Kultur : Der Ruhm ist verblasst, doch die Obessionen bleiben

VOLKSBÜHNE Christoph Klimke und Johann Kresnik erzählen in „Villa Verdi“ von gealterten Bühnenstars, die mit einer Gala ihr Heim vor dem Ruin retten wollen.

von
Die beiden Tänzer Yoshiko Waki und Osvaldo Ventrigilia, langjährige Mitstreiter von Johann Kresnik, werfen sich in den Kampf.
Die beiden Tänzer Yoshiko Waki und Osvaldo Ventrigilia, langjährige Mitstreiter von Johann Kresnik, werfen sich in den Kampf.

Zwei Jahre vor seinem Tod 1901 hat Giuseppe Verdi verfügt, dass mit den Tantiemen aus seinem Werk bis Ablauf der Schutzfrist ein Altenheim für Opernsänger und Musiker unterstützt werden soll: die „Casa Verdi“ in Mailand. Sie ist noch heute in Betrieb. 1984 drehte Daniel Schmid einen Dokumentarfilm, „Il Bacio di Tosca“, über dieses Haus und seine Bewohner. „Davon haben Hans und ich uns direkt anregen lassen“, erzählt Christoph Klimke. „Seither wollten wir diese Geschichte auf die Bühne bringen.“ Jetzt können sie den Plan endlich realisieren. Am 24. April hat an der Volksbühne „Villa Verdi“ Premiere – frei nach Schmids Film.

Christoph Klimke ist Autor – und „Hans“, das ist Johann Kresnik, legendärer österreichischer Choreograf und Regisseur, mit dem Klimke seit vielen Jahren regelmäßig zusammenarbeitet. Worum geht es? Vordergründig um eine fiktive Villa, in der gealterte ehemalige Schauspieler, Sänger und Tänzer zusammenleben. Um ihr Zuhause zu retten, müssen sie eine große Gala organisieren, denn die Politik will es schließen. Eigentlich aber geht es um das Drama das Altwerdens, um die Träume, Illusionen, Erinnerungen, die sich wie Mehltau auf das eigene Ich legen, und um den Selbstbetrug, der dabei langsam um sich greift.

Rund 50 Personen, ein Streichquartett eingeschlossen, werden auf der Bühne sein, viele davon mit eigenem Schminktischchen. Diese Tischchen sind die schützende Hülle der Figuren, in ihnen ist alles gesammelt, was ihr Leben ausgemacht hat. Besonders authentisch wird die Produktion dadurch, dass die Darsteller selbst im reifen Alter sind, sich also (fast) selbst spielen. Ilse Ritter zum Beispiel, oder der Countertenor Jochen Kowalski. Die beiden Tänzer Osvaldo Ventriglia und Yoshiko Waki gehörten lange Kresniks Ensemble an. Der Argentinier kennt den Choreografen seit 22 Jahren: „Für uns ist es so etwas wie ein Klassentreffen“, sagt er, „wir freuen uns sehr, wieder mit Johann arbeiten zu können.“ Dann proben sie einen langsamen Pas de deux, den sie im Stück tanzen werden, während Jochen Kowalski eine traurige Arie singt.

Ist Altern für Künstler besonders schlimm? Weil sie die Triumphe von früher kennen, die Augenblicke flüchtigen Glücks auf der Bühne? „Für Balletttänzer gilt das auf jeden Fall“, meint Klimke, „da ist ja mit 30 Schluss. Im Tanztheater ist es anders. Und Hans als einem der wichtigsten Protagonisten des Tanztheaters war immer die Persönlichkeit wichtig, nicht das Alter.“ Trotzdem gibt es ein Problem an deutschen Theatern. Klimke schildert, dass es noch vor 20 Jahren völlig selbstverständlich war, drei Generationen im Ensemble zu haben. „Heute gibt es am Theater keine älteren Schauspieler mehr.“ Noch nur Junge – billig und willig. Und braucht man wirklich mal einen reiferen Darsteller, wird er eben dazugekauft. In einer alternden Gesellschaft, die neben jungen Schauspielern vor allem auch sich selbst auf der Bühne sehen will, ein ziemlich fataler Trend. Insofern geht es in „Villa Verdi“ nur scheinbar um schrullige Rentner. Eigentlich ist es eine hochaktuelle Produktion. UDO BADELT

Premiere 24.4., 19.30 Uhr

Weitere Vorstellung 26.4., 19.30 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben