es in einer Fußnote, die sich auf zwei Berichte an den Unterausschuss Theater des Abgeordnetenhauses beruft, von 554000 im Jahr 2000 auf nur noch 481000 im Jahr 2003 gesunken. Fragwürdig klingen diese Zahlen, wenn man ins Detail geht. Denn die Berichte an den Unterausschuss Theater weisen nur die Resonanz auf die Veranstaltungen der vier Institutionen Stiftung Berliner Philharmoniker, Konzerthaus, Berliner Symphoniker und Rundfunkorchester und -chöre GmbH (ROC) aus – nicht aber die Sinfoniekonzerte. Tatsächlich verbirgt sich hinter der vermeintlichen Schrumpfung der Nachfrage eher eine Reduzierung des Angebots: Im von Flierl genannten Zeitraum wurde eine der ROC-Körperschaften, die RIAS-Bigband, abgewickelt, eine zweite, das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO), schränkte ihre Berliner Konzerte zugunsten einer verstärkten Präsenz im Bundesgebiet ein, und das Konzerthaus reduzierte aus Kostengründen vor allem seine Veranstaltungen im Kammermusikbereich: von 662 in der Saison 2000/01 auf 539 in der Saison 2002/03.

Die Konzerte der Sinfonieorchester – nicht nur der Philharmoniker – sind dagegen nach wie vor gefüllt: Sowohl das Berliner Symphonieorchester (BSO) wie das Rundfunk-Sinfonieorchester (RSB) haben weitgehend konstante Auslastungszahlen von 86 bzw. 80 Prozent, beim DSO hat die Verknappung der Konzerttermine ohnehin zu einer noch besseren Auslastung geführt.

Flierls Argumentation steht also auf tönernen Füßen. Doch letztlich sollen die Zahlen wohl ohnehin nur dazu dienen, ein Vorgehen konzeptionell zu bemänteln, das von nacktem Einsparungszwang diktiert wird. Um seine Sparvorgabe zu erfüllen, hat der Senator keine andere Wahl, als ein weiteres Orchester dicht zu machen. Auch wenn er das so nicht sagen kann und darf: Nach dem auch internationalen Aufsehen, das bereits der heroische Überlebenskampf der Symphoniker erregt hat, ist das Wort Orchesterschließung tabu – stattdessen spricht Flierl von einer „strategischen Allianz“ des Konzerthauses mit der ROC.

Klingt nicht schlimm – doch was damit gemeint ist, steht in einem internen Papier der Kulturverwaltung vom Juni, das sich wie eine Klartextfassung von Flierls Konzept liest. Um den Wegfall von 82 bis 90 Orchesterstellen zu erreichen, die für die Einsparsumme notwendig sind, sieht das Papier die schrittweise Fusion des RSB mit dem BSO zu einem Orchester des Konzerthauses vor. Im Gegenzug wird der ROC, die in Berlin keinen eigenen Konzertsaal besitzt, eine stärkere Nutzung des Konzerthauses angeboten. Eine schlaue Rechnung: Berlin streicht den Großteil der vom Land finanzierten Stellen im BSO und füllt sie mit RSB-Musikern auf, die zum überwiegenden Teil von den beiden Hauptgesellschaftern der ROC, dem Bund und dem Deutschlandradio, bezahlt werden.

Dass diese auf Flierls Rochade hereinfallen, ist wenig wahrscheinlich. Beim Deutschlandradio, das 35 Prozent der ROC-Anteile hält, ist man ohnehin stinksauer. Während der Senator in seinem Papier anregt, die Gesellschafter und das Land Berlin mögen Modelle prüfen, wie eine „notwendige Sanierung und zukunftsfähige Ausgestaltung der ROC mit einer weiteren Profilierung des Konzerthauses“ vereinbart werden könne, habe es in Wahrheit im letzten halben Jahr keinerlei Kontaktaufnahme seitens der Flierl-Behörde gegeben. „Flierl redet die ROC labil“, erklärt Matthias Sträßner, der Vertreter des Deutschlandradio in der ROC: „Die Fusion beider Orchester wäre nicht nur juristisch unglaublich kompliziert, sondern würde das künstlerische Ergebnis auf Jahre kaputt machen.“

Auch beim Bund, dem Flierl „wachsende Bedenken gegen eine dauerhafte Teilhabe an der Klangkörperholding“ attestiert, hält man sich bedeckt. Auf keinen Fall werde der Bund von sich aus in Sachen ROC die Initiative ergreifen, heißt es im Haus von Christina Weiss. Die Verantwortung, ein Orchester auf dem Gewissen zu haben, will man sich hier auf keinen Fall aufladen.

Ohnehin scheint es abwegig, dass Bund und Deutschlandradio sich je damit einverstanden erklären werden, dass Berlin seine Haushaltsprobleme auf Kosten der ROC löst – zumal Flierls Möglichkeiten, Druck auszuüben, begrenzt sind. Denn seine Alternativen, eine Schließung des BSO und ein Ausstieg Berlins aus der ROC, würden unabsehbaren kulturpolitischen Schaden anrichten.

Für die Orchester wird es nun knapp. Bis auf die Philharmoniker müssen sie für die Zeit nach 2006 neue Chefdirigenten suchen, um ihre Position in der internationalen Orchesterszene zu behaupten: Das DSO braucht Ersatz für Kent Nagano, das BSO einen Nachfolger für Eliahu Inbal – und das RSB grünes Licht, um Marek Janowski weiter an sich zu binden. Nur: Welcher Stardirigent geht zu einem Orchester, das vielleicht in drei Jahren nicht mehr existiert?

Vermutlich ist auch Thomas Flierl längst klar, dass er sich mit seiner Sparverpflichtung in eine klassische No-Win-Situation gebracht hat. Und dass er so bald keine glücklichen Tage mehr erleben wird.

Das Berliner Sinfonie-Orchester (BSO) wurde nach dem Mauerbau im Ostteil der Stadt als Konkurrenz zu den Berliner Philharmonikern aufgebaut. Unter Kurt Sanderling erlangte es weltweit Prestige. Seit 2001 wird es von Eliahu Inbal geleitet.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) wurde 1923 gegründet und ist das älteste deutsche Rundfunkorchester. Chefdirigent des früher in Ostberlin beheimateten RSB ist seit dem Jahr 2002 Marek Janowski.

Die Berliner Symphoniker sind das kleinste Sinfonieorchester der Stadt. Schon zwei Mal standen die Musiker, die sich vor allem mit Familien- und Jugendarbeit profiliert haben, auf der Streichliste des Senats. Jetzt soll das Orchester zum Jahresende abgewickelt werden. Chefdirigent ist der Israeli Lior Shambadal.

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