Kultur : Der Ritt nach Danzig

Anja Osswald

Wer heute reist, hat meist eine Kamera im Gepäck, um seine Eindrücke festzuhalten. Bei Künstlern verhält sich das durchaus ähnlich. Man denke nur an die Fotoserie des Schweizer Künstlerduos Fischli und Weiss, die vom Schnee der Alpen bis zum Palmenstrand der Südsee ein ganzes Welt-Panorama unterschiedlichster Landschaften präsentiert. Doch wie anders nicht nur der mediale Umgang mit Reiseeindrücken, sondern auch das Reisen selbst vor dem Beginn des Industriezeitalters und der darauf folgenden technologischen Revolution gewesen ist, dokumentiert die derzeitige Ausstellung in der Akademie der Künste. Im Mittelpunkt steht Daniel Chodowieckis berühmte Reise von Berlin nach Danzig, eine Serie von 108 Zeichnungen, mit denen der Künstler eine im Sommer 1773 unternommene Reise in seine Geburtsstadt dokumentiert hat.

Die Schau entstand anläßlich des 200. Todestages von Chodowiecki und wurde als gemeinsames Vorhaben mit dem Historischen Museum Gdansk, Uphagen-Haus, realisiert. Abgesehen von den unmittelbar während der achttägigen Reise entstandenen Szenen schildert der Zyklus Begegnungen mit Freunden und Verwandten und andere gesellige Zusammenkünfte in Danzig, hinzu kommen Porträts sowie anonyme Figurenstudien. Dabei stehen flüchtige, noch auf der Reise selbst entstandene Skizzen neben Zeichnungen, die nach der Rückkehr sorgfältig mit Tusche ausgemalt oder mit der Feder überarbeitet wurden. Egal, wieviel Mühe Chodowiecki auf die Ausarbeitung der Blätter im Einzelnen verwendet hat - durchgängig auffallend ist das erzählerische Talent, mit dem er seine Motive in Szene setzt. Immer stehen die Figuren im Mittelpunkt, der umgebende Raum hingegen fungiert als eine Art Bühnenbild, vor dem die Dargestellten agieren.

Man hat Chodowiecki - den "Vater der preußischen Malerei", wie ihn Max Liebermann einmal genannt hat - immer mit der Aufklärung in Verbindung gebracht. 1726 in Danzig geboren, siedelte der Künstler 1743 nach Berlin über, wo er Bekanntschaft schloss mit dem Verleger Friedrich Nicolai und dem Kunsttheoretiker Johann Georg Sulzer, zwei führenden Persönlichkeiten der deutschen Aufklärung. Darüber hinaus kam er als beliebtester Buchillustrator seiner Zeit mit den Ideen der wichtigsten Wissenschaftler und Dichter in Berührung.

In der eigenen künstlerischen Produktion fanden die Ideale seiner Zeit ihren unmittelbaren Niederschlag. Das demonstrieren auch die Probe- und Zustandsdrucke aus den Belegbänden des Künstlers, welche die Berliner Ausstellung ergänzen, sowie einige Dokumente und künstlerische Arbeiten, die während Chodowieckis Mitgliedschaft an der Königlichen Akademie entstanden sind, der er von 1789 bis zu seinem Tod 1801 als Direktor vorstand. Während in Arbeiten wie etwa seiner berühmten Radierung "Der Abschied des Calas von seiner Familie" von 1767 eine gesellschaftliche Kritik nicht zu übersehen ist, geht es in seinem gezeichneten Reisebericht eher um Schilderungen alltäglicher Szenen. Ähnlich wie Hogarth, mit dem er häufig verglichen wird, hat Chodowiecki mit seinen ebenso detailgenauen wie einfühlsamen Darstellungen bürgerlichen Lebens die Sitten seiner Zeit zum Ausdruck gebracht und ihnen zugleich eine grafische Form gegeben.

Dass Chodowieckis Reisezyklus nicht nur als persönliche Erinnerung gedacht war, sondern der Künstler durchaus an eine kommerzielle Verwertung dachte, legt der große Zeitaufwand für sein Werk nahe, an dem er nachweislich noch 1776 gearbeitet hat. Im Zuge der großen Beliebtheit von Reiseberichten zur damaligen Zeit mag Chodowiecki ins Auge gefasst haben, seine gezeichneten Reiseeindrücke als Radierungsfolge zusammen mit einem während der Danzig-Reise entstandenen Tagebuch zu veröffentlichen - ein Anliegen, das weder zu Lebzeiten des Künstlers noch später realisiert wurde, so dass Chodowieckis Zyklus, ein Höhepunkt des Kunstsammlungsbestandes der Akademie der Künste, bis heute ein Unikat geblieben ist.

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