Kultur : Der Rest ist Leiden

Hans Rehbergs U-Bootkriegsstück „Die Wölfe“ wurde trotz heftiger Proteste nun doch in Erlangen aufgeführt: tragischer Kitsch oder NS-Durchhaltedrama?

Mirko Weber

Die Stadt Erlangen zeigt sich bestens vorbereitet auf die Premiere des Stückes „Die Wölfe“ von Hans Rehberg, das seit seiner Breslauer Uraufführung im Jahr 1944 nicht mehr gespielt worden ist: Jedes zweite Auto in Theaternähe ist ein Polizeiwagen. In den entscheidenden Hauseingängen der nur äußerst sparsam beleuchteten Theaterstraße stehen Männer mit Beulen im Sakko und sehr bestimmtem Gesichtsausdruck. Die meisten hausinternen Toiletten sind gesperrt. Draußen nieselt es.

Es ist alles ein bisschen wie in einem schlechten Film. Selbst die hundert Demonstranten wirken wie Komparsen. Sie stehen vor dem Lokal „Kulisse“ und halten Schilder in die Höhe, auf denen einfach „Konzentrationslager Dachau“ steht, oder „Auschwitz“. Oder auch: „Keine Bühne für den Nazi Rehberg“. Die Stadträtin der Grünen, Claudia Bittner, liest noch einmal Briefe vor, die in den Wochen zuvor die Erlanger Intendantin Sabina Dhein erreicht haben. Einer dieser Briefe stammt von Ralph Giordano. Darin heißt es unter anderem, dass die Aufführung der „Wölfe“ einen „Akt der Versöhnung mit den Tätern auf dem Rücken der Opfer“ darstelle. Wieder einmal zeige sich, dass „unser Volk mit seinem NS-Erbe nicht im Reinen“ sei. Giordano hat das Stück nie gelesen, hatte aber, wie das hierzulande so ist, sofort eine Meinung dazu.

Mehr oder minder empfohlen wurde „Die Wölfe“– in Breslau ehedem in Szene gesetzt vom Berliner Staatsschauspieler Bernhard Minetti ( in einer der Hauptrollen: Dieter Borsche) – dagegen durch den ehemaligen Theaterkritiker und Frankfurter Schauspielintendanten Günther Rühle. Rühle ist davon überzeugt, dass es sich bei Rehberg um den einzigen Dramatiker der NS-Zeit handle, der „diskutierbar“ sei. Man solle ihn ruhig einer „Revision“ unterziehen.

Noch immer bis zum Sieg, Maria

Rühles Vorschlag klingt nach halb aufgekrempelten Ärmeln – und genau in dieser Manier hat es das Erlanger Theater jetzt umgesetzt. Theatersoldatisch, gewissermaßen. Aber lieb. Und ganz brav. Die Bühne im kleinen Haus, dem „Theater in der Garage“, ist bedeckt mit rötlichem Sand. Mehr Farbe hat der Regisseur Marc Pommering, Absolvent der Berliner Ernst-Busch-Schule, nicht gestattet. Man spielt auf drei mal vier Metern. Rechts an der Wand befindet sich ein Schreibtisch in Schieflage, links an der Wand lehnt eine bronzene Büste Friedrichs des Großen. Was seine Helden und Schutzheiligen angeht, tat es das NSDAP-Mitglied Hans Rehberg kaum drunter, insgeheim hielt sich der Historien-Dramatiker wohl für Shakespeares Wiedergänger. Berlins Staatstheaterintendant Gustaf Gründgens immerhin sah in Rehbergs Stücken auf meist aristokratischem Gesellschaftsniveau – niemals anti-jüdisch und nicht per se nazistisch – noch das kleinere Übel gegenüber den Produkten anderer, wesentlich minderbemittelterer faschistischer Dramatiker. Gründgens spielte ihn regelmäßig und versuchte Rehberg auch nach 1945 noch künstlerisch zu rehabilitieren. Vergeblich.

„Die Wölfe“ begeben sich ausnahmsweise in die Gegenwart – des Zweiten Weltkriegs; Rehberg will zeigen, wie es um das Innere, die Angst und um Glaube, Liebe, Hoffnung gefühliger, redseliger Menschen bestellt ist. Der Ort ist Schlesien, die Hauptperson heißt Maria. Ihr erster Satz fällt, während die Sonne sich am Himmel dünne macht, und trägt so dick auf wie die meisten Sätze in Rehbergs Dreiakter: „Wenn die Schiffe sinken, gehen die Männer unter.“ Damit ist, im Prinzip, alles gesagt, denn um nichts anderes geht es auf der Handlungsebene in diesem Stück. Ursula, Lore und Maria verbinden sich mit drei Offizieren (für Maria ist es die zweite Ehe, sie heiratet den Bruder ihres gefallenen Mannes), deren zwei im zweiten Akt im U-Boot von den Engländern dahingerafft werden, woraufhin Maria im dritten Akt noch ein ausführliches Gespräch mit dem Geist ihres ersten Mannes führt: über den Sinn und Zweck des Heldentodes. Der Rest ist Leiden.

Die jungen Erlanger Schauspieler geben den ganzen Schwall und Schwulst nun notgedrungen an der Rampe ab. (Lore: „Und Bobby sagte: Die Diplomatie ist selbst bei tiefster Welterfahrung und feinster Menschenkenntnis ohne das Schwert eine fade Schönheit des Parketts.“) Sie sagen Rehberg auf, Rehberg, dem oft nur ein Schmock einflüstert, was er angeblich leidet. Sie horchen nicht in das Stück hinein, sie lassen es sprechen. Sie nehmen es also nicht hoch, was billig gewesen wäre. Sie packen es aber auch nicht hart an. Und das kommt sie vergleichsweise teuer zu stehen. Es steckt nämlich mehr in Rehbergs „Wölfen“ als nur verschwiemelter Kitsch. Wer genau liest, kommt nicht um die Stellen herum, an denen sich offenbart, dass es sich trotz allem Mystizismus und aller Spökenkiekerei – die dem Reichspropagandaministerium damals zu viel war – um ein so genanntes Durchhaltestück handelt. „Noch immer bis zum Sieg, Maria“, sagt der Geist des Robert von Oppen zu seiner früheren Frau, die ihm – in Verkennung der Person und in einem Anfall von Regietheaterfuror – am Anfang dieser Szene zuerst ihre Scham durch die Unterhose zeigt, um ihm dann den Hintern hinzuhalten: Er möge sich bedienen.

Bekenntnisse zur Geisterstunde

Robert von Oppen jedoch bleibt dabei, dass er „an Größeres als eine Frau gebunden“ sei und insofern weniger am Venushügel interessiert als am „Gebirge des Krieges“, welches „überschritten werden muss“. Die vorletzte Phrase des Stücks, heißt „O du mein Gott“, das letzte Wort „Vaterland“. Die Erlanger Maria (versammelt hysterisch: Michaela Kaspar) lallt das nur noch, fast delirierend. Aber das ist dann nach knapp zwei Stunden in der Erlanger Garage eigentlich auch egal. Die lammfromme Präsentation dieses dramatischen Nichts, auferstanden aus Pantinen, hindert dann freilich die Podiumsdiskutanten im halb gefüllten benachbarten Schauspielhaus hernach nicht, die Meinungen aufeinander krachen zu lassen, als sei Mords was passiert. Wie auch die begleitende Rehberg-Foto-Text-Dokumentation auf dem Rang hat sich das Theater Erlangen die Aussprache aus sozialtherapeutischen Gründen selbst verordnet. Dominiert wird sie – wie nicht anders zu erwarten – vom Beharrungsvermögen Günther Rühles („Haben Sie die konzentrierte Stimmung des Publikums bemerkt?“) und die stets alle belehren wollenden Einlassungen des Historikers Jürgen Busche, der auch als weitgereister Theaterkritiker Respekt verlangt: Das deutsche Regietheater, so Busche, habe sich „von den Entwicklungen in London und New York vollkommen abgekoppelt“.

Da Busche einen Ego-Trip nach dem anderen schmeißt, fühlt sich die Runde insgesamt an der Ehre gepackt, und so erzählt jeder was aus seinem privat-kulturellen Nähkästchen. Zu erfahren ist, dass der Theatermann Holk Freytag nunmehr in Dresden wohnt, dort Peter Weiss’ „Ermittlung“ probt und die Causa Hohmann sehr bedenklich findet. Freytag geht „das Stück auf die Nerven“, Busche hätte „die Lektüre gereicht“. Rühle ist ganz verliebt in die Schauspieler, wie auch der Publizist Christoph Dieckmann, der im Zug „einen Schmarrn“ gelesen hat, auf der Bühne dann aber einen „verzweifelten Schmarrn“ erkannt zu haben meint, um auf Abwegen eine halbe Rehabilitation Rehbergs zu probieren, die ihm freilich Busche („denken Sie an Arno Schmidt!“) nicht durchgehen lassen will. Wo Dieckmann den „Ernst des Gründungswillens“ seitens der Erlanger konstatiert (denn jetzt hörten die Enkel doch mal, was die Großeltern so gesprochen hätten), geht Busche der Ton der „falschen Vornehmheit“ gegen den Strich, wahrscheinlich ist es aber eher Dieckmanns Gestus.

Wenn man die beiden gelassen hätte, wären die Zuschauer vielleicht noch eines richtigen Duells teilhaftig geworden, sekundiert von Holk Freytag, der sich laut eigener Auskunft „bestens in Marinekreisen“ auskennt und die Regeln wahrscheinlich drauf gehabt hätte. Dann aber geht das nur leidlich erhitzte Publikum dazu über, von sich selbst, seinen Frauen und seinen Büchern zu erzählen („Ich schreibe nämlich ein Stück, das man hier auch mal aufführen könnte“), von den Amerikanern, dem Iran-Irak-Krieg und auch noch von den Chinesen, bei denen „das alles irgendwie ähnlich“ sei. Ähnlich wie bei Rehberg, wohlgemerkt. Der hoch gehandelte Konflikt schrumpft auf unterstem Kabarettmaß zusammen. So kommt man natürlich nicht weiter. Aber so weit ist es dann eben doch gekommen an diesem Abend in Erlangen, kurz vor der Geisterstunde.

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