Kultur : Der Retter von Leipzig

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Von Sybill Mahlke

Aus dem Kapellmeister ist der Maestro Masur geworden. Ein Staunen und Raunen ging durch die Fachwelt, als Kurt Masur 1990 zum neuen Leiter des New York Philharmonic Orchestra berufen wurde. Der Gewandhauskapellmeister aus Leipzig war für viele kaum mehr als das, was man einen Musikanten zu nennen pflegt. Wollten die Amerikaner nach der Wende den ostdeutschen „Politiker wider Willen“ belohnen, der im Leipziger Herbst 1989 dazu beigetragen hatte, das blutige Ende einer Demonstration zu verhindern? „Wir bitten um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird. Es sprach Kurt Masur.“ Mit diesem späterhin berühmten Tonbandaufruf zur Gewaltlosigkeit war der Gewandhauskapellmeister zum Volkshelden avanciert. Die DDR und später die Bundesrepublik brachten ihn als ihren Präsidenten ins Gespräch.

Der süße Klang

Zum Glück blieb der „Retter von Leipzig“ bei der Musik. Als ein Begeisterter auf dem Gipfel seiner Karriere schildert er wenige Jahre später in Berlin seine Situation zwischen Gewandhaus und New Philharmonic so: „Ich fliege von meinem Orchester zu meinem Orchester, von meinem Zuhause zu meinem Zuhause.“ Das „New York Magazine“ ernennt ihn 1995 zu einem der hundert klügsten und cleversten New Yorker. Er gewinnt die Sympathie der Philharmoniker wie der Presse. Selbst die „New York Times“ erhebt sich über anfängliche Zweifel, ob Masur als Nachfolger der Chefdirigenten Bernstein, Boulez und Mehta der Richtige sei. Der „süße Klang“ des Orchesters wird als Verdienst Masurs entdeckt.

Die Karriere verläuft DDR-typisch geprägt wie kaum eine andere. Der aus Brieg/Schlesien gebürtige Ingenieurssohn kommt nach einer Elektrikerlehre und kurzem Kriegsdienst in die Musikstadt Leipzig, seine musikalische Heimat, die ihn formt. Nach dem Studium macht er die Ochsentour vom Solorepetitor in Halle zum Generalmusikdirektor in Schwerin. Dass Walter Felsenstein ihn 1960 als Chefdirigenten an die Komische Oper Berlin holt, entspricht der Bewunderung Masurs für den epochalen Regisseur. Der Musiker hat Felsensteins „Schlaues Füchslein“ mindestens 25 Mal gesehen und fühlt sich stark genug, das musikalische Niveau des Theaters auf das der Regie zu heben. Zwei Dickschädel prallen aufeinander, ein österreichischer und der schlesische. Man erarbeitet zusammen Verdis „La Traviata“ und „Othello“, Brittens „Sommernachtstraum“ und eine Wiederaufnahme der „Zauberflöte“. Sie streiten sich in Verehrung. 1964 reicht Masur die Kündigung ein. Die Frage nach dem Warum bleibt in der DDR geheimnisvoll, und noch in einer Laudatio auf den 60-jährigen Dirigenten, die 1987 im „Neuen Deutschland“ erscheint, rätselt sein Freund Siegfried Mathus an ihr herum.

Eine Biografie von Johannes Forner – „Kurt Masur/Zeiten und Klänge“ (Propyläen Verlag 2002, 25 Euro) – versucht nun, Licht in dieses und andere Mysterien der Dirigenten-Vita zu werfen. Das Buch ist mit Vorsicht zu genießen und mit Spannung zu lesen, weil der Autor, vormals Gewandhausdramaturg, dem Gegenstand seiner Darstellung engstens verbunden ist. Kaum Distanz, viel Zuneigung. Ein gewisser Verteidigungston schleicht sich in das akribische Werk, das so viel O-Ton Masur transportiert, dass es zu einer Autobiografie mit verbindenden Worten tendiert. Versteht sich, dass Masur sie autorisiert hat. Forner, nahezu Romancier, versetzt sich in die Erlebniswelt des kleinen Kurt, der Dirigent werden will: „Als er seinen Entschluss der Mutter mitteilte, lächelte sie.“ Und wo es um den von Masur verursachten Autounfall geht, bei dem seine erste Frau starb, überrascht der getreue Forner mit dem Zitat: „Mitten im Leben sind wir mit dem Tod umfangen.“Dem Ausscheiden Masurs an der Komischen Oper folgen drei DDR-typische Wanderjahre: Keine Reiseerlaubnis, keine Angebote von der staatlichen Agentur. Nachdem er die Ausreise ertrotzt hat, geht es nur noch bergauf: Chefdirigent der Dredner Philharmonie, ab 1970 Gewandhauskapellmeister.

Ohne Taktstock

Pariarch und Starrkopf. Masur gelingt die aparte Mischung, das Erbe zu bewahren und Berge zu versetzen. Das Orchester hat den zunehmend aufblühenden traditionellen Klang, hell und durchsichtig, der Dirigent ist kein Titan, sondern bleibt beim reinen Musizieren. Beethoven steht obenan, neben Mendelssohn, dem er mit der Restaurierung des Wohn- und Sterbehauses in der Leipziger Goldschmidtstraße ein wahrer Diener ist, Mahler, Bruckner und Brahms. Die Dirigierbewegungen Masurs, meistens ohne Taktstock, sind eher sparsam, als hätte Richard Strauss sie diktiert. Aus Verinnerlichung und emotionaler Kraft kommen seine besten Interpretationen. Schostakowitsch gilt es durchzusetzen in der DDR, aber auch ein Werk wie Friedrich Schenkers „Michelangelo-Symhonie“ fordert allen Einsatz.

Es bleibt der letzten Klärung verschlossen, wie weit Masur den DDR-Machthabern entgegen kommen musste. Bei Honecker setzt er den Bau des Neuen Gewandhauses durch, das 1981 eingeweiht wird: das „Masurium“. In Leipzig ist er nunmehr, nach grantelndem Abgang 1996, Ehrendirigent. Und steht an seinem heutigen 75. Geburtstag wieder an einer Wende: Ohne die Chefposition beim London Philharmonic Orchstra (seit 2000) aufzugeben, nimmt Kurt Masur Abschied von New York und wendet sich nach Paris. Dort wartet das Orchestre National de France auf seinen neuen musikalischen Leiter.

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