Kultur : Der Sarkast

Zum 80. Geburtstag von Hermann Kant

Katrin Hillgruber

Endlose Schlangen bildeten sich im vergangenen Jahr auf der Leipziger Buchmesse, als Hermann Kant sein Buch „Kino“ signierte. Auch Gruppenfotos von Parteischulungen und andere DDR-Devotionalien wurden ihm unter die gezückte Feder gehalten. Mit „Kino“ kehrte der Sohn eines Hamburger Gärtners in seine Heimatstadt zurück: Der Ich-Erzähler lässt sich im Schlafsack in der Innenstadt nieder und kommentiert sarkastisch den hanseatischen Kapitalismus aus der Froschperspektive.

„Welch schöner Doppelsinn des Wortes Schutzumschlag“, schrieb Hermann Kant einst im Klappentext seiner Geschichtensammlung „Bronzezeit“: Der Schutzumschlag schütze das Buch und seinen Autor auch. Das war 1986. Schutz, Vorsicht, wortreiche Absicherung der eigenen Person: Kant ist sich über seine gallenbittere Nach-Wende-Autobiografie „Abspann“ hinaus bis heute treu geblieben. Die jahrzehntelange Stasi-Mitarbeit leugnet er inzwischen nicht mehr.

Als „Meister des ,kritischen’ Zudeckens von Widersprüchen“ ging er in Wolfgang Emmerichs „Kleine Literaturgeschichte der DDR“ ein, und so begann seine Laufbahn bereits mit einem harmlosen Widerspruch: Die Erzählungen „Ein bisschen Südsee“ entfalteten 1962 keine Exotik, „sondern dröge Norddeutsches“, wie der Autor in koketter Selbstkritik bekannte. Sie ist das Markenzeichen eines Mannes, der sich allzu gerne als Thomas Mann der DDR gesehen hätte.

Wie kein anderer Autor seines Landes war er ein Repräsentant des Staates. Als langjähriger Vorsitzender des Schriftstellerverbandes, Mitglied im Zentralkomitee der SED und Volkskammerabgeordneter verfügte er über die Macht, die Kollegen in schwierigen Zeiten (etwa während der Biermann-Ausbürgerung 1976) zusammenzuhalten und bei Bedarf zu schikanieren. Aus diesen Funktionen bezog der einstige Elektriker, der in Germanistik promovierte, seine Existenzberechtigung. Ohne die Sowjetische Besatzungszone und ihre Arbeiter- und Bauernfakultäten wäre Hermann Kant – wie sein Bruder Uwe – wohl kaum Schriftsteller geworden. Er revanchierte sich mit einem Werk, in dem „die DDR so drin ist wie Sauerstoff in der Luft“.

Seit seinem ersten Roman „Die Aula“ (1965), der als DDR-Roman schlechthin gelten kann und für eine selbstbewusste neue Heimatliteratur steht, beschreibt er immer wieder die eigene Lebensgeschichte. Kants raffinierte „westliche“ Prosatechnik machte vor allem „Die Aula“ zum Lesevergnügen und beliebten Schulstoff. Seit der Wende liefert der Dialektiker Nachrichten aus einer neuen Eiszeit: „Mit siebzig / plus ist man für Höhlen und Gruben gut. Der dauerhafteste aller Permafröste wartet.“ Doch zur Freude seiner Leser treibt er auch weiterhin die schönsten literarischen Eisblumen – Sarkasmus hält munter. Heute gönnt sich Hermann Kant vermutlich eine Schreibpause und feiert im mecklenburgischen Prälank seinen achtzigsten Geburtstag.

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