Kultur : Der Samen des Drachens

Steffen Richter

nimmt ein magisches Pülverchen Vor einem Vierteljahrhundert fand ein berühmter Gelehrter aus Bologna eine alte Handschrift. Seitdem kennen mittelalterliche Stoffe offenbar keine Konjunkturtiefs. Einem Weltbestseller wie Ecos „Name der Rose“ sekundierte bald das Kino mit breitwandigen Historiengemälden. Gerade hat Antoine Fuqua in „King Arthur“ die Abenteuer der wackeren Artus-Ritter wieder einmal ausgebeutet.

Nur fünf Jahre ist es her, dass ein historischer Roman der besonderen Art die italienischen Bestsellerlisten enterte. Ein gewisser Luther Blissett erzählte in „Q“ die Geschichte eines gewieften Sozialrevolutionärs der Reformationszeit. Der Mann blieb im Roman genauso anonym wie sein Verfasser, der sich erst im Moment des größten Erfolgs als Kollektiv-Pseudonym entpuppte. Vier junge Männer hatten als eine Mischung aus Dick Turpin, Robin Hood und Till Eulenspiegel über Jahre den italienischen Medienbetrieb gefoppt. In Deutschland geht es weniger subversiv zu. Da gründet sich ein Autorenkreis Historischer Roman mit dem Namen „Quo Vadis“. Nun präsentieren zwölf seiner Autoren einen „Kettenroman“. Nur den Handlungsrahmen hatten sie grob umrissen, das fiktionale und historische Personal festgelegt. Dann machte sich ein jeder an die Abfassung von zwei Kapiteln.

In „Die sieben Häupter“ (Aufbau) kommt ein geheimnisvoller Fremder im Jahr 1223 in ein sächsisches Dorf. Seine größte Sorge gilt seinem „Drachensamen“. Bald sind alle hinter diesem „Samen“ her: Herzog Albrecht von Sachsen, ahnungslose Bauerntöchter und erpresste Minnesänger. Das Macht verheißende Pülverchen wird noch einiges Unheil anrichten. Schließlich verweisen die „sieben Häupter“ nicht umsonst auf die Offenbarung des Johannes. Spannend dürfte es also werden, wenn Virtuosen des historischen Genres wie Tanja Kinkel, Horst Bosetzky, Rebecca Gablé, Titus Müller und Ruben Wickenhäuser am 2.9. in Lehmanns Fachbuchhandlung (Hardenbergstr. 5, 20.15 Uhr) ihr Gemeinschaftswerk vorstellen.

Wem der Sinn nach gegenwärtigen Geschichten steht, sollte bereits heute ins LCB fahren. Dort präsentieren Thomas Weiss und Jana Scheerer um 20 Uhr ihre Debüts. Dem Protagonisten in Weiss´ „Schmitz“ (FVA) gerät die Welt nach dem Tod seiner Frau gründlich durcheinander. Das ist nicht nur tief und existentiell, sondern auch witzig und unterhaltsam. Ob Scheerers „Mein Vater, sein Schwein und ich“ (Schöffling) mehr als nur witzig ist, wird man sehen. Als die Erzählerin zwölf Jahre alt ist, mietet ihr Vater ein Schwein. Mit 13 „bekommt“ sie Günter Grass, mit 20 sucht sie einen „Aufpasser für ihre Zähne“: Hier scheint sich wohl eine eher junge Handschrift zu erproben.

Den literarischen Höhepunkt der Woche liefert zweifellos Volker Braun mit der wundersamen Geschichte des erzgebirgischen Ortes Schwarzenberg. Ganze 42 Tage im Mai und Juni 1945 fühlte sich niemand für das Städtchen zuständig. Es war „Das unbesetzte Gebiet“ (Suhrkamp). Nun spürt Braun – ausgestattet mit dem, was Robert Musil „Möglichkeitssinn“ nannte – der „Lust der Selbstbestimmung“ auf herrschaftslosem Terrain nach. Was von ihr übrig blieb, lässt sich in der Akademie der Künste erfahren, wenn Brauns Buch am 5.9. um 20 Uhr Premiere hat. Auch hier ist eine ältere Handschrift im Spiel. Stefan Heym nämlich hatte den Stoff schon 1984 zu einem Roman gemacht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben