Kultur : Der romantische Klassiker

ANDREAS HERGETH

Es gibt ein Zuvor und ein Danach.Ein Leben voller Brüche: stilistisch wie biographisch.Karl Hofer (1878-1955), dem feinsinnigen Interpreten klassischer Themen, ist im Staatlichen Museum Schwerin eine Ausstellung gewidmet, deren 45 Ölbilder Hintergrund, Zeichnungen und Grafiken aus der Münchner Sammlung Hartwig Garnerus einen neuen Blick auf das Schaffen eines Künstlers erlauben, der der Generation Max Beckmanns und Oskar Kokoschkas angehörte und dem in der deutschen Kunst eine besondere Stellung zukommt.

"Ich besaß das Romantische; ich habe das Klassische gesucht", schrieb Hofer einst.Und er wurde fündig.Am schönsten ist das in dem Gemälde "Drei Jünglinge" (1908) zu sehen, das während seines Rom-Aufenthaltes entstand.Da sind drei nackte Jünglinge.Rechts lehnt ein junger Mann am Baum, verträumt schweift sein Blick irgendwohin.Er allein trägt ein weißes Tuch als Zeichen der Unschuld um die Hüfte.Die zentrale Figur aber ist der nackte Jüngling in der Mitte.Er tänzelt in Richtung Baum.Ein Bild mit homoerotischem touch.Verwirrung der Gefühle: Der tänzelnde Jüngling buhlt um den schüchtern am Baum Lehnenden.Der Dritte steht schmollend am Rand.Das alles ist in Pastellfarben hingehaucht, die Gesichter ohne viel Struktur und Schärfe.

Ähnlich bei den vier jungen Frauen im Gemälde "Am südlichen Strand" (1909).Doch hier sind die Farben satter und freier gesetzt."Im Jahr 1909, nach dem Wechsel von Rom nach Paris, schärft sich Hofers Blick für die Väter der Moderne", schreibt Hartwig Garnerus im Katalog.Cézanne und Hans von Marées sind Hofers kunsthistorische Vorbilder.Seine Badenden und Liebenden sind durch ein elegisches Figurenspiel inspiriert, strahlen Anmut und Schwermut aus.Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, daß Hofer seine Mädchen und Knaben, die Pierrots und maskenhaften Menschen stets in die Leere schauen läßt.Das intensiviert das Moment der Melancholie, der poetischen Schönheit in seinen Bildern.Diese Reduktion auf das Wesentliche steht bis ins Spätwerk hinein für Hofer im Zentrum seines Kunstverständnises, während er Disharmonie und schrille Expression vermied.

Das Zuvor, das Danach.Während des Ersten Weltkrieges gerät er in Kriegsgefangenschaft.Anschließend wurden seine Farben dunkler.Am eindringlichsten ist dies beim Selbstporträt (1917) zu sehen.Der Himmel ist jetzt düster und bedrohlich.Die Brüche: 1919 wurde Hofer zum Akademieprofessor in Berlin berufen, die Nazis belegten ihn dann mit Arbeits- und Ausstellungsverbot.Ein besonderer Schicksalsschlag ereilte Hofer, als er durch einen Bombenangriff fast sein gesamtes Werk verlor.Nach dem Krieg schuf er viele seiner Werke neu.Ab 1945 wird Hofer zum Leiter der Berliner Hochschule für Bildende Künste berufen.In seinen letzten Lebensjahren entfacht ein Streit mit Will Grohmann, dem Protagonisten der abstrakten Kunst.Nun weicht das Arkadische dem Skeptizismus, Hofers Figuren wirken fortan hölzern.Schwerin aber stellt Hofer als einen Künstler vor, der den Ausgleich zwischen dem Klassischen und Romantischen suchte, zwischen dem Norden und dem Süden, dem Maßvollen körperlicher Erscheinung und dem Unmaß seelischer Erschütterung.

Staatliches Museum Schwerin, bis 16.Mai; Katalog 38 Mark.

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