Kultur : Der Rest ist Planschen

Alfred Schlienger

Seit Jahren hat man in Basel wohl keiner Theaterpremiere mehr entgegengefiebert als diesem "Hamlet" zur Eröffnung des neuen Schauspielhauses. Würde dem Basler Schauspiel mit einem guten Start im neuen Haus der so dringend benötigte Wiederaufschwung gelingen, nachdem die Auslastung am alten Spielort zuletzt auf existenzbedrohende 38 Prozent gesunken war?

Und dann dies: Schauspieldirektor Stefan Bachmann inszeniert einen "Hamlet" in der Tiefkühlversion. Das Spannendste in den ersten zwei Stunden ist es, dem langsamen Schmelzen des knöcheltiefen Schnees zuzuschauen, der die ganze Bühne bedeckt. Sicher, es ist kalt im Staate Dänemark, aber auch das halt nur sehr äußerlich. Was da wirklich faul sein könnte, bleibt vier lange Stunden lang ein Rätsel. Der Text wird im nervtötenden Aufsageton gebrüllt, gehaucht, deklamiert. Mal mit dem Sinn, mal gegen den Sinn.

Die Bühne von Ricarda Beilharz: eine schmucke Container-Meile mit Sauna, Indoor-Tropengarten, Chefbüro und Dachterrasse. Alles ist angelegt auf Distanz. In jalousiengeschützten Glasbehältern agieren mikroportbewehrte Figuren. Was an Leichen so anfällt, wird in den Gully entsorgt. Aus diesem Loch setzt Hamlet auch zum "Sein oder Nichtsein"-Monolog an. Aber alles wird so desinteressiert weggesprochen, dass es einen tatsächlich kalt lässt.

Stefan Bachmann, der Basel 2003 wieder verlässt, führt in seiner vierten Shakespeare-Inszenierung seinen Weg in den Reduktionismus weiter. Ganz offensichtlich versucht er dabei, das Spass-Image loszuwerden, mit dem er groß geworden ist. Nur ist Katharina Schmalenberg als Hamlet einfach zu gut für diese Art von Reduktionismus. Am besten entfaltet sie die schillernde Vielfalt ihrer Facetten, wenn sie ganz allein auf der Bühne ist. Denn diese Inszenierung interessiert sich nicht für Beziehungen.

Frauen als Hamlet-Darsteller sind von Asta Nielsen über Sarah Bernhardt bis zu Angela Winkler und dem androgynen Kobold Schmalenberg keine Seltenheit. Christoph Müller aber ist, zumindest in den letzten hundert Jahren, die wohl erste männliche Ophelia. Hier funktioniert die Entpsychologisierung am offensichtlichsten nicht. Der fettleibige Glatzkopf im Negligé holt mit seinem hochgepressten Fistelstimmchen nur ein paar peinliche Lacher. Und doch ist diese Ophelia verantwortlich für ein paar berührende Bilder. Wenn sie sich nach der Schmähung durch Hamlet schutzlos wie ein Embryo in den Schnee kuschelt, schmilzt jedes gefrorene Herz.

Tauwetter nach der Pause. Die Bühne ist leergeräumt. Ausgiebig regnet es in den Fischteich. Ophelia stakst auf Stöckelschuhen - keine Sekunde tuntenhaft - ins Wasser, singt, dass es einem das Herz zerreisst, schlitzt sich den schwangeren Bauch auf und verstreut die hervorquellenden Blütenblätter, dass das eben geschmolzene Herz wieder gefriert. Der Rest ist: Planschen.

Sensationeller als die Eröffnungsinszenierung ist die Vorgeschichte des neuen Schauspielhauses. Seit vier Jahrzehnten wurde in Basel über eine neue, eigene Bühne debattiert, denn in der alten, beengten, technisch wie feuerpolizeilich unhaltbaren Komödie war man nur zur (teuren) Miete. Als Ende der neunziger Jahre ein neuer Anlauf wieder in die Sackgasse zu geraten drohte, trat die Stiftung "Ladies First" auf den Plan, eine Gruppe von anonymen Spenderinnen, die zuerst 7, dann 9,5 und schliesslich 13,5 Millionen Franken auf den Tisch legte. Und weil sie sich nicht mit einer Sparvariante abfinden wollten, sammelten sie weiter und brachten über 20 Millionen zusammen.

Zwei Drittel der Gesamtkosten des Neubaus sind durch private Beiträge zusammen gekommen. Bei aller Freude über dieses private Engament darf nicht vergessen werden: Theaterkultur bleibt eine öffentliche Aufgabe. Der Staat darf sich nicht aus seiner Kulturverantwortung stehlen und das märchenhafte Beispiel als Regelfall voraussetzen. Und vor allem muss das neue Haus jetzt, will es für breite Kreise ein Sehnsuchtsraum werden, mit Leben gefüllt werden. Und nicht mit Tiefkühlprodukten.

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