Kultur : Der rosarote Palazzo

Auferstanden: das Leipziger Grassi-Museum

Michael Zajonz

Ruinen zum Wohlfühlen. Verwunschene Landschaften, blauer Himmel. Um 1795 gemalt, von einem Künstler aus dem Umkreis des Weimarer Hofes. 1946 gelangten die kostbaren Bildtapeten des „Römischen Saals“ aus Schloss Eythra ins Leipziger Grassi-Museum. Das arkadische Idyll in Eythra ist inzwischen dem Braunkohletagebau zum Opfer gefallen. Nun werden zumindest die Tapeten der Öffentlichkeit vorgestellt – in einem im Museum nachgebauten Festsaal.

68 Jahre lang stand das Grassi-Museum einfach nur da, und war doch abwesend. Dabei gehört das Museum für Angewandte Kunst in Leipzig zu den bedeutenden Kunstgewerbemuseen Europas. Zu Kriegsbeginn 1939 hat man es geschlossen. Heute wird das grundsanierte Haus am Johannisplatz mit einem Festakt wiedereröffnet. Endlich. Leipzig leuchtet, dank seines neuen, alten Museums.

68 Jahre! Das Kriegs- und Nachkriegsschicksal des Grassi-Museums zeigt, wie lang die Schatten der Geschichte im Osten Deutschlands noch immer sind. Und was es für ein Museum heißt, als Institution zu überleben und dennoch praktisch im Nichts zu versinken. 1943 und 1945 wurde das Mitte der zwanziger Jahre nach Plänen von Stadtbaurat Hubert Ritter errichtete Museum von Bomben schwer beschädigt. Bis auf Keller und Fassaden blieb nicht viel übrig vom rosaroten Art-Déco-Tempel aus Rochlitzer Porphyrtuffstein. Die Sammlung hatte man rechtzeitig ausgelagert. Nach einer notdürftigen Wiederherstellung Anfang der fünfziger Jahre standen ganze fünf Schauräume zur Verfügung. Den Rest beanspruchten die Museen für Völkerkunde und Musikinstrumente (die auch nach der Sanierung dort untergebracht sind) sowie das VEB Baukombinat Leipzig. Im heutigen Barocksaal hatte man die Betriebskantine eingerichtet.

Die Bauleute zogen 1991 aus – ohne verhindert zu haben, dass das Kunstgewerbemuseum 1982 ganz geschlossen werden musste: wegen Baufälligkeit. Ein Schildbürgerstreich des Sozialismus. Das Museum verschwand aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit und der Wissenschaft. In einem vor wenigen Jahren erschienenen Standardwerk über Sakralkunst wird zum Beispiel das wunderbar bewegte und bewegende Abendmahlsrelief aus dem alten Hochaltar der Leipziger Nikolaikirche als verschollen bezeichnet, obwohl es sich im Grassi-Museum erhalten hat. Viele Ausstellungsstücke waren bislang noch nie öffentlich zu sehen. Zwar konnten 1994 fünf Räume wiedereröffnet werden. Für eine Sammlung mit 90 000 dreidimensionalen Objekten plus Grafiken, Fotos, Büchern blieb das der Tropfen auf den heißen Stein.

Auch nach 1990 lief nicht alles nach Plan. 120 Millionen Mark sollten die Sanierung und Erweiterung des maroden Baudenkmals kosten. Als die Kommune beschloss, die Baukosten zu halbieren, schmiss der favorisierte Architekt David Chipperfield alles hin. Gebaut wurde schließlich zwischen 2000 und 2005 für 35 Millionen Euro, finanziert von der Stadt Leipzig und dem Land Sachsen, mit lokalen Architekten und deutlich abgespecktem Programm. Nur dank der ehemaligen Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die im richtigen Augenblick ein paar zusätzliche Fördermillionen locker gemacht hat, liegt heute in den Museumssälen kein schäbiger schwarzer Gussasphalt, sondern Eichenparkett.

Leipzig muss den Vergleich mit den großen Kunstgewerbemuseen in Wien oder Berlin nicht scheuen. Es prunkt mit spätantiken koptischen Textilien, gotischen Schnitzaltären, Kunstkammerstücken aus dem Leipziger Ratsschatz, Möbeln, Gläsern und Porzellanen aus Sachsens goldenem Barockzeitalter. Und rückt sowohl das besondere Einzelstück in den Blick wie die Einheit in der Vielfalt – etwa mit einer skurrilen Schauwand für 94 bunt bemalte Biedermeiertassen.

Auf 2000 Quadratmetern wird das Universum europäischer Gebrauchskunst von der griechischen Antike bis zum Späthistorismus effektvoll ins rechte Licht gerückt. Zwei weitere Abschnitte, zur Kunst Ostasiens sowie zum europäischen Kunstgewerbe und Design vom Jugendstil bis zur Gegenwart, sollen ab 2009 folgen. Der Erfolg verdankt sich vor allem der resoluten Hartnäckigkeit, die Eva Maria Hoyer, Direktorin seit 1992, für „ihr“ Museum an den Tag legt. Damit die in Leipzig zelebrierte Museumslust nicht wieder zur Last wird, wäre die Stadt trotz Finanzkrise gut beraten, nun auch den Personalwünschen der Museumschefin ein offenes Ohr zu schenken. Leipzig und Chemnitz beweisen: Das ostdeutsche Museumswunder verdankt sich starken Frauen.

Grassi-Museum für Angewandte Kunst Leipzig, Johannisplatz. Für Publikum geöffnet ab 3. 12. Infos: www.grassimuseum. de

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