Kultur : "Der Rosenkavalier": Mädchen in Marmor

Sybill Mahlke

Nach den Eskapaden von "Salome" und "Elektra" kommt "Der Rosenkavalier", die Nummer drei aus dem wilden 20. Jahrhundert. Sein schillerndes Wesen, das mindestens drei Seelen hat, will jedoch keinen realen Standort. Es will der Wirklichkeit schon deshalb nicht gleichen, weil die Musik eine Handlung aus der Zeit Maria Theresias in die des Johann Strauß transportiert. Man stelle sich vor, die Fürstin Feldmarschallin, ihr 17-jähriger Liebhaber und gar der Baron Ochs auf Lerchenau würden Menuett tanzen! Wo bliebe dann der "Rosenkavalier"-Walzer? Octavian, der junge Mann aus großem Haus, taumelt noch in seiner unfertigen Geschlechterrolle, und der Mozart-Verehrer Richard Strauss hat aus dem androgynen Geschöpf eine Hosenrolle gemacht. Da aber Wien um 1740 anders klingen müsste als die Kunstwahrheit des "Rosenkavalier", gilt rein historisierendes Rokoko auf dem Theater nicht mehr.

An der Dresdner Semperoper wird die Zeitverschiebung zur glücklich genutzten Spielvorlage. Regisseur Uwe Eric Laufenberg und sein Bühnenbildner Christoph Schubiger widmen ihre Neuinszenierung Rudolf Noelte, "dem letzten großen Regisseur bürgerlichen Theaters". Dieses habe seine Wurzeln bei Jürgen Fehling, Max Reinhardt und Alfred Roller, dem Maler und Ausstatter der Dresdner Uraufführung im Jahr 1911. Die Kostüme aber, von Jessica Karge sinnfällig typisiert, wollen, dass wir uns unserer Vergangenheit und zugleich unserer Zukunft versichern. Die Marschallin trägt schwarzes Etuikleid.

Die Ouvertüre ist die Liebesnacht. Marschallin und Octavian stürzen ins Schlafzimmer, lassen die Kleider fliegen und taumeln ineinander. Was die Musik über den Geschlechtsakt verrät, verbirgt sich hinter der Rückwand eines Sofas, anschließend schläft das Paar im Bett der Morgensonne entgegen. "Jetzt wird gefrühstückt" und Walzer getanzt, Octavian im Frack mit heraushängendem Hemd. Das Ganze spielt zunächst in der restaurierten Roller-Dekoration, um über die Kostüme ins Heute zu gelangen.

Ein werkimmanenter Ansatz mit pfiffigen Details. Verspielt und ernst tritt der kleine Neger (Joel Nickel) auf, der niemals "trippelt". Wie ein Überfall vom Land platzt der Lerchenauer mit seinem trotteligen Gefolge in das Spiegelambiente: Gamsbart, Seppelhosen, nacktes Männerknie. "Hat Sie schon einmal mit einem Kavalier ...?", eröffnet er "beiseite" sein Abenteuer mit dem vermeintlichen Mariandl, um solche Contenance bald aufzugeben und als Sänger nur noch Röhre zu sein: John Tomlinson.

Die Krux des Abends liegt nämlich bei dem Dirigenten Semyon Bychkov, der Hofmannsthals "Komödie für Musik" als Aufforderung zu musikalischem Hau-den-Lukas missversteht. Gewiss: Die Balance zwischen den orchestralen Ekstasen und dem Konversationston der Dichtung ist schwer zu treffen. Obwohl die Staatskapelle es besser weiß, folgt sie der derben Opulenz, die Bychkov diktiert. Die Leidenschaft seiner sängerfeindlich ausholenden Gestik polarisiert das Publikum.

Das Wiener Stadtpalais des Herrn von Faninal, in dem er seine Tochter Sophie zu verheiraten gedenkt, potenziert das Flair des Neureichen ins Groteske: Marmor und Barock gigantisch. Darin steht ein kleines Mädchen, frisch aus dem Kloster, rührend und dämlich, Teenagermode mit Diadem, und ist so naiv, sich auf die Ehe mit Baron Ochs zu freuen: Iride Martinez verfügt über die notwendige Höhenleichtigkeit. Octavian kommt derweil wie ein Schnitzler-Leutnant daher; das Zeremoniell der Rosenüberreichung wird zum Medienereignis, und die Kameras lassen das junge Paar nicht mehr los. Sophie Koch singt den begehrten Goldjungen mit feinem Timbre und bleibt charmant noch in der Verkleidung als Trampel Mariandl. Wir beobachten, wie der verwahrloste Gasthauskeller sich in listiger Inszenierung - Leiter und Möbel treppab - in ein brauchbares Separée verwandelt. In diesem Endzeitmilieu steht die Marschallin mit der gesegneten Stimme von Angela Denoke - so jung, dass die Angst vor dem Älterwerden weniger Bedrängnis als Ahnung ist. Das Terzett der Frauenstimmen will auch Bychkov behütet wissen, und Laufenberg hält die Spannung zwischen Trauer und Wonnemond, langem Abschied und Frühlingserwachen.

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