Kultur : Der sanfte Star

Leidenschaft, Humor und Bescheidenheit: Die Musikwelt trauert um den Dirigenten Marcello Viotti

Christine Lemke-Matwey

Wenn überhaupt, dann ist Marcello Viotti im internationalen Dirigenten-Jetset ein stiller Star gewesen. Einer, der wenig Aufhebens um sich machte; einer, der sich (seit 1982 unter den Fittichen von Wolfgang Sawallisch) keineswegs zu schade war für die berüchtigte „Ochsentour“ als Korrepetitor und Kapellmeister; ein leidenschaftlich-vifer, quirliger Musikant und perfekter Handwerker; ein Lockenkopf mit sanften bernsteinfarbenen Augen, der seinen Humor so schnell nicht verlor. Am Abend, nachdem in seinem Haus im französischen Lothringen vor Jahren ein Teil seiner wertvollen Originalpartituren-Sammlung in Flammen aufgegangen war, feierte er mit Musikerfreunden – als wäre (fast) nichts gewesen. Die rüde Abwicklung des Münchner Rundfunkorchesters aber, dem er als Chef von 1998 bis 2004 vornehmlich mit konzertanten Opernaufführungen zu einer neuen, unbajuwarisch-eleganten Identität verholfen hatte, machte ihm schwer zu schaffen.

Der am 29. Juni 1954 in der französischen Schweiz geborene Viotti zählte zu den renommiertesten und gefragtesten Dirigenten weltweit. Er gastierte regelmäßig in Paris, Mailand und New York. Auch in Wien, München und Hamburg sowie an der Deutschen Oper Berlin war Viotti häufig zu Gast (hier sollte er in der laufenden Spielzeit die Neuproduktion von „Cavalleria rusticana/Der Bajazzo“ leiten). Bei den Salzburger Festspielen hätte er in diesem Sommer die neue „Traviata“ mit Anna Netrebko in der Titelpartie dirigieren sollen. Der Italiener hatte am Konservatorium von Lausanne Klavier, Gesang und Cello studiert. Er war Kapellmeister an der Turiner Oper, künstlerischer Direktor des Stadttheaters Luzern, später Generalmusikdirektor der Stadt Bremen und Chefdirigent des Symphonieorchesters des Saarländischen Rundfunks. 2000 initiierte Viotti in München die ausgesprochen erfolgreiche Kirchenmusik-Reihe „Paradisi Gloria“, 2002 wurde er zum Musikdirektor am Teatro La Fenice in Venedig ernannt.

Viotti galt als einer der profiliertesten Dirigenten italienischer Opern, seine große Liebe aber gehörte der französischen Oper des 19. Jahrhunderts. Ein Genießer, kein Analytiker – und als solcher möglicherweise gerade auf dem Sprung nach ganz vorn, in die erste Reihe. Zuletzt stand Viotti am 5. Februar in der Wiener Staatsoper am Pult. In der vergangenen Woche erlitt er bei Proben von Massenets „Manon“ in München einen Schlaganfall und war nach der Operation eines Blutgerinnsels ins Koma gefallen. Mittwochabend ist Marcello Viotti im Alter von nur 50 Jahren gestorben. Es wird schwer sein, wie das Fenice verlauten ließ, „sich eine Zukunft ohne ihn vorzustellen.“

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