Kultur : Der Rest ist Trubel

Klassik-Klamauk in München: Stefan Pucher verhackstückt Shakespeares „Sturm“

Christina Tilmann

Stefan Pucher ist ein so genannter Pop-Regisseur, jedenfalls wird das oft über ihn gesagt. Richtig ist, dass Pucher gerne – und in letzter Zeit vornehmlich in Zürich – aus theatralischen Ewigkeitsklängen kleine Gegenwarts-Sounds und -gimmicks bastelt. Das wirkt dann im Ergebnis ein wenig wie in der Klassik-Lounge: Manchmal schimmert das Original noch durch, der Rest aber ist im zeitgemäßen Fluss, also im Mainstream, und soll nicht weiter stören.

William Shakespeares Abschiedsstück von der Elisabethanischen Bühne, „Der Sturm“, widersetzt sich da von vornherein, weil es resümierend die ganze Welt abbildet und mit nur ein bisschen Wellengang nicht zu haben ist. Also lässt Pucher in den Münchner Kammerspielen von Anfang an zum ganz großen Eimer greifen, und dann macht es auch schon „Splash!“, weil Ariel (des verbannten Herzogs und Zauberers Diener) Alonso (Prosperos Gegenspieler) gerade mit einer Riesenpfütze Wasser zum Schiffbruch zwingt. Pucher zeigt die Szene als Filmaufnahme (Qualitätsstufe: YouTube – aber immerhin, wie die anderen Einspielungen, von Chris Kondek). Man soll sich, wie immer bei Pucher, gleich wie daheim fühlen. Man kann aber auch sofort rausfliegen.

Es gehört zu Puchers Masche, dass sich am Ende doch alles stylish in jenen Comedy-Club fügt, der das Leben heute angeblich ist. Man muss es sich halt nur entsprechend einrichten, auch wenn das zur Folge hat, dass zum Beispiel Prospero gleich zu Anfang mit dem Luftgeist Ariel beredet, was er bei Shakespeare eigentlich zu Miranda sagt, seiner Tochter, die sich – Ende gut, alles gut – in Alonsos Sohn Ferdinand verlieben wird. Shakespeares (Sprach-)Zauberei endet damit, dass Prospero allem Übersinnlichen entsagt: Er ist dann nur noch (vergebender) Mensch. Puchers Shakespeare hingegen beginnt schon in einem Ton, der zeigt, dass er den Dingen hier nicht traut: Allenfalls sind die Figuren auf der quietschbunten Bühne Monster für ihn. Oder Monstrositäten. Und Prospero ist, wie es die Missgeburt Caliban (ein punkiger Lederhosenseppel, was sonst?) ausdrückt, nichts anderes als ein „Humanistenarsch“.

Nämlicher wird gespielt von der großen Hildegard Schmahl, die mit ihren blinzelnden grünen Augen zunächst auf zwei Tigerfellen (Achtung, Zitat!) thront, und auch wenn die Schmahl (zusammen mit dem gleichfalls herausragenden Wolfgang Pregler als Ariel) ansonsten weit weg vom Original herumexperimentieren muss (Text „eingerichtet“ von Jens Roselt und „bearbeitet“ von Stefan Pucher), bleibt sie doch immer eine Gestalt, durch die ein letzter Rest an Flair und Foul und Fair hindurchgegangen ist: Prospero und Ariel leben (und auch noch von Shakespeare).

Die anderen aber sind gerade noch Abziehbildchen. Es gibt ganz lustige wie Trinculo und Stephano, die von Stefan Merki und Bernd Moss als Kopie der Künstler Gilbert & George gespielt werden, und eher traurige wie Miranda und Ferdinand, deren Verbindung ausgiebig mit dem obligatorischen Seventies-Discostampfer gefeiert wird. Miranda posiert als Paris Hilton, Ferdinand als Katja Ebstein. An die Liebesgeschichte, mithin an die Utopie, glaubt Pucher keine Sekunde. Und immer, immer wieder löst das Wonne aus.

Ja, das Premierenpublikum in den Münchner Kammerspielen ist durchweg ganz begeistert von Stefan Puchers zweistündiger Revue, die bis ins Detail hinein, teilweise hemmungslos, Bully Herwigs Filmparodie „Traumschiff Surprise“ nachahmt: Ein Klamauk erschlägt den nächsten, und ein Kalauer kommt selten allein. Einmal aber, als die „Show schon längst aus ist“, wie Pucher Hildegard Schmahl sagen lässt, hat der Abend einen Moment, der zeigt, dass nicht alles nur solala bleiben muss, sondern dass manchmal ein Lied gar nicht schadet: Das ist, als der großartige Peter Brombacher seinen Ratsherrn Gonzalo im Nadelstreifenanzug zum Mikrofon wuchtet: Gonzalo entwirft bei Shakespeare die Vision einer Welt ohne Neid, Missgunst und Profitgier. In den Münchner Kammerspielen singt er „Watching the Wheels Go Round“ von John Lennon. Das hat dann was, ungefähr drei Minuten lang. Der Rest ist Trubel.

Wieder am 20. und 24. November sowie am 1., 9. und 25. Dezember.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben