Kultur : Der Sängermeister

Ein Opernleben: Harry Kupfer wird 70 Jahre alt

Frederik Hanssen

Langsam verschwindet sein Name aus den Saisonbroschüren der Komischen Oper: In der abgelaufenen Spielzeit hatte das Berliner Musiktheater noch sechs Inszenierungen von Harry Kupfer im Repertoire; in der kommenden werden es nurmehr drei sein: Seine 1994er „Traviata“, „Die Fledermaus“ von 1995 und – natürlich – „La Bohème“, der größte Wurf des Regisseurs: In 23 Jahren über 350 Mal gespielt, haben die mit mitfühlend-sensiblem Blick gezeichneten Szenen von Lebenslust und Liebesleid nichts von ihrer szenischen Suggestivkraft eingebüßt.

Als Harry Kupfer 2002 die Komische Oper verließ, ging ein Aufatmen durch die Klassikszene. In 21 Jahren als Chefregisseur hatte er eine interpretatorische Monokultur etabliert, eine einzig selig machende Art, Stücke auf ihre Bezüge zum Heute abzuklopfen. Dass er zudem an der Lindenoper mit einem Wagner-Zyklus präsent war, führte zur Übersättigung. Erst in der Rückschau, in der Wiederbegegnung mit besonders geglückten Produktionen wird jetzt wieder die ganze handwerkliche Meisterschaft des Harry Kupfer offenbar – auch im Vergleich mit manchem, was derzeit an seinem ehemaligen Stammhaus geboten wird.

Aufgewachsen in einem Prenzlauer- Berg-Hinterhof, wird dem 11-Jährigen eine „Barbier von Sevilla“-Aufführung im Kino Friedrichshain zum Schlüsselerlebnis. Von da an trägt der kleine Harry jede Mark, die er für gute Zensuren bekommt, an die Kasse der Lindenoper – und interessiert sich dabei vor allem für die Sängerleistungen. Erst, als er beim Theaterspielen in einer Schülertruppe feststellt, dass er mehr Spaß an den Proben als an den Aufführungen hat, taucht das Berufsziel Opernregisseur auf.

Bei Walter Felsenstein, dem Gründer der Komischen Oper, hat Kupfer nur einmal hospitiert. Der Weg an das berühmte Musiktheater führte für ihn über die Provinz. So, resümiert er rückblickend, entging er der Versuchung, zum Felsenstein-Imitator zu werden. 1957 debütiert er in Halle mit Dvoraks „Rusalka“, fällt positiv auf, arbeitet sich über Stralsund, Karl-Marx-Stadt, Weimar und Dresden bis zum Chefregisseur der Komischen Oper hoch. Spätestens, seit er 1978 den „Fliegenden Holländer“ in Bayreuth als Fiebertraum Sentas interpretiert hatte, wird er auch international als detailbesessener, politisch denkender Erneuerer verehrt – oder gefürchtet.

Kupfer kann aus Stimmbesitzern Darsteller formen. Unerreicht ist seine virtuose Behandlung der Chorszenen, bei denen er das Kollektiv in Dutzende Individuen aufzulösen versteht. Sein Regiekonzept entwickelt er stets aus der Musik: „Bei diesem Akkord, diesem Harmoniewechsel muss etwas Bestimmtes passieren: Da müssen sich vielleicht Blicke begegnen, Hände berühren“, erklärte er 1979 dem Journalisten Dieter Kranz.

Von Kranz stammt auch die Neuerscheinung zum heutigen 70. Geburtstag („Der Gegenwart auf der Spur“, Henschel Verlag, 365 Seiten, 24,90 €). Kranz schildert Kupfers Werdegang, indem er seine eigenen Kritiken nachdruckt. „Kritischen Enthusiasmus“ reklamiert er für sein Verhältnis zu dem Regisseur – und verteidigt dann selbst missglückte Produktionen wie die Berliner „Zauberflöte“ von 1999 oder jüngst „Mahagonny“ in Dresden. Spannender sind die Interviews mit Kupfer und künstlerischen Weggefährten von Abbado bis Wolfgang Wagner.

Auf 202 Inszenierungen in 48 Karrierejahren kann der manisch Kreative zurückblicken. Die besten haben sich als extrem wertbeständig erwiesen und – vor allem Dank liebevoller Repertoriepflege an der Komischen Oper – über die Jahre lediglich edle Patina angesetzt. Wie Kupfer eben.

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