Kultur : Der "Rosenkavalier"-Stummfilm bei den Berliner Festwochen

Isabel Herzfeld

Der "Rosenkavalier", diese Wiederbelebung einer schon überwunden geglaubten, mozartischen Gesangskunst, ohne Stimmen? Unmöglich! Nun auch noch als Stummfilm, schwarzweiß, dem prunkvollen Kolorit dieser Oper so gar nicht angemessen! Doch für das Publikum im kleinen Saal des Berliner Schauspielhauses ist Robert Wienes Stummfilm-Klassiker von 1926 vor allem ein großer Spaß. Für ein fürstliches Honorar schrieb Hugo von Hofmannsthal das gegenüber der Opernhandlung ziemlich veränderte Drehbuch, Richard Strauss setzte die um einige ältere Märsche erweiterten Musiknummern für Salonorchester.

Das von Manfred Reichert geleitete "Ensemble 13", ursprünglich auf Neue Musik spezialisiert, widmet sich dem mit Hingabe. Da ist die ganze Fülle, das bestrickende Flair des Klangs erhalten, von Klavier und Elektro-Orgel, die den Ochs-Walzer behutsam zum Bild der Drehorgel intoniert, ein wenig in die Nähe des Volkstümlich-Trivialen gerückt. Das wirkt nach Art heutiger Classic-Comics: als Parodie, die vom Zauber des Urbilds noch etwas aufbewahrt. Die schönste Frau von Wien, das ist Huguette Duflos als vernachlässigte Marschallin, die sich zu schmachtenden Violinklängen gelangweilt im Negligé räkelt. Wunderbar, wie Aufmachung und Gestik der roaring twenties durch allen Kostümbombast des Rokoko hindurchschauen. Gelächter, wenn Oktavian (Jaque Catelain) nahezu im Zeitraffer die Festung der Begehrten erklimmt, dramatisch augenrollend ihr Gewand zerknautscht, nur noch eine Hilfe suchende Hand zu sehen ist - die Tugend wehrt sich noch im Verlangen. Rückblenden, Erinnerungen können sich hier einflechten. Und keinen Brief von zarter Hand erhält der Marschall im Feldlager: Alle Mann wieder zum Appell, weitersiegen! Da entwickelt der Film eigene Qualitäten, mit einer ebenso drastischen wie feinen Zeichnung des höfischen Gehabes, der verzopften Traditionen, der ganzen dummstolzen Blaublütigkeit. Mit vor Sehnsucht schwarzen Augen schaut Sophie (Elly Felicie Berger) dem adligen Blindekuhspiel zu.

Kritik wird, was auf der Opernbühne so oft als reine Affirmation erscheint. Und dazu immer wieder die wunderbar leicht genommene Musik, mit einer trockenen Naivität und stets im rechten Moment auf die Pauke hauend, bis Baron Ochs, der herrlich täppisch-lüsterne Michael Bohnen, sich zu zart ironisch anhebenden Walzerklängen immer schneller dreht.

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