Kultur : Der Romancier als Prophet

„Das junge Kairo“ von Nagib Machfus.

Andreas Pflitsch

Die Situation wirkt vertraut. Junge Ägypter debattieren über die politische Zukunft ihres Landes, über die Rolle der Religion, die gesellschaftliche Stellung der Frau und das notwendige Ausmaß wirtschaftlicher wie kultureller Modernisierung. Ägypten werde „ausgeplündert und ausgebeutet“, die Lösung des Problems liege allein im Sozialismus, meint einer. Ein anderer will der Armut mit Frömmigkeit begegnen: „Der Islam ist Balsam für alle Schmerzen.“ Studenten organisieren Boykotte und verteilen Flugblätter gegen die neue Verfassung. Es herrscht Aufbruchstimmung, aber die Richtung, in die es gehen soll, ist völlig offen.

Was sich wie eine Beschreibung der ins Stocken geratenen ägyptischen Revolution dieses Frühjahrs liest, ist dem 1945 erschienenen Roman „Das neue Kairo“ des Literaturnobelpreisträgers Nagib Machfus (1911–2006) entnommen. „Wir stehen erst ganz am Anfang, und die Zukunft lockt in allen Farben“, freut sich einer der Protagonisten. Mehr als sechzig Jahre später wissen wir, dass die Zukunft zwar bunt schimmerte, aber keine rosige werden sollte. Die Aufbruchseuphorie lief ins Leere. Gamal Abdel Nassers „dritter Weg“ des arabischen Sozialismus, Anwar Sadats wirtschaftliche Öffnungspolitik und Hosni Mubaraks zuletzt zur unverhohlenen Kleptokratie mutiertes Regime hatten bei aller Unterschiedlichkeit im Programm eines gemein: Sie misstrauten der Bevölkerung und regierten jahrzehntelang über deren Köpfe hinweg.

Wie dieses System funktionieren konnte, führt Machfus anhand von Machgub Abdaldaim vor Augen. Der hat mit den Debatten über Ägyptens Zukunft nichts zu schaffen. „Islam, Politik, soziale Reform – all das waren Themen, die ihn nicht berührten. Seine einzige Sorge war, sich vor dem Verhungern zu retten.“ Ein Personalchef eröffnet ihm, es gehe nicht um Qualifikationen, sondern allein darum, „ob Sie jemanden haben, der sich für Sie einsetzt“. Der allgegenwärtige Nepotismus gibt die Spielregeln vor. Machgub erkennt, dass die Ehre eine Fessel ist, „die nur den Armen um den Hals liegt“ und steigert sich in einen zynischem Opportunismus hinein. Angesichts von Korruption, Heuchelei und Bigotterie entwickelt er einen ausgewachsenen Ekel an der Gesellschaft und heiratet aus Berechnung die Tochter eines „jener Götter von Geld und Macht“. Am Ende fällt seine verlogene Welt in sich zusammen. Was nichts an Machfus’ Pessimismus ändert. Das System, daran lässt er keinen Zweifel, zeigt sich unbeeindruckt und bleibt stabil. Er könnte recht behalten. Andreas Pflitsch

Nagib Machfus: Das junge Kairo. Roman. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. Unionsverlag, Zürich 2011. 254 Seiten, 19,90 Euro.

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