Kultur : Der ruhige Fluß erneuert sich

Als die Galerie Leo.Coppi vor acht Jahren eröffnete, zeigte sie Werke von Werner Stötzer und Harald Metzkes.Ihr fünfjähriges Bestehen und den Umzug in die Hackeschen Höfe feierte sie wiederum in einer Doppelschau mit Stötzers Skulpturen.Unlängst wurde der Berliner Bildhauer, 1987 Professor und von 1990 bis 1992 Vizepräsident der Akademie der Künste, 68 Jahre alt.

Keine offizielle Geburtstagsschau, bietet die Ausstellung neuer Steinskulpturen, Bronzen (1600 Mark bis 50 000 Mark) und Zeichnungen (1800 bis 2200 Mark), doch eine Besonderheit.Im Mittelpunkt des Raums liegt eine unverkäufliche Arbeit: Stötzers "Großer Stromstein".Die Skulptur aus Muschelkalk von 1998 ist eine Leihgabe des Duisburger Lehmbruck-Museums.

Die Andeutung eines muskulösen Torsos erscheint wie aus dem kantigen Stein gewachsen, um alsbald in die sanften Rundungen eines weiblichen Beckens überzugehen.Stötzer zeigt eine Körperlandschaft, bei der die Kraft des urwüchsigen Materials ungebrochen in der Synthese mit der organischen "Stromlinienform" des menschlichen Körpers mündet.Der Bildhauer räumt dem Stein stets Mitspracherecht ein.Das Rohe, Blockhafte des Vorgefundenen wird von ihm respektiert.Er bezieht den zu bewegtem Rhythmus aufgebrochenen Urzustand des Steins wesentlich mit in die Gestaltung ein.Wenn Stötzer von seiner Arbeit spricht, bezeichnet er sie bewußt als "Formfindung am Stein".Der Betrachter kann diesen Entstehungsprozeß der Formfindung unschwer nachvollziehen.Die Arbeitsspuren des Meißels, grobe Schläge wie Feinbearbeitung bleiben stets sichtbar.Ob "Flußlandschaft", "Zweistromstein" und "Undine", "Schiff" oder "Gallionsfigur" aus sächsischem Sandstein: das menschliche Maß bestimmt Stötzers Zusammenspiel von Figur und tektonischer (Gesteins-)Landschaft (8000 bis 30 000 Mark).

Weniger heißt für ihn mehr.Auf kantigem Stand und Spielbein ruhend, ist die "Große Schreitende" von 1998 in ihrer reduzierten Stelenform von archaischer Schlichtheit (50 000 Mark).Die besondere Schönheit des Materials - die delikate Struktur graukristallinen, kubanischen Marmors im effektvollen Kontrast zum Weiß feinbehandelter Partien - kommt besonders wirkungsvoll zur Geltung.Strenge und Klarheit zeichnet Stötzers Formensprache aus.Figuration oder Abstraktion sind für ihn kein Gegensatz.Er ist Bild-Hauer im wörtlichen Sinn: Stötzer holt aus dem Stein heraus, was sich in ihm verbirgt.Dabei weiß er den Widerstand seines Materials zu schätzen."Der Stein macht mich ruhig", sagt er.Mit seiner Härte und Festigkeit führt er das künstlerische Geschehen "auf jenes ruhige Maß zurück, das ich auch in der Landschaft erlebe".Stötzers Atelier steht in Altlangsow im Oderbruch.Ein Bild drängt sich auf: die Bildhauerei, ein langer, ruhiger Fluß.Ein Fluß, der sich auf seinem Weg beständig erneuert und weiterentwickelt.

Galerie Leo.Coppi, Rosenthaler Straße 40/41, bis 15.Mai; Dienstag bis Freitag 11-18.30 Uhr, Sonnabend 12-18 Uhr.

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