Kultur : Der Rohe und die Flinken

JÖRG KÖNIGSDORF

Wollte man ein "Best of Mendelssohn"- Programm zusammenstellen, es könnte kaum anders aussehen: "Sommernachtstraum"-Ouvertüre, Violinkonzert und Italienische Sinfonie bilden die unablösbare Spitzentrias in Diskographie und Aufführungsstatistik des ansonsten im Konzertleben eher unterrepräsentierten Komponisten.Entsprechend hoch liegt die Meßlatte für das Konzert der Deutschen Kammerphilharmonie bei den Brandenburgischen Sommerkonzerten.

Doch schon in den ersten, phantastisch leicht und präzis dahinhuschenden Ouvertürentakten der Streicher wird klar, daß die Formation keinen Vergleich scheuen muß.Mehr noch, die gegenüber herkömmlichen Sinfonieorchestern verschobene Gewichtung zugunsten der Bläser führt immer wieder zu überraschenden Entdeckungen: Viele sonst im Mischklang aufgehende Holzbläserstimmen rücken in den Vordergrund, ja dominieren fast den auf halbe Besetzung zurückgestuften Streicherkorpus.Der punktet mit Transparenz und Wendigkeit, ideale Voraussetzungen sowohl für die filigrane Elfenmusik des "Sommernachtstraums" als auch für die Klangbilder mediterraner Impulsivität in den Ecksätzen der "Italienischen".Die Mendelssohn-Entfettungskur zeigt auch im Andante con moto, dem langsamen Satz der Sinfonie, ihre suggestive Wirkung: Choralmelodie und unruhig marschierende Baßlinie beschwören die erzromantische Vision von Mönchen in südlicher Ruinenlandschaft und erinnern daran, daß die Mendelssohn-Sinfonien neben ihrem klassischen Bau immer auch eine Kopplung von Stimmungsbildern sind (Yakov Kreizberg hatte dies vor einiger Zeit mit dem Orchester der Komischen Oper an der "Schottischen" einleuchtend gezeigt).

Erkauft werden diese Einsichten um tolerablen Preis: Die kleine Streicherbesetzung wirkt dynamisch vor allem in der Sinfonie arg beschnitten und hat die Rückenstärkung der Pauke bitter nötig.Der Dirigent Gilbert Varga, der ansonsten zu flüssigen, gescheit aufeinander abgestimmten Tempi animiert und sich als aufmerksamer Begleiter zeigt, hätte angesichts der Überprominenz der Bläser diese noch etwas stärker im Zaum halten müssen.Denn jedes Zuviel (wie die hereingebolzten Blechsignale eingangs des Konzert-Finalsatzes) wird schonungslos offenbar, zumal die Akustik in der Bernauer Marienkirche die Bläser noch zusätzlich zu bevorteilen scheint.

Dennoch, ein gelungenes Konzert, bei dem allein die Routine-Performance des Stargeigers Frank-Peter Zimmermann verdrießt.Kaum je nimmt er sich Zeit, Phrasen aufzubauen, geigt sich dynamisch flach durch die Partie.Da kann es ihm im Kopfsatz gar nicht schnell genug gehen, ohne daß ein Funke solistischen Selbstbehauptungswillens und molto-appassionato-Kampfgeistes aufglühen würde.Erschreckender noch Zimmermanns neuentdeckte Neigung zu generalisierendem Vibrato-Gerühre.Dieses erste Anzeichen von Virtuosen-Verrohung hatte dieser sonst hochgeschätzte Künstler bislang nicht nötig und sollte es auch in Zukunft lassen - auch wenn der Aufführungsort des Konzertes "nur" Bernau heißt.

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